Erstens ist in drei Fragmenten des Sohar, in den beiden Idra und im Buche des Geheimnisses in verschiedenster Weise sehr viel von der himmlischen und höllischen Hierarchie die Rede, was augenscheinlich eine Erinnerung an die babylonische Gefangenschaft ist. Weiterhin wird in andern Teilen des Sohar von unter dem Menschen stehenden Engeln gesprochen, welche als von einem blinden Impuls angetriebene Kräfte betrachtet werden. Hier eine solche Stelle:

„Gott belebte einen jeden Theil des Firmaments mit einem besondern Geist. Also wurden die himmlischen Heerschaaren gebildet, und sie standen vor ihm. Dies ist mit den Worten ausgedrückt: Mit dem Hauche seines Mundes schuf er die himmlischen Heerschaaren. Die heiligen Engel, welche die Boten des Herrn sind, steigen nur auf einem Weg herab, aber in den Seelen der Gerechten giebt es zwei Wege, welche sich zu einem verbinden. Deshalb steigen die Seelen der Gerechten höher, denn ihr Rang ist ein höherer.“[468]

Die Talmudisten selbst, obgleich sie sich an den Buchstaben halten, bekennen sich zu dem gleichen Grundsatz:

„Die Gerechten stehen höher als die Engel.“[469]

Wir begreifen das, was man mit diesen Geistern, welche die Himmelskörper und Elemente beseelen, sagen will, besser, wenn wir auf ihre Namen und die ihnen zugeschriebenen Verrichtungen Obacht geben.

Vor allen Dingen muß man die rein poetischen Personifikationen, über deren Natur kein Zweifel obwalten kann, ausscheiden. Dies sind jene Engel, deren Namen einer moralischen Eigenschaft oder einer metaphysischen Abstraktion entnommen sind, wie z. B. das gute und böse Verlangen, welche man unsern Augen als reale Personen darstellen will, der Engel der Reinheit (Tahariel), der Barmherzigkeit (Rachmiel), der Gerechtigkeit (Zadkiel), der Befreiung (Padael) und der berühmte Raziel, welcher mit eifersüchtigen Augen die Geheimnisse der kabbalistischen Weisheit bewacht.[470]

Etwas anderes ist der von allen Kabbalisten anerkannte Grundsatz, nach welchem das allgemeine System der Wesen, welche die himmlische Hierarchie bilden, in der dritten Welt, welche „die Welt der Gestaltung“ (Olam Jezirah) genannt wird, beginnt, und die die Fixsterne und Planeten umfaßt. Wie wir schon gesagt haben, ist der Herr dieser unsichtbaren Welt der Engel Metatron, welcher unter dem Throne Gottes steht, und durch den dieser „die Welt der Schöpfung“ oder der reinen Geister (Olam Briah) schuf. Seine Aufgabe ist es, die Einheit, Harmonie und Bewegung zu erhalten. Er ist eine jener blinden unendlichen Kräfte, durch welche man Gott unter dem Namen „Natur“ ersetzen wollte. Unter seinem Befehl stehen Myriaden von Geistern, welche man – zweifelsohne zu Ehren der Sephiroth – in zehn Kategorien geteilt hat. Diese untergeordneten Engel befinden sich in den verschiedenen Teilen der Natur, in jeder Sphäre und in jedem Element, während ihr Herr im Universum thront.

Also beherrscht der eine die Bewegungen der Erde, der andere die des Mondes, und das gleiche findet statt bezüglich der anderen Himmelskörper.[471] Der Engel des Feuers heißt Nuriel, der des Lichts Uriel; ein dritter steht den Jahreszeiten vor, ein vierter der Vegetation. Endlich werden alle Erzeugnisse, alle Kräfte und alle Erscheinungen der Natur auf dieselbe Weise repräsentiert.

Die Absicht dieser Allegorien wird vollkommen klar, wenn es sich um die bösen Geister handelt. Wir haben schon die Aufmerksamkeit auf den Namen gelenkt, welchen man im allgemeinen den Mächten dieser Ordnung beilegt. Die Dämonen sind für die Kabbalisten die gröbsten, unvollkommensten Formen, die Hüllen der Existenz, nämlich alles das, welches die Abwesenheit des Lebens, der Intelligenz und der Ordnung darstellt. Also bilden diese Engel wie die zehn Sephiroth, zehn Grade, in denen die Finsternis und die Unreinheit sich mehr und mehr verdichtet wie in den höllischen Kreisen Dantes.[472]