Um zu begreifen, wie sich diese drei Prinzipien oder vielmehr diese drei Grade der menschlichen Existenz, ungeachtet des sie trennenden Abstandes, sich zu einem einzigen Wesen verbinden, wird hier der Vergleich wiederholt, dessen sich schon das Buch der Schöpfung hinsichtlich der göttlichen Attribute bedient. An einer Unzahl von Stellen wird von diesen drei Seelen gesprochen; aber ihrer Klarheit wegen bringen wir nur die folgenden zur Wiedergabe:

„In den drei Dingen, dem Geist, der Seele und dem sinnlichen Leben finden wir ein getreues Bild von dem, was von oben herabsteigt; denn alle drei bilden nur ein einziges Wesen, in welchem alles zu einer Einheit verbunden ist. Das sinnliche Leben besitzt an sich selbst kein Licht und ist deshalb mit dem Körper eng verbunden, welchem es die Freuden und die Nahrung, deren er bedarf, beschafft. Man kann es mit den Worten des Weisen erklären: ‚Es bereitet seinem Haus die Nahrung und weist den Knechten ihr Tagewerk an.‘ Das Haus ist der zu ernährende Körper, und die Knechte sind die Glieder, welche ihm gehorchen. Über das sinnliche Leben erhebt sich die Seele, welche es unterjocht, ihm Gesetze auflegt und erleuchtet, soviel es die Natur bedarf. Das animalische Prinzip steht also unter der Herrschaft der Seele. Über die Seele endlich erhebt sich der Geist, welcher alles beherrscht und auf sie ein Licht des Lebens wirft. Die Seele wird durch dieses Licht erleuchtet, und alles hängt vollkommen vom Geist ab. Nach dem Tod hat sie keine Ruhe; die Thore des Eden werden nicht eher geöffnet, als bis der Geist zu seiner Quelle, dem Ältesten der Alten, zurückgekehrt ist, um von ihm von Ewigkeit zu Ewigkeit erfüllt zu werden, denn alles kehrt zu seiner Quelle zurück.“[485]

Jede dieser drei Seelen hat, wie leicht einzusehen, ihren Ursprung in einem verschiedenen Grad der göttlichen Wesenheit. Die höchste Weisheit, welche auch das himmlische Eden genannt wird, ist der alleinige Ursprung des Geistes. Die Seele kommt nach den Auslegern des Sohar von dem Attribut, welches in sich die Gerechtigkeit und Gnade vereinigt, nämlich von der Schönheit. Das animalische Prinzip endlich, welches sich nie über diese Welt erhebt, hat keine andere Basis als die Attribute der Stärke, welche im Reich zusammengefaßt sind.

Außer diesen drei Elementen kennt der Sohar noch ein anderes von ganz außerordentlicher Natur, auf dessen alten Ursprung wir im weiteren Verlauf zurückkommen werden. Es ist die äußere Form des Menschen, aufgefaßt als eine vom Körper getrennte Existenz, mit einem Wort: die Idee des Körpers mit den persönlichen Zügen, welche uns von den andern unterscheiden. Diese Idee steigt vom Himmel herab und wird sichtbar im Augenblick der Empfängnis.

„In dem Augenblick der irdischen Vereinigung sendet der Heilige, dessen Name gelobt sei, vom Himmel herab eine Form von der Ähnlichkeit des Menschen, welche den Abdruck des göttlichen Siegels trägt. Diese Form hilft bei dem Act, von welchem wir sprechen, und wenn das Auge sehen könnte, was dabei vorgeht, so würde man über seinem Haupt ein dem menschlichen Gesicht vollkommen ähnliches Bild erblicken, welches das Modell ist, nach welchem wir geschaffen sind. Wenn es von dem Herrn nicht herabgesandt wird und nicht über unser Haupt schwebt, so findet keine Zeugung statt, denn es steht geschrieben: ‚Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde.‘ Dieses Bild empfing uns bei unserer Ankunft auf der Welt, es entwickelt sich, wenn wir wachsen, und verläßt mit uns die Erde. Sein Ursprung ist im Himmel. Im Augenblick, wo die Seelen ihren himmlischen Aufenthaltsort verlassen, erscheint jede Seele vor dem höchsten König, bekleidet mit einer erhabenen Form, in welche die Züge eingegraben sind, welche sie hier unten tragen soll. Das Bild, von dem wir reden, besteht in dieser erhabenen Form, es kommt als drittes hinter der Seele, es geht uns auf der Erde voraus und erwartet unsere Ankunft seit dem Augenblick der Empfängniß; es ist beständig gegenwärtig bei dem Akt der ehelichen Vereinigung.“[486]

Bei den neueren Kabbalisten wird dieses Bild das individuelle Prinzip genannt.

Endlich haben einige unter dem Namen Lebensgeist in die kabbalistische Psychologie ein fünftes Prinzip eingeführt, welches seinen Sitz im Herzen hat, und das der Kombination und Organisation der materiellen Elemente vorsteht und sich gänzlich vom Prinzip des tierischen Lebens, vom sinnlichen Leben unterscheidet, wie bei Aristoteles und den scholastischen Philosophen die negative Seele sich von der sensitiven unterscheidet. Diese Meinung gründet sich auf eine allegorische Stelle des Sohar, wo gesagt wird, daß jede Nacht während unseres Schlafs unsere Seele zum Himmel hinaufsteigt, um Rechenschaft von ihrem Tagewerk abzulegen, und daß in diesem Augenblick der Körper nur von einem im Herzen wohnenden Lebenshauch beseelt wird.[487]

Aber diese beiden letzteren Elemente zählen nichts in unserer geistigen Existenz, welche völlig in der innigen Verbindung des Geistes mit der Seele aufgeht. Was nun die augenblickliche Verbindung dieser beiden oberen Prinzipien mit dem sinnlichen anlangt, wodurch dieselben an die Erde gekettet werden, so wird sie nur als ein Übel angesehen.

Man will dieselbe nicht nach dem Beispiel des Origenes und der Gnostiker für einen Fall oder ein Exil gelten lassen, wohl aber für ein Erziehungsmittel und eine heilsame Probe. In den Augen der Kabbalisten ist es eine Notwendigkeit für die Seele, eine mit ihrer endlichen Natur zusammenhängende Notwendigkeit, eine Rolle im Universum zu spielen, das Schauspiel der Schöpfung zu betrachten, und das Bewußtsein ihrer selbst und ihres Ursprungs zu erhalten, und zurückzukehren ohne sich vollkommen mit der unerschöpflichen Quelle des Lichtes und Lebens zu vermischen, welche man den göttlichen Gedanken nennt. Im andern Fall würde der Geist nicht hernieder steigen können, ohne gleichzeitig die beiden unteren Prinzipien, ja sogar die noch niedriger stehende Materie zu erheben. Wenn das menschliche Leben vollendet ist, ist es gewissermaßen eine Art Versöhnung zwischen den beiden äußersten Grenzen der Existenz, in ihrer Gesamtheit betrachtet, zwischen dem Idealen und Realen, zwischen der Form und dem Stoff, oder wie das Original sagt, zwischen dem König und der Königin. Es mögen hier diese beiden zwar in poetischer Form, aber unverkennbar geschilderten Konsequenzen folgen: