Demeters Jahresfest begehen die Matronen,
Den Leib in weißen Kleidern eingehüllt,
Und opfern Erstlingsfrüchte von der Ernte,
Den Ährenkranz im wohlgepflegten Haar,
Neun Nächte lang nun achten sie's für Sünde,
Dem Manne sich in Liebe zu vereinen.

Creuzer (Symbolik IV. 374) findet darin eine Anspielung auf die neuntägige Ungewißheit und Trauer der Ceres über das Verschwinden der Persephone.

Ein eigenartiges Licht auf die natürliche Sinnlichkeit der griechischen Frau wirft nun dabei die Nachricht, daß die Frauen sich diese Enthaltsamkeit erleichterten, indem sie auf allerlei Kräutern saßen und ruhten, denen besondere Kräfte zur Abstumpfung des Geschlechtstriebes zugeschrieben wurden. Unter andern zählte man dazu das κνέωρον, aus der Gattung Daphne, den λύγος, eine Weidenart (agnus castus, Keuschlamm), κονύζα oder κνύζα (erigeron graveolens). In Milet war die Fichte der Demeter heilig und wurden deren Zweige zu demselben Gebrauche verwandt. (Vgl. Preller, Demeter und Persephone S. 345 Nr. 36.) Den Genuß der Granate mußten die Frauen in dieser Vorbereitungszeit meiden, da derselben eine entgegengesetzte Wirkung beigelegt wurde, weshalb sie gerade umgekehrt als Symbol bei der Hochzeit ihre Rolle spielte und gemeinsam von den Neuverehelichten genossen wurde. Als Persephone in der Unterwelt von der Granate gekostet hat, verliert sie die Möglichkeit der freiwilligen Rückkehr:

„Nach dem Apfel greift sie, und es bindet
Ewig sie des Orkus Pflicht.“ (Schiller.)

Seltsamerweise aber bucken sie in derselben Zeit Festkuchen aus feinem Weizenmehl, Sesam und Honig, sog. μύλλοι, die eine sehr obscöne Form hatten, nämlich teils die männliche des Phallus, teils die des weiblichen Organs. Vgl. Athenaeus XIV. 647. Nach Delaur, Des divinités generatrices p. 226 hat diese Sitte sich in einigen Gegenden Frankreichs erhalten: Dans plusieurs parties de la France on fabrique des pains, qui ont la figure du Phallus. On en trouve de cette forme dans le ci-devans Bas-Limousin et notamment à Brires. Quelque fois ces pains on „miches“ out les formes du sexe feminin; tels sont ceux que l'on fabrique à Clermont en Auvergne et ailleurs. Näheres bei Lobeck, Aglaophamus p. 1067ff. Bryerinus Campagius (de re cibar. VII. 7. 402. 1560) rügt, daß sich diese Unsitte auch in den christlichen Zeiten noch erhalten hat, „adeo degeneravere boni mores, ut etiam Christianis obscoena et pudenda in cibis placeant; sunt enim quos cunnos saccharatos appellent.“

Das eigentliche Fest, zu dem man sich so vorbereitete, dauerte fünf[604], oder nach Wellauer (De Thesmophor.) drei Tage. Wie bereits gesagt, nahmen nur Frauen an der Feier teil, kein Mann durfte nahen, bei strenger Strafe. Am ersten Festtage, dem 9. Pyanepsion (Oktober?) zogen die Frauen in zwanglosen einzelnen Zügen nach Halimus. Dieser Ort lag am Strande des Meeres. Vermutlich nahmen sie hier zum Zwecke der Reinigung und Entsühnung Bäder und Waschungen im Meere vor.[605]

Der Tag hieß στήνιαι (Sthenien) angeblich wegen der Neckereien und Scherze, welche die einzelnen sich begegnenden Züge miteinander ausübten. Vermutlich sangen sie keineswegs immer sehr anständige Lieder, die sogar mit allerlei unanständigen Geberden illustriert wurden. Man versammelte sich vor und in dem uralten Tempel der Göttin, wo dann eine nächtliche Orgie gefeiert wurde. Einiges Licht auf die Art der Feier in Halimus wirft ein erst im Jahre 1870 entdecktes Scholion zu Lucian, Dial. meretr. II. 1 (Rohde, Rhein. Museum N. F. 25). Die Frauen versenkten neben den Backwerken der vorhin geschilderten Gestalt lebende Ferkel in eine Grube. Angeblich geschah letzteres zur Erinnerung daran, daß Eubulos an der Stelle, wo Pluto die Proserpina zur Unterwelt entführte, gerade eine Schweineheerde hütete und daß diese in den sich öffnenden Erdschlund mit hinabgerissen wurde. Das Ferkel hat aber im Griechischen auch noch eine andere den bildlichen Darstellungen der genannten Backwerke durchaus kongruente Nebenbedeutung, wie aus des Aristophanes Acharnern V. 755–785 deutlich erhellt. Darum wurde es mit Vorliebe der Demeter geopfert. Es ist ein Sinnbild der Fruchtbarkeit.

Die Orgie in Halimus zeichnete sich durch große Ausgelassenheit aus. Man denke sich die Frauen Athens, in der übrigen Zeit des Jahres meist in ihrer Häuslichkeit eingeschlossen, jetzt plötzlich für einige Tage völlig der strengen Obhut entledigt und unter sich beim Opfermahl schwelgend, wobei fast aller Witz sich um den einen, durch eine neuntägige Enthaltsamkeit nur um so mehr erregten, Gedanken des Festes drehte. Besonders wird allseitig berichtet, daß die Handlung der Baubo, durch welche diese die Ceres zuerst in ihrer Trauer erheiterte, von den Weibern mit Vorliebe bei dieser Gelegenheit nachgeahmt wurde. Daß dies auch bei dem Jakchoszuge der Eleusinien vorkam, wurde schon oben erwähnt. Hier, wo nur Frauen unter sich waren, geschah es in weit rückhaltloserer Weise. Genaueres darüber hat der Philologe Lobeck in seinem klassischen leider lateinisch geschriebenen Werke Aglaophamus II. e. 6 zusammengestellt. Das deutlichste Licht darauf werfen einige Kirchenväter, die gerade diese schamlose Seite altheidnischer Feste in geschicktester Weise zum Angriffspunkte gegen den Paganismus benutzt haben. Ich citiere den Arnobius, ohne mich jedoch aus begreiflichen Gründen zu einer Übersetzung der von jeder modernen Prüderie allzuweit entfernten Stelle zu bequemen: Baubo accipit hospitio Cererem; sitienti ad ores oggerit potionem cinnum; aversatur et respuit dea. – Tum vertit Baubo artes et quam serio non quibat (poterat) allicere, ludibriorum statuit exhilarare miraculis; partem illam corporis, per quam sexus femineum sobolem solet prodere, facit in speciem laevigari (levigari) nondum duri atque striculi pusionis, redit ad deam tristem et retegit se ipsam,

Sic effata sinu vestem contraxit ab imo
Objecitque oculis formatas inguinibus res,
Quas cava succutiens Baubo manu, nam puerilis
Ollis vultus erat, plaudit, contrectat amice.
Tum Dea defigens augusti luminis orbes,
Tristitias animi paulum mollita reponit;
Inde manu poculum sumit, risuque sequenti
Producit totum cyceonis laeta liquorem.

Etwas anders heißt es in den angeblichen Versen des Orpheus: