In dem Dialog über den Staat ist der Gedankengang der Unsterblichkeits-Spekulation folgender: Wenn etwas zu Grunde geht, so kann dies nur durch das ihm innewohnende Schlechte geschehen; aber das der Seele innewohnende Schlechte vernichtet ja dieselbe nicht, wie solches beim Leibe der Fall sein kann. Der Zerstörende und Verderbende ist das Schlechte, der Bewahrende und Nutzbringende aber das Gute; eines schließt das andere aus. Finden wir nun etwas, das durch das Schlechte zwar geschädigt, aber nicht vernichtet werden kann, so müssen wir das wohl für unzerstörbar halten. Ein solches nun ist offenbar die Seele. Die Seele wird durch Ungerechtigkeit und andere Schlechtigkeit allerdings gefährdet, aber zu einer Auflösung derselben, wie dies beim Körper durch ihre betreffenden Übel geschehe, kommt es darum bei der Seele nicht.(?) Überhaupt giebt es für jedes Ding nur ein eigentümlich Zerstörendes; so kann das Fieber nur den Körper schädigen und zerstören, nicht aber die Seele. Nun aber (ein Beweis wird nicht einmal versucht), meint Plato, kann die Seele weder durch eigenes noch durch fremdes Schlechte zu Grunde gerichtet werden, ist demnach ein immerwährendes, ein Unsterbliches.
Man sieht, wie auch hier die „Beweisführung“ ebenso wie im Phädon nur in einer sich im Kreise drehenden Beteuerung des Dogmas besteht.
Das Unsterbliche ist aber nach Plato dem Göttlichen verwandt und kann in seiner Reinheit nur dann betrachtet werden, wenn es von allen Schlacken vollständig befreit ist, d. h. nach der Loslösung vom Leibe. Doch schon in diesem Leben wird das Streben nach Gerechtigkeit von den Göttern gesehen, denen dasselbe ja nur angenehm sein kann; sie sorgen dafür, daß denen, die nach Gerechtigkeit streben, alles, wenn nicht hier, – denn hier triumphiert oft das Ungerechte, – so doch nach dem Tode zum Guten ausschlagen wird. Auch diese Deduktion schließt mit einem vom Darsteller selber als Gesicht eines Scheintoten bezeichneten Bericht über das Jenseits.
„Ich werde Dir“, sagt Sokrates, „keine Erzählung eines Alkinoos mitteilen, sondern die eines wackeren Mannes, des Er, des Sohnes des Armenios, eines Pamphyliers, der einst im Kriege geblieben war und, als am zehnten Tage die Toten, die bereits verwest waren, aufgehoben wurden, wohlerhalten aufgehoben ward, dann nach Hause geschafft, um bestattet zu werden, am zwölften auf dem Scheiterhaufen wieder auflebte und nach seinem Wiederaufleben erzählte, was er dort gesehen.
Er sagte aber, er sei, nachdem seine Seele ihn verlassen, mit vielen gewandelt und sie seien an einen wunderbaren Ort gekommen, wo in der Erde zwei aneinander grenzende Öffnungen gewesen und ebenso am Himmel oben zwei andere gegenüber; Richter aber hätten zwischen diesen gesessen, welche, je nachdem sie ihren Urteilsspruch gethan, den Gerechten befohlen hätten, den Weg nach rechts und nach oben durch den Himmel einzuschlagen, wobei sie ihnen vorn Zeichen der beurteilten Thaten angeheftet, den Ungerechten dagegen den nach links und nach unten, ebenfalls mit Zeichen hinten von Allem, was sie gethan. Als er aber herangetreten sei, hätten sie gesagt, er müsse den Menschen die dortigen Dinge verkünden, und sie forderten ihn auf alles an diesem Orte zu hören und zu beschauen. Er habe nun daselbst gesehen, wie durch jede von beiden Öffnungen im Himmel und der Erde die Seelen fortgingen, nachdem ihnen das Urteil gesprochen, bei den anderen aber sie aus der einen hervorkamen aus der Erde voll Schmutz und Staub, aus der anderen aber andere rein herabstiegen aus dem Himmel. Und die jedesmal ankommenden hätten wie von einer langen Reise herzukommen geschienen, wären vergnügt nach der Wiese abgegangen, hätten sich da wie bei einer Festversammlung gelagert, die sich gekannt einander begrüßt, die aus der Erde kommenden sich bei den anderen nach den dortigen Verhältnissen und die aus dem Himmel kommenden nach denen bei jenen erkundigt. Da hätten sie sich nun einander erzählt, die einen unter Jammern und Thränen, indem sie sich erinnerten, wie Vieles und Welcherlei sie gelitten und gesehen bei ihrer Wanderung unter der Erde – die Wanderung sei aber eine tausendjährige – die aus dem Himmel dagegen hätten von herrlichen Genüssen erzählt und von Anblicken von unbeschreiblicher Schönheit.
