Nach dieser Einleitung, welche weder eines gewissen Pompes noch Interesses ermangelt, folgt eine lange durchaus allegorische Beschreibung der göttlichen Größe. Es mögen hier einige Stellen aus derselben folgen:
„Er ist der Älteste der Alten, das Geheimniß der Geheimnisse, der Unbekannteste der Unbekannten. Er hat die Gestalt, welche ihm gehört und erscheint uns besonders als Greis, als der Älteste der Alten und der Unbekannteste unter den Unbekannten. Aber unter der Gestalt, in welcher er sich uns zu erkennen giebt, bleibt er dennoch der Unbekannte. Sein Kleid ist weiß und sein Anblick glänzend. Er sitzt auf einem Thron von Funken, welcher seinem Willen unterworfen ist. Das weiße Licht seines Hauptes erhellt viermalhunderttausend Welten. Viermalhunderttausend von diesem weißen Licht geborene Welten werden das Erbtheil der Gerechten in der künftigen Welt sein. Jeden Tag entsprossen aus seinem Gehirn dreizehntausend Myriaden Welten, welche ihm ihre Existenz verdanken und deren Last er allein trägt. Von seinem Haupt träuft der Thau, welcher die Todten erweckt und ihnen ein neues Leben bereitet. Darum steht geschrieben: Dein Thau ist der Thau des Lichtes. Er ist die Nahrung der Heiligen vom erhabensten Rang. Er ist das Manna, welches den Gerechten im künftigen Leben bereitet ist. Er steigt herab auf das Feld der heiligen Früchte.[411] Der Anblick dieses Thaues ist glänzend wie Diamanten, deren Farbe alle Farben in sich faßt. Die Größe dieses Gesichtes ist dreihundertsiebenzig mal zehntausend Welten. Darum heißt es ‚das große Gesicht‘, denn also ist der Name des Ältesten der Alten.“
Es würde jedoch der Wahrheit nicht entsprechen, wenn wir behaupten wollten, daß alles Übrige nach diesem Beispiel zu beurteilen sei, obschon die Bizarrerie, die Affektation und die orientalische Gewohnheit, die Allegorie auf die Spitze zu treiben, häufig den Adel und die Größe des Ausdrucks überwuchern. So wird z. B. das blendende Haupt, welches den ewigen Herd des Seins und Wissens repräsentieren soll, gewissermaßen zu einer anatomischen Studie, bei welcher weder die Stirn, noch das Gesicht, die Augen, das Gehirn, die Haare und der Bart vergessen sind; alles dies giebt Gelegenheit mit bis ins Unendliche gehenden Zahlen zu spielen, und dies gab Veranlassung, daß von neueren Schriftstellern gegen die Kabbalisten der Vorwurf des Anthropomorphismus und selbst des Materialismus erhoben wurde, obgleich sie denselben in keiner Weise verdienen. Ohne uns dabei weiter aufzuhalten, wollen wir hier einige für die Geschichte des menschlichen Geistes wichtige Stellen des Sohar mitteilen, deren erste – sehr umfangreiche – in Anschluß an die Worte des Jesaias[412]: „Wem wollt ihr denn mich nachbilden, dem ich gleich sei?“ sich mit den zehn Sephiroth oder den Attributen der Gottheit beschäftigt, so lange dieselbe noch in ihrer eigenen Wesenheit verborgen ist:
„Bevor irgend eine Form, irgend ein Bild in dieser Welt geschaffen wurde, war er allein, ohne Form und nichts ihm ähnlich. Und wer konnte ihn erfassen, da er vor der Schöpfung und noch ohne Form war? Daher ist es auch verboten, ihn unter irgend welchem Bild, in irgend einer Gestalt darzustellen, sei sie auch, was sie immer sei, selbst sein heiliger Name oder ein Buchstabe oder ein Punct. Dies ist der Sinn der Worte[413]: ‚So bewahret nun eure Seelen wohl, denn ihr habt kein Gleichniß gesehen des Tages, da der Herr mit euch redete aus dem Feuer auf dem Berge Horeb.‘ Das heißt nämlich: ihr habt nichts gesehen, was ihr in einer Gestalt, einem Bildniß darstellen könntet. Aber nachdem er die Gestalt des ‚himmlischen Menschen‘ (אדם עלאה) hervorgebracht hatte, bediente er sich der Merkaba (מרכבה) als eines Wagens, um herabzusteigen.“
