Alle sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften der Dinge nun sind in letztem Grunde ausschließlich auf die Menge, die Größe, die Gestalt und das räumliche Verhältnis der Atome zurückzuführen, und ebenso jede Veränderung der Einzelkörper als solcher auf eine Veränderung ihrer Atomverbindungen. So hat bereits Demokrit den unendlich wichtigen Schritt gemacht, alle qualitativen Eigenschaften und Veränderungen auf quantitative Beziehungen zurückzuführen, ein Schritt, der, wenn er auch philosophisch zum Irrtum führt, sofern der Materialismus darin die letzte Aufklärung des Welträtsels findet, doch die Voraussetzung einer wirklich wissenschaftlichen Naturforschung bildet, da nur so die Anwendung der Mathematik auf ihre Objekte möglich wird und positive Ergebnisse immer erst bei Rückführung eines Naturphänomens auf seine bestimmten quantitativen Verhältnisse zu erwarten sind. Ich erinnere an die enorme Bedeutung der quantitativen Bestimmung der Schwere durch Galilei, des Wärme-Äquivalents durch R. Mayer.
Außerdem aber enthält diese Behauptung Demokrits einen ganz außerordentlichen Fortschritt in der Erkenntnistheorie, der irrtümlich häufig erst einem Locke zugeschrieben wird.
Demokrit unterschied nämlich klar zwischen primären und sekundären Eigenschaften der Dinge; die sekundären Eigenschaften, Farbe, Geruch, Geschmack, Wärme, Kälte usw. erkannte er als bloß subjektive Wirkungen der Atome auf unser Empfindungsorgan. Die Lehre von den „vier Elementen“ hatte natürlich innerhalb dieser atomistischen Theorie keinen Platz mehr.
Aus den „zufälligen“ Bewegungen der Atome leitete nun Demokrit die Entstehung der Welten her; für den „Zufall“ könnten wir auch die Naturnotwendigkeit setzen; ausgeschlossen sein soll damit nur der Anteil eines zweckbildenden Geistes, der Verstand des Anaxagoras.
Durch die Bewegung der Atome wird einerseits das gleichartige zusammengeführt; denn, was an Schwere und Gestalt gleich ist, wird eben deshalb an die gleichen Orte sinken oder getrieben werden; andrerseits werden auch, wenn verschiedengestaltete Körperchen durcheinander geschüttelt werden, viele von ihnen aneinanderhängen und sich ineinander verwickeln und ihren Lauf gegenseitig hemmen, so daß auch manche an einem Orte festgehalten werden, der ihrer Natur an sich nicht gemäß ist, und so kommt es zur Bildung zusammengesetzter Körper, zur Wirbelbewegung und zur Störung des Gleichgewichts d. h. zu all jenen vielfältigen sich kreuzenden Bewegungen des Wachstums, der Ernährung, des Vergehens, welchen ein wechselndes subjektives Empfinden korrespondiert. Soweit deckt sich seine rein mechanische Naturerklärung fast durchaus mit den Grundzügen des modernen Materialismus. Allein ein erheblicher Unterschied zwischen Demokrit und unseren modernen Materialisten besteht darin, daß ersterer einen besonderen Seelenstoff annahm, der aus den feinsten, rundesten, glattsten und daher beweglichsten Atomen bestehe. Ja, er glaubt sogar an eine Unsterblichkeit der Seele, und zwar an eine Auferstehung der Toten und wird deswegen von Plinius verspottet. (Plin. H. N. VII, c. 56.)
Man wird diesen scheinbaren Widerspruch in seinem System auf seine Studienreisen im Orient zurückzuführen haben und auf seine Erfahrungen bei den Magiern des Ostens. Findet sich doch unter dem Verzeichnis seiner Schriften von Diogenes Laertius auch eine solche über die Litteratur der Babylonier, die, wie Röth, Geschichte der abendländischen Philosophie I, 362, meint, wohl nichts als ein Bericht über die Lehre der Magier gewesen ist.
Auch Philostratus versichert in seinem Leben des Apollonius von Tyana, daß Demokrit ein Schüler der Magier gewesen, und läßt sogar den Apollonius in seiner Apologie behaupten, daß er durch magische Künste Abdera von einer Pest befreit habe. Vielleicht liegt der letzteren Behauptung ein ähnlicher historischer Kern zu Grunde, wie der gleichen Erzählung von Empedocles. Es wird sich weniger um eigentliche Magie, als um Verwertung seiner physikalischen und medizinischen, vielleicht auch psychologischen Kenntnisse gehandelt haben.