Von Bardanes mit Kameelen und Reisevorräten ausgerüstet, machte sich Apollonius auf den Weg nach Indien.
Nachdem Apollonius den Küenlün überschritten, stieg er in das Flußbett des Indus zurück und gelangte mit seinen Begleitern nach Taxila, wo er von dem durch die Brahmanen gebildeten philosophischen König Phraotes II. auf das beste aufgenommen wurde. Mit diesem hielt unser Philosoph während seines vom Gesetz gestatteten dreitägigen Aufenthaltes in Taxila lange philosophische Gespräche, die sich im wesentlichen um die Vorzüge der „naturgemäßen Lebensweise“ drehten. Von Interesse für uns ist nur die Äußerung des Apollonius über die Enthaltsamkeit vom Wein, welche das Wahrträumen der Seele begünstigen solle. Apollonius sagt: „Aber auch die Prophetien der Träume, die in der menschlichen Natur das Göttlichste zu sein scheinen, durchschaut die Seele leichter, die nicht vom Wein umnebelt ist und sie rein und in klarer Betrachtung aufnimmt. Die Erklärer solcher Traumgesichte, von den Dichtern Traumdeuter genannt, legen daher kein Traumbild aus, ohne vorher zu fragen, um welche Stunde man es gehabt. War's in der Frühe, im Morgenschlummer, so deuten sie es, weil dann die Seele ganz frei vom Geiste des Weins, gesunde Träume schaut; war's aber im ersten Schlafe oder um Mitternacht, wo die Seele noch vom Wein schwer und dunkel ist, so lehnen sie das Deuten ab und thun wohl daran.“ Von Phraotes mit Lebensmitteln, frischen Kameelen und einem Empfehlungsschreiben an den Obersten der Brahminen und Lehrer des Phraotes, Jarchas, versehen, machte sich Apollonius mit seinen Begleitern auf, um diese priesterlichen Gelehrten auf „dem Berge der Weisen“ jenseits des Hyphasis aufzusuchen.
Der Berg der Weisen wird als mit Wolken umgeben und so hoch wie die Akropolis geschildert; von den Brahmanen sagt Apollonius[765]: „Die indischen Brahmanen sah ich, wie sie auf Erden wohnen und doch nicht auf Erden, in der Festung und doch ohne Befestigung, ohne Eigentum und doch alles besitzend.“ Damis dagegen erzählt von ihnen, daß sie auf einem Lager auserlesener Pflanzen auf der Erde schliefen, um den Kopf eine weiße Binde und auf dem Leibe ein der Exomis der Cyniker ähnliches Gewand von weißer Baumwolle trügen, das Haar lang wachsen ließen und Ringe und Stäbe als Abzeichen führten; auch habe er, Damis, sie öfter zwei Ellen hoch in der Luft wandeln sehen. – Dieses Schweben erinnert an das bekannte sich in die Luft erheben der Fakire, sowie an die Levitation bei Hexen und Medien und bedarf keiner weiteren Erörterung. Ring und Stab ist schon im Gesetz des Manu das Abzeichen der Brahmanen. Dieselben waren eifrige Vegetarier, gestatteten aber ihren Besuchern, wenn dieselben es wünschten, den Fleisch- und Weingenuß.
Als Apollonius zu den Brahmanen kam, wurde er von dem auf ehernem Throne sitzenden Jarchas, welcher den Brief des Königs forderte, griechisch angeredet. „Als Apollonius über sein Vorauswissen erstaunte, sagte jener, es fehle in dem Brief ein Buchstabe, ein Delta, das der Briefschreiber ausgelassen habe; und es fand sich, daß dem so war.“[766]
Als weiteres Beispiel seiner Sehergabe soll dann Jarchas dem Apollonius seine Abstammung väterlicher- und mütterlicherseits, ferner wie er Damis gefunden, und alles was sie unterwegs gethan und erfahren, in richtigem Zusammenhang dargestellt haben, als ob er dabei gewesen wäre. Als aber Apollonius nun erstaunt frug, woher er das alles wisse, entgegnete jener: „Auch du kommst mit solchem Wissen, aber keinem vollkommenen.“ – „Und wirst du mich dieses vollkommene Wissen lehren?“ – „Gern und neidlos“, erwiderte Jarchas, „denn dies ist weiser als Wissenswertes zu verbergen oder darüber zu täuschen. Übrigens bist du Apollonius, von Mnemosyne gesegnet, der Göttin, die wir unter allem am meisten lieben.“ Als später die Brahmanen zum Opfer gingen, badeten, salbten und bekränzten sie sich und zogen begeistert zum Heiligtum, wo sie sich – Jarchas an der Spitze – in Chorordnung aufstellten und mit ihren Stäben auf den Boden stießen, welcher „wie eine Woge zwei Ellen hoch anschwoll“. – Dieses wahrscheinlich auf subjektiven ekstatischen Empfindungen beruhende Phänomen des Anschwellens und Erbebens der Erde kommt in der Magie und Theurgie sehr oft vor, so besonders in den Jamblichus zugeschriebenen Büchern „über die ägyptischen Mysterien“[767], dann in zahlreichen mittelalterlichen Zauberbüchern, welche von der Geisterbeschwörung handeln, wie die Clavicula Salomonis, ferner in dem mit ihr in engem Zusammenhange stehenden Buche Arbatel, in dem Paracelsus zugeschriebenen „Büchlein von olympischer Geisterbeschwörung“, in dem sog. 4. Buch der Occulta Philosophia, in der Pseudomonarchia Dämonum; auch in einigen Ausgaben des sog. Höllenzwangs u. s. w.