Das Meiste nun davon zu erzählen, o Glaukon, würde zuviel Zeit erfordern, die Hauptsache aber, sagte er, sei dieses, daß jeder für alles Unrecht, was er jemals und gegen wen immer verübt, der Reihe nach Strafe erlitten habe, für jedes zehnfach – das aber finde statt allemal nach einem Zeitraum von hundert Jahren, weil dieses die Dauer des menschlichen Lebens sei, – damit sie so zehnfach die Buße für das Unrecht entrichteten, zum Beispiel, wenn manche am Tode Vieler Schuld waren, indem sie entweder Städte oder Kriegsheere verrieten und in Knechtschaft gestürzt hatten, oder sonst an einem Elend mitschuldig waren, sie von allen diesen zehnfache Pein für jedes erduldeten, und wiederum, wenn sie irgend Wohlthaten erwiesen hatten und gerecht und fromm gewesen waren, nach demselben Maßstabe den verdienten Lohn erhielten. Von denen aber, die gleich nach ihrer Geburt starben und nur kurze Zeit lebten, erzählte er anderes, was nicht der Erwähnung wert ist. Für Ruchlosigkeit dagegen und Ehrfurcht gegen Götter und Eltern und für eigenhändigen Mord (Selbstmord?) erwähnte er noch größere Vergeltungen. Er sagte nämlich, er sei zugegen gewesen, wie einer von einem anderen gefragt wurde, wo Ardiäos der Große wäre. Dieser Ardiäos aber wäre in irgend einer Stadt Pamphyliens Gewaltherrscher gewesen, tausend Jahre vor jener Zeit, und hatte seinen greisen Vater und älteren Bruder getötet und noch vielen anderen Frevel verübt, wie man sagte. Der Gefragte nun, erzählte er, habe gesagt: Er ist nicht gekommen und wird auch nicht hierher kommen.
Wir sahen nämlich unter den schrecklichen Schauspielen ja auch dieses mit an: Als wir nahe an der Mündung und im Begriff waren emporzusteigen und das andere alles überstanden hatten, erblickten wir plötzlich jene und andere, von denen fast die Meisten Gewaltherrscher waren; es gab aber auch einige Privatleute darunter aus der Zahl derer, die große Frevel begangen hatten; und als diese meinten, daß sie eben emporsteigen könnten, nahm sie die Mündung nicht auf, sondern brüllte laut auf, so oft einer von den in Bezug auf Schlechtigkeit Unverbesserlichen oder, der nicht hinreichend Strafe erlitten, Anstalt machte emporzusteigen. Da waren nun, fuhr er fort, wilde, feurig aussehende Männer bei der Hand, welche, als sie den Ton vernahmen, die einen ergriffen und wegführten, dem Ardiäos aber und anderen banden sie Hände, Füße und Kopf zusammen, warfen sie nieder, schunden sie, schleiften sie seitwärts vom Wege und zerfleischten sie auf Dornen, wobei sie jedesmal Vorübergehenden anzeigten, weswegen sie abgeführt würden und wohin sie sollten geworfen werden. Hier nun, erzählte er weiter, sei unter vielen und mannigfachen Ängsten, die sie gehabt, diese überwiegend gewesen, es möchte für jeden, wenn er hinaufsteigen wollte, jener Ton sich vernehmen lassen, und höchst vergnügt sei ein jeder, wenn er nicht vernommen worden, hinaufgestiegen. Und die Strafen und die Züchtigungen seien irgend derartige, und diesen wieder entsprechend die Belohnungen.
Nachdem aber denen auf der Wiese jedem sieben Tage verstrichen, müßten sie am achten von dort aufbrechen und weiter wandern, und sie kämen am vierten Tage dahin, von wo man von oben ein durch den ganzen Himmel und die Erde gespanntes gerades Licht erblicke, wie eine Säule, am meisten dem Regenbogen vergleichbar, aber glänzender und reiner; und zu diesem seien sie gekommen, nachdem sie eine Tagereise weiter gegangen, und hätten dort gesehen, wie nach der Mitte des Lichtes hin vom Himmel her die Enden seiner (des Himmels) Bänder gespannt seien; denn es sei dieses Licht das Band des Himmels, welches ebenso, wie die Gurte der Dreirudrer, den ganzen Umkreis zusammenhalte; an die beiden Enden aber sei die Spindel der Notwendigkeit gespannt, vermittelst welcher alle Umdrehungen geschehen, und an dieser sei die Stange und der Hacken von Stahl, der Wirtel[614] aber gemischt aus dieser und anderen Arten. Die Beschaffenheit aber des Wirtels sei folgende: an Gestalt dieselbe, wie bei uns hier; nach dem aber, was er sagte, muß man sich ihn so vorstellen, als wenn in einem großen, hohlen und durch und durch ausgemeißelten Wirtel ein anderer eben solcher kleinerer eingepaßt wäre, geradeso wie die Gefäße, welche ineinander passen, und ebenso ein anderer dritter, vierter und noch vier andere. Denn acht Wirtel seien es im ganzen, die ineinander liegen, ihre Ränder von oben als Kreise zeigen uns einen zusammenhängenden Rücken eines einzigen Wirtels um die Stange herumbilden; diese aber sei mitten durch den achten hindurchgetrieben. Der erste und äußerste Wirtel nun habe den breitesten Kreis des Randes, der sechste den zweiten, den dritten der vierte, den vierten der achte, den fünften der siebente, den sechsten der fünfte, den siebenten der dritte, den achten der zweite. Und der des größten sei bunt, der des siebenten der glänzendste, der des achten habe seine Farbe von der Beleuchtung des siebenten, der des zweiten und fünften seien einander ähnlich, gelblicher als jene, der dritte habe die weißeste Farbe, der vierte sei rötlich, der zweite an Weiße der sechste. Es bewege sich aber nun bei ihrer Drehung die Spindel ganz in ein und derselben Richtung im Kreise, bei dem Umschwunge des Ganzen aber drehen sich die sieben inneren Kreise in einer dem Ganzen entgegengesetzten Richtung ruhig herum, und von diesen selbst gehe am schnellsten der achte, dann folgten und zugleich miteinander der siebente, sechste und fünfte, als der dritte seinem Schwunge nach kreise, wie ihnen geschienen, der vierte, als vierter der dritte und als fünfter der zweite. Sie selbst (die Spindel) aber drehe sich in dem Schoße der Notwendigkeit.
