Der erstere endete, da eine Leichenfeier nach orientalischen Begriffen verunreinigt, mit Sühnungen und Reinigungen durch Gebete und Waschungen, und hierbei wurden jene Worte gesprochen, die Demosthenes erwähnt: „Ich entrann dem Übel und fand das Bessere.“

Der Tagdienst versinnlichte die Hoffnungen einer künftigen Seligkeit, die man ausdrücklich als das glückliche Loos der Eingeweihten betrachtete. Als geheiligte Dionysosdiener (Bacchen) begaben sie sich in Festzügen zu den Tempeln, um Dankopfer darzubringen; mit Weißpappel und Fenchel bekränzt, während die begleitende Menge Nartheken- und Kistoszweige in den Händen trug (der Kistos, cistus, war ein Strauch mit rosenfarbigen Blüten), unter den Jubelrufen: Hyes Attes usw.: „Er lebt der Vermißte, der Vermißte lebt!“

Die „Orphiker“ waren, wie alle anderen Mysten zur strengen Geheimhaltung der mit ihrem mystischen Kultus verknüpften Lehre verbunden.

Daß nämlich ein bestimmter Ideenkreis mit dem samothrakischen Weihedienst verbunden war, berichtet schon Herodot II. 51. „Wer in die samothrakischen Mysterien eingeweiht ist, weiß, was ich meine“, ist freilich alles, was er sagt. Offenbar war er selber in sie eingeweiht und scheute sich deshalb etwas Näheres mitzuteilen. Aller Wahrscheinlichkeit nach aber ist diese Lehre in dem als „heilige Sagebezeichneten Gedichte niedergelegt, das man in der alexandrinischen Periode allgemein dem Pythagoras als Verfasser zuschob; die Pythagoräer jener Zeit waren sämtlich Orphiker.

Man wird sich dieses Gedicht bei der feierlichen Aufnahme in den Kreis der Mysten gesprochen zu denken haben:

