Der Mensch ist also das Bild und der Abdruck eines himmlischen und ewigen Offenbarers der verborgenen Gottheit; das Menschliche soll vergöttlicht werden, Offenbarung göttlichen Lebens in menschlicher Form, wie das Leben des verborgenen Gottes dem Menschen nur nahe gebracht werden konnte in menschlicher Form. Der λογος wurde daher angesehen als das Urbild der Menschen, der Mittelpunkt aller Offenbarung des göttlichen Lebens, das weiter entwickelt und individualisiert erscheint in der Menschheit; der λογος ist also der Urmensch, der himmlische Mensch, ὁ ϑειας ἀδιαφορων εἰκονος.
Es giebt zweierlei Erkenntnis der Gottheit.
1. Das Erkennen des ὀν nicht als solches, nicht in seinem verborgenen Wesen, sondern in seiner Offenbarung, in seinem ewigen Wort, welches Ursache und beseelendes Prinzip der ganzen Schöpfung ist, durch die Schöpfung selbst, die Offenbarung darstellend, durch einzelne Geister als göttliche Gesandte, durch einzelne von Gott erregte Gedanken und Lehren.
2. Das Erkennen des ὀν in sich selbst. Trotzdem das ὀν an und für sich ein Gegenstand wissenschaftlich-logischer Erkenntnis sein kann, trotzdem sich von demselben kein Verstandesbegriff geben und überhaupt nichts prädizieren läßt, so giebt es doch eine unmittelbare Offenbarung, erhaben über alle Verstandeserkenntnis, über alle mittelbare Offenbarung desselben, über alle analogische von der Schöpfung auf den Schöpfer schließende Erkenntnis, wodurch der Geist eine über allen λογος und alles λογικον erhabene Gewißheit und Klarheit erhält.
Philo drückt diesen Gegenstand aus durch: Erkennen Gottes, des ὀν, in sich selbst und in seinem Schatten (Leg. Alleg. p. 79): „Diejenigen, welche so denken, erkennen Gott aus seinem Schatten (der Schöpfung); es giebt aber einen vollkommeneren und gereinigteren Geist, der, eingeweiht in die großen Mysterien, nicht aus den Werken die Ursache erkennt, wie aus dem Schatten des Wahrhaften, sondern über alles Erstandene sich erhebend, die klare Offenbarung des Ewigen erhält, daß er ihn selbst in sich selbst erkenne, und zugleich dessen Schatten, den λογος und diese Welt.“ Das ὀν wird vielmehr in seiner klaren Selbstoffenbarung erkannt, als durch Argumente bewiesen.
In Rücksicht auf die doppelte Erkenntnis des ὀν in sich selbst und das durch den λογος offenbarten, giebt es zwei Standpunkte der religiösen Betrachtung: den Standpunkt der ὑιοι ϑεου in eigentlichem Sinn, welchen die unmittelbare Anschauung des ὀν zu Teil geworden und der του λογου ὑιοι. Diesen zwei Standpunkten der Religionserkenntnis entsprechen zwei verschiedene Standpunkte der praktischen Gottesverehrung. Die ϑεου δια, welche die höchste Gotteserkenntnis erlangt haben, finden allein in der Gemeinschaft mit ihm Beseligung und dienen ihm nur um seiner selbst willen, von der Liebe zu ihm beseelt. Die λογου ὑιοι, welche Gott noch nicht nach seinem Wesen, sondern nur nach seinen Werken oder seiner Thätigkeit erkannt haben, sind noch nicht fähig, das Beseligende der Gemeinschaft mit Gott zu erfahren, noch nicht empfänglich für die höchsten Triebfedern der Religion. Sie müssen noch durch Hoffnung und Furcht angetrieben und erzogen werden, und Gott läßt sich zu diesen ihren Bedürfnissen herab. Aber von ihm selbst unmittelbar kann keine Strafe herrühren; er ist nur die Quelle des Segens und der Beseligung für alle Empfänglichen, und vollzieht die Strafgerichte über die, welche dadurch erzogen werden können, durch dienende Geister.
Es giebt also eine Religion der πνευματικα und eine Religion der ψυχικοι; die πνευματικοι erkennen das ὀν und die ψυχικοι einen dieses repräsentierenden Geist, welchem deren Erziehung und Regierung übertragen wurde.
Dieser die Gottheit repräsentierende Engel, der Erzieher und Zuchtmeister der Welt, ist der Demiurgos.
Als Eins erscheint das ὀν, wenn die Seele vollkommen gereinigt, nicht nur über die Vielheit, sondern auch über die der Einheit am nächsten verwandte Zweiheit sich erhebt, zu der reinen und selbstgenugsamen Idee.
Als Drei erscheint der Seele das ὀν nicht unmittelbar wie es in sich selbst ist, sondern nur mittelbar als schaffend und herrschend.