In einer folgenden Unterhaltung bezeichnet Jarchas als den Grundpfeiler aller Weisheit die Selbsterkenntnis des Pythagoras und bekennt sich zur Reincarnationstheorie dieser Philosophen und der Ägypter. Sich selbst soll Jarchas als den reincarnierten Achilles und einen seiner Gefährten für Palamedes gehalten haben. Bei einem Gastmahl, dem auch Damis beiwohnte, gab Jarchas eine interessante Zusammenfassung seiner Lebensanschauung und erwähnte dem Apollonius gegenüber u. a. den Akasa: „Den Äther, aus welchem die Götter geboren sein müssen, denn alles, was Luft atmet, ist sterblich, aber das Ätherische ist unsterblich und göttlich.“ „So soll ich das All als Lebendiges betrachten?“ frug Apollonius. „Allerdings“, sagte Jarchas, „wenigstens, wenn du gesunde Einsicht hast, denn alles Leben kommt von ihm.“ – „Sollen wir nun das All weiblicher oder männlicher Natur erachten?“ „Beides“, erwiderte Jarchas, „denn indem es sich selbst befruchtet, ist es Vater und Mutter zugleich und liebt sich selbst heißer, als eines das andre jemals. Dies ist aber durchaus nicht widersinnig. Denn wie Hände und Füße zur Bewegung des Lebendigen mitwirken, und zu der Seele, die es bewegt, so glauben wir, daß auch alle Teile des Alls durch die Weltseele zu allem mitwirken, was einen Anfang nimmt und geboren wird. Denn auch die Leiden einer Dürre werden durch diese Weltseele bewirkt, wenn die sinkende Tugend der Menschen ehrlos handelt. Aber das lebendige All behandelt nicht mit einer Hand, sondern mit vielen, unsagbar vielen, und – unbeweglich durch seine Größe – ist es doch leicht zu zügeln und zu lenken.“[768]
In folgendem Vorfall haben wir die erste, rein mediumistische Thatsache, welche uns in der Geschichte des Apollonius berichtet wird: Zu den Brahmanen kam eine Frau und bat dieselben, daß sie ihrem sechzehnjährigen Sohne helfen möchten, welcher seit zwei Jahren besessen sei. Der Dämon treibe den Knaben hinaus in die Einöde, wo derselbe seine Mutter nicht mehr erkenne, mit rauher Mannesstimme spreche und mit „fremden Augen“ dareinschaue.[769] Alles bekannte charakteristische Erscheinungen.
Auf die Frage der Brahmanen, ob die Mutter versucht habe, den Knaben mitzubringen, entgegnete dieselbe, daß sie es nicht gewagt habe, weil der Dämon den Knaben diesfalls zu töten drohe. – Auch hier haben wir einen Zug, welcher sich bei den Besessenen und Somnambulen aller Zeiten wiederholt. Jarchas giebt der Mutter einen Brief mit Drohungen an den Geist mit, durch welchen der Knabe von seiner Besessenheit befreit wird.
In den folgenden Zeilen haben wir unzweifelhaft einen der ältesten Fälle der Ausübung des Heilmesmerismus, welcher nur selten citiert wird: „Auch ein Lahmer kam, dreißig Jahre alt, ein eifriger Löwenjäger. Als ihn ein Löwe anfiel, hatte er sich einen Schenkel ausgerenkt, und das Bein war krank; aber durch Streichen mit der Hand wurde er wieder in den Stand gesetzt ordentlich zu gehen.“[770]
Dem Jarchas werden u. a. auch mancherlei Auslassungen über die Sehergabe in den Mund gelegt, sie habe für den Menschen viel Gutes, ihre größte Leistung aber sei die Heilkunde. „Die weisen Asklepiaden würden zu ihrer Kenntnis nie gelangt sein, wäre Asklepios nicht ein Sohn Apollos gewesen, nach dessen Offenbarungen er die in Krankheiten dienlichen Mittel bereitet (Heilinstinkt der Somnambulen), seine Kinder belehrt und seinen Genossen gezeigt hätte, was bei eiternden Wunden und was bei trockenen angewendet werden muß, durch welche trinkbare Arznei Wassersucht abgewendet, wie Blutfluß gestillt, Auszehrung und andere innere Leiden geheilt werden können. Auch die Heilungen durch Gifte, und deren bewußte Anwendung in Krankheitsfällen sind nur der Sehergabe zu danken. Ohne die Gabe des Voraussehens, meine ich, würden die Menschen nie gewagt haben, den heilsamen Mitteln die allergiftigsten beizumischen.“[771]