„Jünglinge, horcht ehrfürchtig und still auf Alles. Ich will jetzt
Zu den Geweiheten reden. Profanen schließet die Thüren,
Allen zumal. Du Sprößling des leuchtenden Monds und der Musen
Sohn, Du höre. Denn Wahres verkünd' ich, damit nicht des Busens
Früher gehegter Wahn Dein liebes Leben verblende.
Trachte nach göttlicher Einsicht vielmehr, sie faß in das Auge,
Lenke nach ihr das verständige Herz, und wandel' auf ihrem
Pfad recht, einzig den Blick auf den Herrscher des Weltalls gerichtet.
Einer Er, sein selbst Grund. Von dem Einen stammt alles Geschaffne.
Darin tritt Er hervor; denn Ihn selbst ist der Sterblichen Keiner
Anzuschauen im Stande, obgleich sie Sämmtliche Er schaut.
Er ist's, der aus Gutem den Sterblichen Übles verhänget:
Schauder erregenden Krieg und beweinenswürdige Trübsal;
Auch ist kein Anderer ja noch außer dem großen Beherrscher.
Aber Ihn kann ich nicht schau'n; denn in Dunkel ist er gehüllet,
Und wir Sterblichen haben nur blöde sterbliche Augen,
Zu schwach ihn zu erblicken, den Gott, der Alles regieret.
Denn auf das eh'rne Gewölbe des Himmels hat er errichtet
Seinen goldenen Thron, die Erde liegt ihm zu Füßen,
Und bis fern zu den Grenzen des Oceans hält er die Rechte
Allhin ausgestreckt; vor ihr erbeben die hohen
Berg' und die Ström' und die Tiefen des bläulichen dunkelen Meeres.
O Du Herrscher des Meers und des Landes, des Äthers und Abgrunds,
Der Du den festen Olymp mit Deinem Donner erschütterst,
Du, vor welchem die Geister erschauern, die Götter erzittern,
Dem die Geschicke gehorchen, so unerweichlich sie sonst sind,
Ewiger Vater der Mutter Natur, deß Willen sich Alles
Beugt, der die Winde bewegt, den Himmel mit Wolken verhüllet,
Deß Blitzstrahlen der Äther sich theilt, – Dein ist der Gestirne
Ordnung, sie laufen nach Deinen unwandelbaren Geheißen,
Dein ist der junge Lenz, der von purpurnen Blumen erglänzet,
Dein ist des Winters Sturm, der Schneegestöber heranführt,
Dein ist der bacchisch jubelnde Herbst, der Früchte vertheilet.
Ew'ges unsterbliches Wesen, nennbar Unsterblichen einzig,
Komm, mit dem mächtigen Schicksal vereint, o erhabenste Gottheit,
Furchtbar und unbezwinglich und ewig, in Äther gehüllt, und
Gnad' uns, gepriesene Zahl, die du Götter und Menschen erzeuget,
Heil'ge Vierfaltigkeit Du, die der ewig strömenden Schöpfung
Würze enthält und Quell! Denn es gehet die heilige Urzahl[608]
Aus von der Einheit[609] Tiefen, der unvermischten, bis daß sie
Kommt zu der heiligen Vier[610]; die gebiehrt dann die Mutter des Alls[611], die
Alles aufnehmende, Alles umgränzende, erstgebor'ne,
Nie ablenkende, nimmer ermüdende, heilige Zehn, die
Schlüsselhalt'rin des Alls, die der Urzahl[612] gleichet in Allem.
Aber Du, säume nicht zögernd, Du Sterblicher, wechselnd gesinnter,
Sondern zur Umkehr lenkend mach' huldvoll geneigt Dir die Gottheit.
Ehre zuerst die unsterblichen Götter, so wie es die Sitte
Lehrt; hoch halte den Eid, und dann die erlauchten Heroen.
Leist' auch die bräuchlichen Pflichten den unterird'schen Dämonen!
Ehre die Eltern sodann, und die Dir am nächsten verwandt sind,
Und vor den Andern erwähle zum Freund, wer an Tugend hervorragt.
Werde dem Freund nicht Feind um keine Fehler, so lang Du
Irgend nur kannst; wohnt Können und Müssen doch nah bei einander.
Dies nun halte Du so. Zu beherrschen gewöhne Dich aber
Dieses: vor allem den Bauch, dann den Schlaf und die Wollust und dann den
Zorn. Unsittliches sollst Du mit Anderen weder verüben,
Noch auch allein; denn es ziemt Dir am meisten Scham vor Dir selber.
Ferner Gerechtigkeit lern' in Werken und Worten zu üben,
Und bei Nichts Dich im Leben mit Unvernunft zu betragen!
Sondern erwäge, daß blos der Tod uns allen gewiß ist,
Daß man den ird'schen Besitz bald aber gewinnt, bald verlieret.
Drum, was des Himmels Geschick an Schmerzen den Sterblichen bringet,
Wenn Du Dein Theil empfängst, so trag es und murre nicht, sondern
Suche zu heilen, so viel Du vermagst, und denke, daß dessen
Doch nicht allzuviel aufbürdet das Schicksal den Guten.
Vielerlei ist das Gerede, bald gut und bald schlecht, das die Menschen
