[Achtes Kapitel.]
Sokrates und sein Dämonium.
Von Sokrates wurde schon im Altertum gesagt, daß er die Philosophie vom Himmel zur Erde zurückgerufen habe; man wollte damit sagen, daß er die philosophische Forschung nicht auf die Erkenntnis des Welträtsels, sondern auf diejenige des Menschenrätsels beschränkt wissen wollte.
„Er redete“, schreibt sein Schüler Xenophon, „nicht wie die Meisten, über die Natur des Weltalls, indem er darüber Betrachtungen angestellt hätte, was es mit dem von den Philosophen so genannten Kosmos für eine Bewandtnis habe und nach welchen Naturgesetzen alle Himmelserscheinungen vor sich gehen, sondern er hielt sogar diejenigen, welche über solche Dinge grübelten, für thöricht.“
Auch bildete nicht etwa der Mensch im Sinne der psychologischen Forschung den Gegenstand seines Interesses, sondern dieses war ausschließlich die Moral. Ein hervorragender Platz in der Geschichte der Philosophie gebührt ihm daher, abgesehen von seiner Begründung der dialektischen Methode und den dadurch jedenfalls gelegten Grundstein der Logik wesentlich nur vom Standpunkte der praktischen Philosophie aus. Für bloße Physiker oder gar bloße Metaphysiker ist deshalb die Weisheit des Sokrates in der That, wie Schopenhauer schreibt, Parerg. und Paralipomen. I 13, „ein bloßer Glaubensartikel.“ Schopenhauer aber, der doch mehr sein wollte, als dieses, der vielmehr zahlreiche geistvolle Beiträge zur Ethik und Lebensweisheit geschrieben hat, hätte einige seiner Bemerkungen über Sokrates besser ungeschrieben gelassen. So meint er z. B.: „Nach Lukianos hätte Sokrates einen dicken Bauch gehabt, welches eben nicht zu den Abzeichen des Genies gehört.“ – Ferner gleitet er zu der Bemerkung herab, es stehe zweifelhaft hinsichtlich seiner hohen Geistesfähigkeiten, weil er nichts geschrieben habe. Ich habe mir an dieser Stelle meiner Schopenhauer-Ausgabe die Randnote nicht versagen können: O si tacuisses usw.! Schopenhauer, der allerdings selber seine eigene Theorie in der Praxis verleugnete, hatte eben von der Philosophie nur einen halben Begriff, er verlegte sie ausschließlich in die Sphäre der Vorstellung. Er hätte aber von Sokrates lernen können und sollen, daß die echte Philosophie auf dem Zusammenwirken beider, überhaupt in der Wirklichkeit untrennbaren Seiten des Menschenwesens, des Wollens und Vorstellens beruht. „Die philosophische Gesinnung“, sagt sehr schön Dühring, „leitet zu dem entsprechenden Wissen, und das errungene Wissen wirkt seinerseits auf die Willensrichtung maßgebend und veredelnd zurück.“
Richtig ist freilich, daß auch Sokrates sich einer Einseitigkeit schuldig machte, wenn er nach jenem Berichte des Xenophon wirklich die ernste naturwissenschaftliche und naturphilosophische Forschung verachtete. Allein diese Einseitigkeit kann uns angesichts der geringen positiven Erfolge des ihm vorliegenden bloßen Spekulierens in hohem Grade entschuldbar erscheinen.
Wäre unsere Aufgabe die, eine Geschichte der griechischen Philosophie zu schreiben, so würde Sokrates geradezu den Mittelpunkt unserer Darstellung bilden, obwohl er nichts Schriftliches hinterlassen hat und seine Lehren deshalb indirekt aus den Schriften seiner Schüler konstruiert werden müßten. Wir würden uns dann mit der schwierigen Aufgabe befassen müssen, den wahren Sokrates aus der idealisierenden und subjektiv gefärbten Darstellung seines begabtesten Schülers, Platos, und aus den gewiß wahrheitsgetreuen, aber unzulänglichen Memorabilien des vielfach beschränkten und der Größe seines Lehrers nicht gewachsenen Xenophon herauszuarbeiten.
Glücklicherweise aber gestattet uns die Aufgabe dieses Buches nicht einmal, dieses Problem zu berühren. Ja, wenn es sich um die Lehren des Sokrates handelte, so würde es gerechtfertigt erscheinen, ihn in diesem Buche überhaupt zu übergehen, da hier eben nur diejenigen Lehren der griechischen Philosophie in Betracht kommen können, welche irgend welche, wenn auch noch so entfernte Beziehungen zum „Occultismus“ haben. Nun aber stellt uns gerade Sokrates weniger durch seine Lehren, als vielmehr durch sein Leben und seine Persönlichkeit eines der interessantesten occultistischen Probleme.
Der Leser, den ich selbstverständlich als bekannt mit den wichtigsten Daten des Sokratischen Lebens voraussetze, wird schon wissen, daß ich damit auf das viel erörterte Problem des sog. Genius oder „Dämon“ des Sokrates komme.
Am liebsten würde ich mich freilich auch der Besprechung dieses Gegenstandes durch den einfachen Hinweis auf die gerade vom occultistischen Standpunkte aus denselben gründlichst und lichtvoll beleuchtenden Ausführungen du Prels in seiner Mystik der alten Griechen entledigen, vgl. auch Sphinx IV, 22 und 24, wie ich denn überhaupt in diesem Bande den praktischen Occultismus der Griechen, da derselbe in jener „Mystik der alten Griechen“ seinen berufensten Bearbeiter gefunden hat, absichtlich bei Seite lasse und nur die Theorie berücksichtige. Dennoch würde eine völlige Übergehung gerade des Sokrates im Zusammenhange unserer Darstellung vielleicht als Lücke empfunden werden; denn immerhin hat sich diese doch bislang am Leitfaden der Philosophie-Geschichte fortbewegt, und ein direkter Sprung von Demokrit auf Plato könnte unmotiviert erscheinen.