Es erhellt, daß bei dem vorwiegend mystisch-kontemplativen Charakter der neuplatonischen Philosophie die Fähigkeiten und Kräfte des transscendentalen Bewußtseins in hohem Grade ausgebildet und die auf diese Ausbildung hinzielenden Mittel sowie die davon abhängigen Beobachtungen sehr zahlreich werden mußten. Auf diese bisher meist als Aberglaube und Schwärmerei verlachten Dinge, welche durch die Thatsachen des Occultismus und Mediumismus erklärt werden, wollen wir hier besonders die Aufmerksamkeit unserer Leser richten, indem wir kurz das schildern, was vom Leben der wichtigsten Neuplatoniker bekannt ist, und dabei ihre Lehre berücksichtigen, soweit sie unserem hier verfolgten Zwecke dient.
Der eigentliche Begründer des Neuplatonismus ist der etwa 190 n. Chr. von christlichen Eltern geborene Ammonios Sakkas, welcher nach Eusebius[794] sich dem Heidentume zuwandte, als er selbständig zu denken begonnen hatte. Von seinem Leben wissen wir sehr wenig, weil er selbst keine schriftlichen Aufzeichnungen machte und er sowohl als seine Schüler auf Außendinge nicht den mindesten Wert legte. Wie Hierokles und Porphyrius erzählen, erwarb Ammonios in Alexandria sich seinen Unterhalt durch Sacktragen, woher er den Namen Sakkas erhielt, und lehrte dabei eine Philosophie, welche die Übereinstimmung des Plato und Aristoteles in allen Punkten nachzuweisen suchte. Diese Lehre scheint eine esoterische gewesen zu sein, denn Porphyrius berichtet im Leben des Plotinus, daß sich die drei Schüler des Ammonios Erennios, Origenes (welcher nicht mit dem bekannten Kirchenvater zu verwechseln ist) und Plotinos verbunden hätten, die Lehren ihres Meisters nicht zu veröffentlichen. Erennios und Origenes brachen jedoch dieses Versprechen durch die Herausgabe jetzt verloren gegangener Schriften, worauf sich auch Plotinos seines Versprechens für entbunden hielt und nun die Schriften verfaßte, welche wir noch jetzt von ihm besitzen. Als ein vierter Schüler des Ammonios wird ein Grammatiker Longinos genannt.
Der Bedeutendste von allen ist Plotinos, welcher im Jahre 205 zu Lykopolis in Ägypten geboren ward.
Er erhielt seine wissenschaftliche Bildung zu Alexandria, wo er im 28. Jahre seines Lebens Philosophie zu studieren begann. In Ammonios Sakkas fand Plotin den gesuchten Mann, der ihm Ehrfurcht vor orientalischer Weisheit und heißes Verlangen nach derselben einflößte. Deshalb nahm auch Plotin, nachdem er elf Jahre den Unterricht des Ammonios genossen hatte, teil an dem Feldzuge, welchen Kaiser Gordianus (der Enkel) gegen die Perser eröffnete, um bei dieser Gelegenheit die persische und indische Philosophie an der Quelle studieren zu können. Als jedoch Gordian im Jahre 244 ermordet worden war, ging Plotin nach Antiochia und später nach Rom, wo er als Lehrer der Philosophie auftrat.
Im Anfang scheint die neue Schule nicht besonders prosperiert zu haben, denn Amelios, ein Zögling unseres Philosophen, berichtet, daß dieselbe voll Unruhe, Geschwätz und Lärmen, dabei aber schlecht besucht gewesen sei. Im Laufe der Zeit kam jedoch Plotin zu hohem Ansehen, wie die Namen zahlreicher Schüler beiderlei Geschlechts bezeugen. Ihm hörten nicht nur römische Ritter und Senatoren, sondern auch eine große Menge der vornehmsten Damen zu, von denen eine, namens Gemina, Plotin zeitweilig in ihr Haus aufnahm.
Unser Philosoph erfreute sich des allgemeinsten Vertrauens, so daß er als „ein heiliger, göttlicher Fürsorger“ von den edelsten Männern als Testamentsvollstrecker und Vormund ihrer Kinder eingesetzt wurde. Sein Haus war daher mit vornehmen jungen Leuten beiderlei Geschlechts überfüllt, deren Erziehung er leitete und deren Güter er auf das gewissenhafteste verwaltete, „um – wie er sagte – ihnen wenigstens ihre zeitlichen Schätze ungeschmälert übergeben zu können, wenn sie keinen Geschmack an der Philosophie und den himmlischen Dingen finden sollten“. Sehr häufig wurde Plotin als Schiedsrichter angerufen, welchem Amte er mit so großer Klugheit vorstand, daß er sich dabei nach der Versicherung seines Schülers Porphyrius (in vita Plotini), während seiner sechsundzwanzig in Rom verlebten Jahre auch nicht einen einzigen Menschen zum Feind machte.
