Und so blieb es. Seit der „Galiläer gesiegt hatte“, galt der Tyanäer als Zauberer, bis die Aufklärungsperiode ihn so gut wie Jesus von Nazareth zum Betrüger zu stempeln versuchte und schließlich sogar die geschichtliche Existenz beider bezweifelte.
Doch auch heidnische Philosophen huldigten dem Glauben an die Zauberei des Apollonius, wie Möragenes, welcher eine (verloren gegangene) Biographie des Tyanäers schrieb, in der er nach Origenes[752] sagte, daß selbst einige nicht unbedeutende Philosophen derselben zum Opfer gefallen wären. Dieser Ansicht stellt Philostratus seine Biographie des Apollonius entgegen, worin er diesen als einen Weisen schildert, welcher seine außerordentliche magische Kraft nur einer ihn auf eine höhere, übermenschliche Stufe erhebenden Philosophie zu verdanken hat.
Die Zweifel an der Existenz des Apollonius sind seit Neander und Baur geschwunden, die Auffassung seiner Persönlichkeit und Lehre aber ist bei Philosophen und Theologen noch heute so unklar wie vor siebzehnhundert Jahren, wofür wir den Grund in den von Philostratus geschilderten übersinnlichen Erscheinungen zu suchen haben, welche die Orthodoxie als teuflisch ansieht, während die neuere Wissenschaft gar nichts mit derselben anzufangen weiß und deshalb an dem Tyanäer mit einem abwehrenden Seitenblick vorübergeht.
Nur ein Schriftsteller hat einen richtigen Fingerzeig gegeben, nämlich Eduard Baltzer[753], welcher sagt: „Eine Gruppe nur vermisse ich noch unter allen denen, die in der Apolloniusfrage Stellung genommen haben: das sind die jüngsten Kinder unserer Zeit, – die Spiritisten. Gerade ihnen aber kann ich einen großen Genuß und Triumph versprechen. Ist doch Apollonius – wer hätte es gedacht, – ein entschiedener Spiritist, – ja, können sie doch hier die Entdeckung machen, daß ihr Spiritismus nichts anderes ist, als die alte Magie in allerneuester Auflage.“
Abgesehen von der Schlußbemerkung hat Baltzer in gewissem Sinne Recht: die bei Apollonius zu Tage tretenden übersinnlichen Erscheinungen sind von ähnlicher Natur wie die modernen auch; ob sie aber alle spiritistische oder selbst mediumistische genannt werden dürfen, ist eine andere Frage. Bevor wir jedoch auf diese und eine Besprechung der Phänomene überhaupt eingehen, müssen wir noch einige Worte über Philostratus selbst und die Entstehung seines Buches sagen.
Kaiser Septimius Severus (193–211) war ein eifriger Liebhaber der Magie und Mantik, ein erfahrener Augur und Traumdeuter und endlich ein tiefgelehrter Astrolog. Er hatte als Statthalter des lionesischen Galliens seine erste Gemahlin verloren und ging bei der Wahl seiner zweiten von dem astrologischen Grundsatz aus, daß deren Nativität eine glückliche und mit der seinigen harmonierende sein müsse. Als er nun erfuhr, daß ein junges Mädchen zu Emesa in Syrien eine derartige Nativität, welche ihr außerdem noch den Thron verheiße, besitze, warb er um deren Hand und erhielt sie. Dieses Mädchen, Julia Domna, vereinigte in der That alle von den Sternen verheißenen Güter in ihrer Person. Sie erfreute sich selbst im vorgerückten Alter noch großer körperlicher Schönheit und verknüpfte mit scharfem Verstand und festem Charakter lebhaften Wissensdrang und hinreißende Liebenswürdigkeit. Julia Domna interessierte sich als Beschützerin der Wissenschaften besonders für Kunst und Philosophie und war die Freundin eines jeden auftauchenden Genius.
