Doch werden uns neben diesen einige nicht uninteressante anthropologische Bemerkungen überliefert. So soll er sich die erste Entstehung des Menschen als eine Entwickelung aus dem Erdschlamm durch die Sonnenwärme herbeigeführt gedacht haben.
Überhaupt aber scheint er, insofern der Vorläufer der Naturphilosophie des Telesius[569], alle Erscheinungen der Natur aus zwei unveränderlichen Gegensätzen, die Aristoteles als Warmes und Kaltes, als Feuer und Erde bezeichnet, abgeleitet zu haben. Von diesen beiden, bemerkt Aristoteles weiter, stellte er das Warme mit dem Seienden, das Kalte mit dem Nichtseienden in Parallele. Alle Dinge sind ihm aus diesen Gegensätzen gemischt; je mehr Feuer, destomehr Sein, Leben und Bewußtsein.
[III.]
Zeno, der Eleat.
Zeno, der Eleat, wohl zu unterscheiden von dem etwa ein Jahrhundert später geborenen Begründer der stoischen Schule Zeno aus Cittium, ist durch seine bekannten logischen Argumente zur indirekten Beweisführung der eleatischen Hauptlehre von der Einheit des Seins berühmt:
- Wenn vieles wäre, so müßte dasselbe zugleich unendlich klein und unendlich groß sein, jenes wegen der Größelosigkeit der letzten Teile, dieses wegen der unendlichen Vielheit derselben. Ferner müßte ja das Viele der Zahl nach begrenzt und doch auch unbegrenzt sein.
- Die Realität des Raumes leugnet Zeno; denn, wenn alles Seiende in einem Raume wäre, so müßte der Raum auch wieder in einem Raume sein, und so fort ins Unendliche.
- Die Bewegung ist nichts Wirkliches. Denn:
- Die Bewegung kann nicht beginnen, weil der Körper nicht an einen anderen Ort gelangen kann, ohne zuvor eine unbegrenzte Zahl von Zwischenorten durchlaufen zu haben.
- Achilleus kann die Schildkröte nicht einholen, weil dieselbe, so oft er an ihren bisherigen Ort gelangt ist, trotz ihrer langsameren Bewegung auch diesen immer schon wieder verlassen hat.
- Der fliegende Pfeil ruht. Denn er ist in jedem Moment nur an einem Orte.
- Der halbe Zeitabschnitt ist gleich einem ganzen; denn der nämliche Punkt durchläuft mit der nämlichen Geschwindigkeit einen gleichen Weg, das eine Mal in dem halben, das andere Mal in dem ganzen Zeitabschnitt.[570]
Wir können nur bedauern, daß uns die eleatische Philosophie nur bruchstückweise, besonders in den Schriften des Aristoteles, der sich eingehend mit ihrer Widerlegung beschäftigt, erhalten ist. Denn wir sehen, daß in ihr der menschliche Geist zum ersten Male mit echt philosophischer Besonnenheit die höchsten Probleme des rein logischen und erkenntniskritischen Denkens, die Frage nach der Einheit des Seins, dem Wesen von Raum und Zeit, dem Verhältnis von Wirklichkeit und Erscheinung, dem Begriff der Unendlichkeit sich wenigstens formuliert hat. Die deutliche Formulierung der Aufgabe ist aber der erste große Schritt zur Lösung. Es kann nun hier nicht der Ort sein, auch noch zu untersuchen, wie weit die ersten Schritte zur Lösung der Aufgabe selbst von den Eleaten in der Richtung des selbst heute noch keineswegs erreichten Endziels geführt haben; selbstverständlich können diese ersten Schritte nur höchst unsicher und unbeholfen gewesen sein. Eine vortreffliche Würdigung der Eleatischen Gedanken bietet Dühring in seiner Geschichte der Philosophie I, S. 34–50, und ich hebe aus den Bemerkungen dieses eminent kritischen Philosophen nur folgende Sätze hervor: „Der Begriff des einheitlichen Seins repräsentiert die höchste zusammenfassende Kraft des Denkens und die größte Energie der spekulativen Synthese.