Trifft: Drum lasse Du's weder Dich jemals erschrecken, noch jemals
Gar am Handeln verhindern; und sagt man Lügen, so trags mit
Gleichmuth. Was ich Dir aber jetzt sage, das thue vor Allem:
Niemand mit Wort und mit That bewege Dich je, daß Du Etwas
Thust oder sagst, was Du selber nicht als das Bessere billigst!
Vor der That überlege, daß es nichts Thörichtes werde,
Sondern Du nur vollführst, was nicht nachher Dich gereu'n wird.
Tröpfe nur sagen und thun, was Unvernunft für einen Mann ist.
Was Du nicht recht verstehst, unternimm nicht, sondern wo's Noth ist,
Laß Dich belehren! So wird das Leben Dir heiter und leicht sein.
Auch die Gesundheit des Körpers ist werth, daß Du nicht sie mißachtest,
Sondern in Speis' und in Trank und in leiblichen Übungen halte
Maß; und das richtige Maß heiß' ich was nie Dich erschöpfet.
Sauberkeit liebend auch sei, doch fern von Üppigkeit Deine
Lebensweise; vermeide dabei, was Neid Dir erreget.
Keinen unpassenden Aufwand, wie der, dem feinrer Geschmack fehlt!
Sei aber auch nicht knickrig! Denn Maß ist in Allem das Beste.
Handle nur so, daß Du selbst nicht Dir schadest, und denke zuvor nach.
Niemals lasse den Schlaf auf die zarten Augen Dir sinken,
Eh' von den Werken des Tags dreimal Du jedes gemustert:
Wo ward gefehlt? Was gethan? Ward keine Pflicht unterlassen?
So anfangend vom Ersten geh' Alles durch, und wofern Du
Schlechtes gethan, so erschrick! Wenn aber Gutes, so freu' Dich!
Dem weih' Müh', dem Sorgfalt und Fleiß, deß pflege mit Liebe!
Dies ist's, was auf die Fährte der göttlichen Tugend Dich bringt, bei
Dem, der unserem Geist die Vielfaltigkeit lehrte, den Quell der
Ewig strömenden Schöpfung. Geh' nur getrost an das Werk, und
Bitte zu End' es zu führen die Götter. Wenn dies Du erlangst, so
Wird der unsterblichen Götter und sterblichen Menschen Verbindung
Klar Dir, wie sie durch Jedes hindurch geht und Jedes beherrscht; doch
Klar auch, daß, nach Gebühr, die Natur in Allem sich gleich bleibt,
So daß Du Nichts Unmögliches hoffst, und von Nichts überrascht wirst;
Klar, daß die Menschen auch leiden an selbst verschuldeten Übeln.
O die Unsel'gen! sie hören und sehn Nichts von dem nahegeleg'nen
Guten, und auch die Erlösung vom Übel erkennen nur Wen'ge.
So verblendet den Sinn die Thorheit ihnen. Vom Wirbel
Lassen sie unvermerkt sich in Leid fortreißen, weil nicht sie
Ahnen, daß schlimmes Gefolge, das schadende Unheil, sich ihnen
Anhängt, das man nicht locken, nein fliehen muß, indem man ihm ausweicht.
Vater Zeus, o wie vielfachem Weh enthübest Du Alle,
Wenn Du nur Jeglichem zeigtest, was für ein Dämon ihm nachfolgt.
Aber nur Muth, da göttlichen Stammes die Sterblichen sind, und
Ihre geweihte Natur sie bevorzugt, Jegliches selbst lehrt!
Ward Dir dies nicht versagt, so erlangst Du auch, wie ich ermahne,
Daß Du die Seele Dir heilend von diesen Leiden errettest.
Meide die Anfänge nur, von dem was ich sagte, zur Läut'rung
Und zur Erlösung des Geists streng prüfend; erwäge nur Jedes
Und erwähl' die Vernunft zum höchsten und obersten Lenker.
Wenn Du den Leib dann verlassend zum freien Äther emporsteigst,
Wirst Du unsterblich sein, ein seliger Gott und kein Mensch mehr.“

Hiermit endete der moralische Teil der heiligen „Sage“, den wir wohl auch nur in seinen Hauptumrissen besitzen, wenn er gleich offenbar weniger lückenhaft erhalten ist, als der erste metaphysische Teil. Es folgten nun noch einige Verse, die sogenannten „Orphischen Schwüre“, welche das Ganze abschlossen. Sie scheinen, – denn etwas ganz Bestimmtes läßt sich aus dem kurzen, gerade der wesentlichen End-Zeilen entbehrenden Fragmente nicht festsetzen, – den Leser beschworen zu haben, entweder nichts an dem Buche zu ändern, oder seinen Inhalt geheim zu halten. Was uns überliefert wird, lautet nach Beseitigung einiger späteren Entstellungen:

„Ja beim Himmel beschwör ich, dem weisen Werke des großen
Gottes Dich, und beim Lichte des Vaters, das er zum ersten
Mal' ausstrahlte, wie seinen Rathschlüssen gemäß er den Weltbau
Gründete“,

und muß etwa so ergänzt werden:

„Daß Du dies Buch vor jeder Entweihung bewahrest!“