Julia Domna umgab sich mit einer aus Philosophen, Gelehrten und Künstlern aller Art bestehenden Tafelrunde, zu welcher auch der neupythagoräische, in Athen gebildete Philosoph Philostratus von Lemnos gehörte. Philostratus war einer der vielgelesensten Schriftsteller, was durch seinen klassischen Styl und Geist, seine Belesenheit und Vielseitigkeit, sowie endlich durch sein Bestreben, altrömische Sitte und Charaktertüchtigkeit wieder herzustellen, gerechtfertigt wird. Dieser Philosoph erhielt von der Kaiserin den Auftrag, das Leben des Apollonius zu beschreiben, und benutzte bei seiner Arbeit die Memoiren eines Schülers des Apollonius mit Namen Damis. Über dessen Persönlichkeit wie über die ihm vorliegende Apollonische Litteratur sagt Philostratus selbst[754]: „In der alten Stadt Ninive lebte einst ein Mann von ziemlicher Weisheit mit Namen Damis. Er war ein Schüler des Apollonius, beschrieb dessen Reisen, an denen er, wie er selbst versichert, teilgenommen, und verzeichnet dessen Reden, Ansichten und Weissagungen. Ein Verwandter dieses Damis brachte die Memoiren, welche bis dahin ganz unbekannt geblieben waren, zur Kenntnis der Kaiserin Julia. Diese Fürstin, zu deren Umgebung ich gehörte, denn sie liebte und pflegte litterarische Unterhaltungen sehr, befahl mir, diese Denkschriften umzuarbeiten und zum Vortrag zu bringen, denn der Ninivit sprach wohl sachlich, aber sein Stil war schlecht. Dazu kam noch eine Schrift des Maximus von Aegä, welche alles umfaßt, was des Apollonius Aufenthalt in Aegä betrifft; auch giebt es noch ein Testament des Apollonius, aus welchem zu ersehen ist, daß die Philosophie sein Abgott war. Dagegen darf man dem Möragenes nicht folgen, der zwar auch vier Bücher über Apollonius schrieb, aber mit großer Unkunde. Somit habe ich gesagt, wie ich den zerstreuten Stoff zusammengefügt und um seine Einordnung bemüht war. Möge diese Schrift nun dem Manne, dem sie gilt, zur Ehre gereichen, den wißbegierigen Lesern aber zur Förderung: wenigstens sollen sie lernen können, wovon sie noch nie gehört.“ Mit diesen Worten ist die Tendenz der Schrift des Philostratus bezeichnet. Was aber seine Glaubwürdigkeit anlangt, so sind auch hier natürlich die Meinungen sehr geteilt. Das rein Geschichtliche betreffend, sind die Zweifel fast allseitig gehoben, und Baur hat einige vorhandene Anachronismen befriedigend erklärt. Ja dieser berühmte Theologe nimmt sogar für den Kern des Werkes, die philostratischen Berichte über Indien, die volle Glaubwürdigkeit in Anspruch und sagt[755]:
„Wenn uns aber auch die Betrachtung des philostratischen Werkes an und für sich über die Beantwortung der Frage in Zweifel lassen mag, wie weit wir in demjenigen, was Philostratus über Indien meldet, entweder nur romanhafte Dichtung oder historische Wahrheit voraus zu setzen haben, so muß uns doch, wie es scheint, unsere jetzige Kunde Indiens eine ziemlich sichere Antwort auf diese Frage geben. Die Übereinstimmung des Werkes mit dem anders woher Beurkundeten kann als die beste Widerlegung des Vorwurfs angesehen werden, welchen selbst noch einer der neuesten Schriftsteller über Indien (Bohlen: das alte Indien) wiederholt, Philostratus habe alles, was er in seinem Leben des Apollonius über Indien vorbringt, aus ähnlichen Romanen kompiliert, nach Art der Schriften ausgeschmückt und mit Angereimtheiten erstickt.“
Im ähnlichen Sinne äußert sich Baltzer im Nachwort seines Werkes[756] folgendermaßen: „Ein Mann wie Philostratus, der an den Musenhof einer edlen Kaiserin berufen wird, der letztere als besonderer Vertrauter auf ihren Reisen begleitet, der als ein vortrefflicher Schriftsteller und gelehrter Kenner seiner Zeit damals wie heute anerkannt ist und der den Auftrag von seiner hohen Herrin erhält, über den Apollonius eine kritische Denkschrift zu verfassen – von einem solchen Mann muß man annehmen, daß er in seinem Werke, ‚Apollonius von Tyana‘, das uns in unbestrittener Echtheit vorliegt, so viel an ihm war, die Wahrheit in geeigneter Form hat sagen wollen. Demgemäß verfährt er. Er legt seine Absicht und Plan vor; er nennt und kritisiert seine Quellen; er überarbeitet das reichlich vorliegende Material; er komponiert und redigiert seinem Auftrag gemäß; er ist mit Liebe und Fleiß bei der Sache; unterscheidet seine Absicht von der überlieferten; er läßt seine Quellen in verbessertem Style reden und kritisiert Dunkles mit hellem Blick, natürlich im Geiste seiner Zeit, dessen Kind auch er ist, wie wir Kinder des Geistes unserer Zeit sind.“
Philostratus vollendete seine Biographie etwa um das Jahr 217.