Und welches ist die Gestalt, ohne welche alle Dauer und alle Organisation der endlichen Existenzen unmöglich ist, und welche so recht eigentlich den Arbeiter in den göttlichen Werken darstellt, die Gestalt, unter welcher die Gottheit sich offenbart und kundgiebt? Es ist die in ihrer höchsten Allgemeinheit verstandene menschliche Gestalt, welche alle moralischen und intellektuellen Attribute unserer Natur in ihrer gesamten Entwickelung und Fortdauer umfaßt, mit einem Wort den Geschlechtsunterschied, den die Verfasser des Sohar sowohl auf die Seele wie auf den Körper anwenden. Dieser so verstandene Geschlechtsunterschied oder vielmehr die Teilung und Reproduktion der menschlichen Gestalt sind für sie das Symbol des universellen Lebens, die regelmäßige und unendliche Entwickelung des Seins, eine regelmäßige und fortgesetzte Schöpfung nicht allein hinsichtlich der Dauer, sondern auch hinsichtlich der aufeinanderfolgenden Realisation aller möglichen Existenzformen.
Wir sind der Grundlage dieser Idee schon früher begegnet, hier folgt aber noch etwas mehr, nämlich die graduelle Expansion des Lebens, des Seins und des göttlichen Gedankens, welche nicht unmittelbar mit der Substanz begonnen hat, welcher im Gegenteil jene tumultuöse, ungeordnete und unorganische Emanation vorausging, von welcher wir eben gesprochen haben.
„Warum wurden jene Urwelten zerstört? Weil der Mensch noch nicht geschaffen war. Da nämlich die menschliche Gestalt alle Dinge in sich einschließt, ist auch Alles in ihr enthalten. Weil nun diese Gestalt noch nicht existirte, so konnten die früheren Welten weder bestehen noch sich erhalten, sie zerfielen in Trümmer, ehe die menschliche Gestalt geschaffen wurde, worauf sie aufs Neue, aber unter anderen Namen wiedergeboren wurden.“[447]
Wir wollen nicht abermals die Stellen wiederholen, in welchen von dem Geschlechtsunterschied des idealen Menschen die Rede ist; es genüge, daß von dieser Anschauung an unzähligen Stellen des Sohar die Rede ist, und daß sie auf den charakteristischen Namen „die Wage“ führt. Das Buch des Geheimnisses sagt:
„Ehe die Wage geschaffen wurde, beschauten sich der König und die Königin (die ideale und reale Welt) nicht von Angesicht zu Angesicht, und die alten Könige starben, weil sie nicht existiren konnten. Diese Wage ist an einem Ort aufgehangen, der nicht ist, (das primitive Nichtseiende), denn die auf ihrer Schale existierenden Orte waren noch nicht. Es ist eine ganz innere unsichtbare Wage ohne Stütze. Sie ist das, was nicht ist, was ist und was sein wird. Das trägt diese Wage.“[448]
Wir haben schon in einem früheren Citat gesehen, daß die Könige von Edom, die Urwelten, nicht durchaus verschwunden sind, denn nach dem kabbalistischen System wird nichts absolut geschaffen, und geht nichts absolut unter. Sie haben nur ihren alten Platz verloren, welcher der des aktuellen Universum war. Wenn aber Gott sich außerhalb seiner selbst in menschlicher Gestalt offenbart, erwachen sie wieder um unter andern Namen in das allgemeine System der Schöpfung einzutreten.
„Wenn man sagt, daß die Könige von Edom gestorben sind, so spricht man nicht von einem wirklichen Tod oder von einer vollkommenen Zerstörung, sondern jeder Verlust wird mit dem Namen Tod bezeichnet.“[449]
In Wirklichkeit stiegen sie wieder herab, oder besser gesagt – sie erhoben sich wieder aus dem Nichts, denn sie waren in den äußersten Grad des Universum versetzt worden. Sie repräsentieren die rein passive Existenz, oder, um uns der eigenen Ausdrucksweise des Sohar zu bedienen, die Gerechtigkeit ohne irgend welche Beimischung von Gnade, einen Ort der Strenge und Gerechtigkeit[450], wo alles weiblich ohne irgend ein männliches Prinzip, wo alles Widerstand und Trägheit wie in der Materie ist.
Deshalb wurden sie auch die Könige von Edom genannt, denn Edom war diametral Israel entgegengesetzt, welches die Gnade, das Leben, die spirituelle und aktive Existenz repräsentiert. Wir können also, wenn wir die meisten dieser Ausdrücke wörtlich nehmen, mit den neueren Kabbalisten sagen, daß die Urwelten ein Aufenthaltsort für die Bestrafung der Verbrechen geworden sind, und daß von ihnen jene bösartigen Wesen ausgehen, welche der göttlichen Gerechtigkeit zu Werkzeugen dienen. Nichts wird durch diesen Gedanken verändert, denn wie wir bei weiterer Untersuchung des Sohar sehen werden, in welchem die Metempsychose eine so große Rolle spielt, besteht die Züchtigung schuldiger Seelen hauptsächlich in der Wiedergeburt auf niedriger Stufe der Schöpfung und in größerer Sklaverei der Materie. Was die Dämonen anlangt, so wurden sie übereinstimmend mit dem Namen „Hüllen“ (קליפות) bezeichnet und sind weiter nichts als die Materie selbst und die von ihr abhängigen Leidenschaften. Also ist jede Existenzform von der Materie bis zur ewigen Weisheit eine Offenbarung oder, wenn man will, eine Emanation des unendlichen Wesens. Aber es genügt nicht, daß alle Dinge von Gott kommen müssen, um Realität und Bestand zu haben, Gott muß auch beständig inmitten derselben sein, damit er lebe, sich enthülle und von Ewigkeit zu Ewigkeit in ihnen aufs Neue erzeuge, denn wenn er sich von ihnen losmachen wollte, würden sie vergehen wie ein Schatten. Dieser Schatten ist auch ein Teil des göttlichen Wesens; er ist die Grenzmarke, wo Geist und Leben vor unsern Augen verschwinden; er ist das Ende, wie der ideale Mensch der Anfang ist.
Auf diese Grundsätze ist die Kosmologie und Psychologie der Kabbala gegründet.