Selbst Kaiser Gallienus (259–268), eines der nichtswürdigsten Ungeheuer, welche den römischen Kaiserthron schändeten, und dessen Gemahlin Salonina waren für die Ideeen Plotins derart begeistert, daß sie eine verfallene Stadt in Kampanien wieder aufbauen und Plotin nebst seinen Schülern schenken wollten. Diese Stadt sollte Platonopolis genannt und nach den von Plato entwickelten politischen und ethischen Prinzipien regiert werden. Porphyrius berichtet in seinem Leben Plotins mit nicht geringem Unwillen, daß dieser schöne Plan durch einige Hofleute vereitelt worden sei, welche den Plotin beneidet und Plato nicht den Ruhm eines Gesetzgebers gegönnt hätten.
Plotin lebte bis zum Jahre 270 in Rom, zog sich dann, von einer Krankheit befallen, nach Kampanien zurück und starb, indem er dem ihn besuchenden Arzt Eustochius die Worte zurief: „Ich führe jetzt den in mir wohnenden Gott der im Weltall lebenden Gottheit zu!“ – In demselben Augenblick kam, so erzählt die allegorische Legende, unter dem Bett eine drachenartige Schlange, welche für den Genius Plotins gehalten wurde, hervor und verschwand durch eine in der Wand befindliche Öffnung.
Nach Porphyrius hatte Plotin sein göttliches Auge beständig auf den ihn begleitenden Genius gerichtet und lebte „recht eigentlich in einer wesentlichen und realen Gemeinschaft mit der Geisterwelt“. Von dem hohen Werte und der Wichtigkeit dieses geistigen Lebens und Verkehrs im Gegensatz zu seiner äußeren Persönlichkeit war denn auch Plotin so durchdrungen, daß er seinen Freunden und Schülern weder den Tag noch den Ort seiner Geburt nannte, weil es schon zu viel sei, über solche irdische Dinge auch nur ein Wort zu verlieren. Alles phänomenale Sein ist ihm ein Elend, ein Irrtum und ein niedriger Zustand, von welchem sich der Mensch losmachen muß, damit er durch die „Tugend“ zu Gott zurückkehre. Dieser Gipfel der Tugend, auf welchem sich die Seele mit Gott vereinigt, wird nur erreicht durch die Askese. Deshalb enthielt sich auch Plotin aller Fleischspeisen, nicht selten auch des Brotes, und fastete oft so lange, daß er sich andauernde Schlaflosigkeit zuzog. Er gönnte sich nicht das regelmäßige Bad, wie es doch bei seinen Landsleuten Sitte war, und unterließ zuletzt selbst die üblichen Abreibungen seinem Körpers, die einzige Pflege, welche er demselben noch hatte zu teil werden lassen. Es schien ihm eine unerträgliche Eitelkeit, von dem Schattenbilde seines Körpers eine Abbildung machen zu lassen, welche eine längere Dauer als das Original habe. Als nachahmungswürdiges Muster eines Weisen empfahl Plotinus seinen Schülern den römischen Senator Rogatianus, welcher durch ihn so bekehrt worden war, daß er seine Sklaven freiließ, sein Vermögen verschenkte, sein Prätorenamt aufgab und nicht einmal in seinem eigenen Hause wohnte, sondern bei seinen Freunden schlief und speiste. – Alle späteren Neuplatoniker eiferten ihrem Meister in dieser übertriebenen Selbstentsagung, bei welcher indischer Einfluß unverkennbar ist, nach und genossen weder Fleisch noch Wein, noch die Freuden der Liebe, welche sie als die größten Hindernisse eines heiligen Lebens und der innigen Vereinigung mit Gott ansahen.
Porphyrius berichtet denn auch, daß während seiner sechsjährigen Lehrzeit bei Plotin dieser, sein Meister, viermal der „Vereinigung mit Gott“ gewürdigt worden sei, während ihm – Porphyrius – dieses Glück im ganzen Leben nur einmal zu teil ward. Wie sein Biograph ferner berichtet, war Plotin hellsehend und hatte die Fähigkeit, die Gedanken anderer zu lesen, er wußte Diebstähle zu verkünden so gut wie die Zukunft und sagte seinen Schülern ihre Gedanken.