„Er will unter der Form des heiligen Namens Jehovah genannt sein und giebt sich unter seinen Attributen zu erkennen, deren jedes einen besonderen Namen besitzt, als: Gott der Gnade, Gott der Gerechtigkeit, allmächtiger Gott, Herr der Heerscharen und ‚der, welcher ist‘. Seine Absicht war, seine Eigenschaften zu offenbaren und kund zu thun, wie sich seine Gnade und Barmherzigkeit sowohl auf die Welt als auf die Werke der Menschen erstreckt. Denn wie würden wir ihn erkennen können, wenn er nicht sein Licht allen Kreaturen geoffenbart hätte? Wie könnte man sonst sagen, daß die Welt von seinem Ruhm erfüllt sei? Wehe dem, der es wagt, ihn selbst mit einem seiner Attribute zu vergleichen! Noch weniger aber darf er mit dem Menschen verglichen werden, der auf die Welt gekommen und dem Tode verfallen ist. Man muß ihn als über allen Geschöpfen und allen Attributen stehend erkennen. Wenn man von all diesen Dingen abstrahiert, so bleibt weder Bild, noch Attribut, noch Figur, und er ist dem Meere vergleichbar, dessen Gewässer ohne Grenzen und Form sind; wenn sie sich aber über die Erde ergießen, so bringen sie ein Bild (דמות) hervor, welches sich in folgender Berechnung ausdrücken läßt: Die Quelle der Wässer des Meeres und der Glanz, welchen der Strahl der Sonne darauf wirft, sind zwei. Aus ihnen bildet sich ein riesengroßes Becken, welches in ungeheurer Tiefe ausgehöhlt ist. Dieses Becken ist mit den aus ihrer Quelle entströmenden Gewässern angefüllt; es ist das Meer selbst und kann als das Dritte betrachtet werden. Diese ungeheure Tiefe teilt sich in sieben Kanäle, durch welche sich, wie durch große Gefäße, das Wasser des Meeres ergießt. Die Quelle, der Strom, das Meer und die sieben Kanäle bilden zusammen die Zahl Zehn. Und wenn der Arbeiter, der diese Gefäße gebildet hat, dieselben zerbricht, so kehrt das Wasser zu seiner Quelle zurück, und es bleibt nichts als die vertrockneten wasserlosen Scherben. Die Ursache aller Ursachen hat also die zehn Sephiroth hervorgebracht. Die erste derselben, ‚die Krone‘, ist die Quelle, welche ein endloses Licht ausstrahlt, und von ihr kommt der Name des Unendlichen (אין סוף), En Soph, um die höchste Ursache zu bezeichnen, denn sie hat in dieser Gestalt weder Form noch Figur, und es giebt noch kein Mittel, sie zu begreifen, und keine Art und Weise, sie zu erkennen. In diesem Sinn steht geschrieben: ‚Sinnet nicht nach über etwas, das über euch ist.‘ Darauf bildet sich ein Gefäß, das fast wie ein Punkt zusammengedrückt ist, (der Buchstabe י), welches aber dennoch vom göttlichen Licht durchdrungen ist; es ist die Quelle der Weisheit, ja die Weisheit selbst, die Tugend, von welcher die höchste Ursache sich Gott nennt. Diese Quelle bildet alsdann ein Gefäß, unendlich wie das Meer selbst; man nennt es die Weisheit, und von ihm kommt der Name: der allweise Gott. Wir müssen nämlich wissen, daß Gott intelligent und weise seinem eigensten Wesen nach ist, und daß die Weisheit ihren Namen nicht durch sich selbst verdient, sondern durch ihn, der weise ist und das aus ihm emanirende Licht hervorgebracht hat. Nicht durch sie selbst kann man die Intelligenz begreifen, sondern durch ihn, welcher intelligent ist und die Intelligenz mit seiner eigenen Wesenheit erfüllt. Wenn er sich aus ihr zurückzöge, würde sie völlig zu nichte werden. Dies ist der Sinn der Worte[414]: ‚Wie ein Wasser ausläuft aus dem See, und wie ein Strom versieget und vertrocknet.