Auf den Kreisen derselben ferner stehe oben auf jedem eine Sirene, welche sich mit herumdrehe, Eine Stimme, Einen Ton von sich gebend, und aus allen, die acht seien, stimme zusammen eine Harmonie.[615] Drei andere aber säßen da ringsum in gleicher Entfernung voneinander, jede auf einem Throne, nämlich die Töchter der Notwendigkeit, die Mören, in weißen Gewändern und mit Kränzen auf dem Haupte, Lachesis, Klotho und Atropos, und sängen zur Harmonie der Sirenen, Lachesis das Vergangene, Klotho das Gegenwärtige, Atropos das Zukünftige. Klotho nun greife von Zeit zu Zeit mit der rechten Hand zu und drehe den äußeren Umschwung der Spindel mit herum, Atropos aber wiederum mit der linken in gleicher Weise die inneren Umläufe, und Lachesis fasse abwechselnd jeden von beiden mit jeder der beiden Hände.
Nachdem sie nun angekommen, hätten sie sogleich zur Lachesis gehen müssen. Da habe sie ein Dolmetscher zuerst in Ordnung auseinander gestellt, dann aus der Lachesis Schoße Lose und Muster von Lebensweisen genommen, sei damit auf eine hohe Bühne gestiegen und habe gesagt: ‚Dies ist die Rede der Tochter der Notwendigkeit, der Jungfrau Lachesis: Ihr Eintagsseelen, es beginnt ein anderer todtbringender Umlauf des sterblichen Geschlechts. Nicht euch wird ein Dämon sich erlesen, sondern ihr werdet Euch einen Dämon wählen. Wen aber zuerst das Los getroffen hat, der wähle sich zuerst eine Lebensweise, mit der er aus Notwendigkeit verbunden sein wird. Die Tugend aber ist herrenlos, und je nachdem sie ein Jeglicher ehrt oder geringschätzt, wird er mehr oder weniger von ihr haben. Die Schuld trifft den Wähler, Gott ist schuldlos.‘ – Nach diesen Worten habe er nach allen hin die Lose geworfen und jeder habe das neben ihn gefallene aufgehoben, nur er nicht; ihm habe es jener nicht gestattet; wer aber es aufgehoben, dem sei es klar gewesen, die wievielste Stelle er getroffen. Hierauf habe er wiederum die Muster der Lebensweisen vor ihnen auf die Erde hingelegt, die an Zahl die Anwesenden überstiegen, und zwar von allen Arten, nämlich Lebensweisen von allen Tieren, ja auch die menschlichen insgesamt. Denn Gewaltherrschaften seien darunter gewesen, teils lebenslängliche, teils auch mitten inne zu Grunde gehende und in Armut, Verbannung und Bettelhaftigkeit endende; ebenso auch angesehener Männer Lebensweisen, teils wegen ihres Äußern in Bezug auf Schönheit und außerdem auf Körperkraft und Kampftüchtigkeit, teils wegen ihrer Abstammung und ihrer Vorfahren Tugenden, desgleichen Lebensweisen unangesehener Männer in derselben Beziehung, und in gleicher Weise auch von Frauen; eine Rangordnung der Seele aber habe dabei nicht stattgefunden, weil notwendig die, welche eine andere Lebensweise wählt, eine andere Beschaffenheit erhält; das Andere aber teils miteinander sowohl als mit Reichtum und Armut, teils mit Krankheit, teils mit Gesundheit gemischt, noch Anderes aber liege auch in der Mitte zwischen diesen.