“ – Die Hauptschwierigkeit, auf welche zuerst aufmerksam gemacht zu haben, ein besonderes Verdienst der Eleaten ist, liegt in der Idee des Unendlichen. „Die zwingende Kraft und die eigentliche Schlüssigkeit der Eleatischen Wendungen ist in der That in jener logischen Notwendigkeit zu suchen, die nicht gestattet, das Unendliche als vollendet, die Unzahl als gleichsam abgezählt und abgeschlossen zu denken. Hier liegt die Kraft und Schärfe der Eleatischen Dialektik verborgen, nicht aber in anderen untergeordneten Umständen und Hilfsmitteln der Darlegung. Es ist der falsche Unendlichkeitsbegriff, der sich überall und auch da, wo er zunächst garnicht sichtbar ist, als die wahre Ursache der Unvereinbarkeiten erweist. Er ist es, der die Idee der Veränderung und Vielheit verdächtig macht. Er verschuldet die Unzerlegbarkeit der Bewegung. Auf seine Fassung wird in letzter Instanz bei jeder Wendung zurückgegriffen, und der Widersinn einer absolvierten Unendlichkeit ist der logische Obersatz und das leitende Prinzip aller gegen die gemeine Vorstellung gerichteten Ansprüche.“
Das nun, was Dühring in seinen philosophischen Systemschriften als „Gesetz der bestimmten Anzahl“ erwiesen hat und wodurch sich der bisher herrschende falsche Unendlichkeitsbegriff ausgemerzt findet, ist auch der Schlüssel, zu den Rätseln der Eleaten, überdies aber, was mehr bedeutet, der Eröffner eines richtigen logischen Seins- und Weltschematismus.
Hierin liegt auch von dem kritischen Standpunkte aus, den der Herausgeber zum „Occultismus“ einnimmt, schließlich die Berechtigung, den Eleaten einen Platz innerhalb einer Geschichte des „Occultismus“ einzuräumen. Denn bei denjenigen feineren Wendungen der occultistischen oder „mystischen“ Geistesrichtung, die sich über das wüste Ideendelirium der Kabbalisten und ähnlicher „Offenbarungen“ einer intellektuellen Anschauung (lucus a non lucendo) zum Versuche einer logischen Rechtfertigung erheben, ist es ja allemal der falsche Unendlichkeitsbegriff, der den Ausgangspunkt oder richtiger Eingangspunkt in ein Labyrinth bildet, aus dem kein Ausweg möglich ist. Mit vollem Rechte hat daher du Prel selbst Kant, der auf die eleatischen Fragen auch nur eine traum-idealistische Antwort zu geben verstand, als Mystiker in Anspruch nehmen können.[571] Auch ist ja das Sinnbild jener falschen Unendlichkeit, die sich selber in den Schwanz beißende Schlange, das Symbol der neubuddhistischen Theosophie. Von der ernsten Rechenschaft freilich, welche sich die Eleaten über die angedeuteten Probleme zu geben versuchten, findet man bei diesen Neu-Buddhisten europäischer Abstammung keine Spur. Vielmehr dient ihnen der Hinweis auf die bloß phänomenale Seite der Wirklichkeit nur zur Rechtfertigung jeglicher, auch der wüstesten traumhaften Lebensauffassung. Die Eleaten aber sind, wie richtig Dühring bemerkt, ungeachtet ihrer noch nicht genügenden Klärung über den Begriff des Seins und seines Verhältnisses zum Denken, doch weit entfernt gewesen, die gegenständliche Existenz der Dinge zu leugnen. Sie waren empirisch Realisten und nur transcendentale Idealisten.
Vergl. Kant, Kritik der reinen Vernunft (Kehrbach S. 55, 56). „Offenbar kann es sich in keiner philosophischen Vorstellung um die Leugnung der Existenz überhaupt, sondern stets nur um die Rangordnung der Realitäten handeln.“[572]