‘ Endlich theilt sich das Meer in sieben Arme, welche sieben kostbare Gefäße bilden, welche genannt werden: die Barmherzigkeit oder die Größe; die Gerechtigkeit oder die Stärke; die Schönheit; der Triumph; der Ruhm; das Reich; der Grund oder die Basis. Aus diesem Grund wird Gott der Große oder der Barmherzige, der Starke, der Prächtige, der Gott des Siegs, der Schöpfer, welchem allein Ruhm gebührt, und der Urgrund aller Dinge genannt. Dies ist das letzte Attribut, welches die Grundlage aller übrigen und der Totalität der Welten bildet. Endlich ist Gott auch der König des Weltalls, denn in seiner Gewalt steht Alles, sei es, daß man die Zahl der Gefäße vermindern oder, je nach der zu treffenden Wahl das Licht, welches er ausstrahlt, vermehren will.“[415]
In diesem Text ist so ziemlich alles enthalten, was die Kabbalisten über die göttliche Natur gedacht haben; jedoch leidet derselbe selbst für die mit der kabbalistischen Ausdrucksweise Vertrauten an großer Unklarheit, weshalb es sich empfiehlt, seinen Inhalt in präciserer Ausdrucksweise wiederzugeben, indem wir das im Sohar an verschiedenen Stellen über die göttlichen Attribute Gesagte in einer Anzahl von Fundamentalsätzen zusammenfassen:
1. Gott war, bevor irgend etwas existierte, die unendliche Wesenheit. Deshalb kann er weder als die Gesamtheit der Dinge, noch als die Summe seiner Attribute betrachtet werden. Aber ohne diese Attribute und die von ihnen hervorgebrachten Wirkungen – so zu sagen ohne eine determinierte Form – ist es unmöglich, ihn zu begreifen oder zu erkennen. Dieser Grundsatz ist klar in folgenden Worten ausgesprochen: „Vor der Schöpfung war Gott ohne Gestalt, nichts gleichend, und in diesem Stand war er für die Intelligenz unbegreiflich.“ Aber wir beschränken uns nicht allein auf dieses Zeugnis, sondern hoffen, daß man den gleichen Sinn auch in folgender Stelle wiederfinde: „Bevor sich Gott offenbarte, als alle Dinge noch in ihm verborgen lagen, war er der Unbekannteste unter den Unbekannten. In diesem Stand hatte er keinen andern Namen als den der Frage. Er begann einen unfaßbaren Punkt zu bilden, welcher sein eigener Gedanke war. Alsdann bildete er durch seinen Gedanken eine geheimnißvolle und heilige Form, die er endlich mit einem reichen und glänzenden Kleid bedeckte. Dies ist das Weltall, welches nothwendiger Weise im Namen Gottes enthalten ist.“[416]
Weiterhin heißt es in der Idra Suta:
„Der Älteste der Alten ist gleichzeitig der Unbekannteste der Unbekannten; er ist von allem getrennt und nicht getrennt; er vereinigt in sich Alles, und nichts ist außer ihm. Er besitzt eine Gestalt, ohne daß es möglich ist, sie zu beschreiben. Er giebt Form und Existenz allem, das ist. Er läßt aus seinem Busen zehn Lichtstrahlen ausgehen, welche in der von ihm verliehenen Form erglänzen und alles mit Tageshelle erleuchten. Er ist gewissermaßen ein Pharus, welcher nach allen Seiten seine Strahlen spendet. Der Älteste der Alten, der Unbekannteste der Unbekannten ist ein erhabener Pharus, den man nur an seinem Licht erkennt, welches in überschwenglicher Fülle und Glanz in unsere Augen blitzt; und was man seinen heiligen Namen nennt, ist nichts anderes als dieses Licht.“[417]