Die Verstandeswelt ist das Muster und Vorbild der Sinnenwelt. Alles, was in dieser wirklich ist, muß daher auch in der Verstandeswelt enthalten sein, jedoch nur der Form nach. In der Verstandeswelt ist daher auch ein mit Sternen besäeter Himmel, eine Erde mit allen möglichen Pflanzen und Tieren, Wasser und Meer in bleibendem Flusse und Leben mit allen Wassertieren und die Luft mit den ihr lebenden Wesen. Denn was aus dem Intellekt kommt, ist Leben; die Verstandeswelt ist daher auch ein lebendes Wesen, ein Welttier.[802]

Alle die Verstandeswelt ausmachenden Verstandeswesen müssen etwas Gemeinschaftliches und etwas Individuelles haben, denn weil sie im Intellekt existieren, ohne durch den Raum getrennt zu sein, so können sie allein durch das ihnen Eigentümliche unterschieden sein, wodurch sie zu besondern Dingen werden. Dieses Individuelle ist die Form, die Gestalt. Wo nun Gestalt ist, da giebt es auch etwas Gestaltetes, d. h. durch die Form Bestimmbares und Bestimmtes. Dies ist die Materie, d. h. nicht die sinnliche, sondern die übersinnliche. Denn auch das hat die Verstandeswelt mit der Sinnenwelt überein, daß sie aus Form und Materie besteht. Abstrahiert man in Gedanken von den Formen, durch welche die Verstandeswelt ein mannigfaltig gestaltetes Ganze geworden ist, so bleibt nichts übrig als das Gestaltlose und Unbestimmte, welches die Gestalt annimmt und gleichsam trägt.[803]

Durch die Thätigkeit und schöpferische Kraft des Intellekts entsteht die Verstandeswelt, welche nur in ihm existiert. Die Thätigkeit, durch welche die Verstandeswelt wirklich geworden ist, ist eine innere und auf das Innere gerichtete. Soll nun auch eine äußere Welt entstehen, welche sich auf die Verstandeswelt als auf ihr Muster bezieht, so muß außer dem Einen und dem Intellekt noch ein drittes vorhanden sein, dessen Thätigkeit nicht nach innen, sondern nach außen gerichtet ist. Dies ist die Seele.[804]

Die Seele ist Produkt des Intellekts, sowie der Intellekt Produkt des Einen ist. Nach dem Grundsatz, daß alles Reale aus sich selbst ein anderes Reale erzeugt, was dem Grade der Vollkommenheit nach dem Erzeugenden am nächsten, aber doch nicht ganz gleich kommt, bringt auch der Intellekt etwas hervor, was ihm am nächsten kommt. Die Seele ist ein Gedanke, eine Thätigkeit des Intellekt.[805]

Die Seele steht im dritten Grad von dem Einen ab und ist daher unvollkommener als der Intellekt. Sie ist auch ein Leben, Denken und Thätigsein wie der Intellekt, aber in einem niedern Grade. Erstens geht die Seele nicht ohne Veränderung hervor. Zweitens ist ihr Denken und Schauen dunkler, denn sie erblickt die Objekte nicht in sich, sondern in dem Intellekte. Drittens ist ihr Wirken nicht eine innere, sondern eine nach außen gerichtete Thätigkeit; sie bringt etwas außer sich hervor, was nun nicht mehr ein reines, sondern ein schon vermischtes und getrübtes Sein hat.[806]

Auch die Seele ist wie die Intellekte eine Art Licht, aber nicht ein selbstleuchtendes, sondern von einem andern erleuchtetes. Das Eine ist das einfache, reine Licht selbst, welches sich in den Intellekt ergießt. Die Seele empfängt das Licht vom Intellekt.[807]

Nach den ewigen Gesetzen der Ordnung und Harmonie des Ganzen lösten sich alle Seelen, eine jede zu der bestimmten Zeit, vermöge eines natürlichen Dranges und wie durch den Ruf eines Herolds oder Beschwörers erweckt, von dem Intellekt ab und traten zum erstenmal in das System unserer Welt, in die Gemeinschaft mit den Körpern ein. Indem sie aus ihrer göttlichen Urquelle ausflossen, kamen sie in den Himmel oder den Aufenthaltsort der sichtbaren Götter, wo sie ein Gewand aus ätherischem Stoff gewebt erhielten oder annahmen. Hier am Saume des unsichtbaren Universum, wo die Seelen gleichsam zwei Welten berührten und das niedrigste Glied der intelligibeln wie das höchste der materiellen ausmachten, verweilten sie nicht immer, sondern senkten sich nach eben den Gesetzen, nach welchen sie aus der Mutter aller Seelen hervorgegangen waren, auf unsere Erde herab. Auf einer jeden neuen Stufe des Herabsteigens empfingen sie einen neuen Körper und wurden also in dem großen zwischen Himmel und Erde ausgespannten Raume mit einem luftigen, auf dem Wohnplatz sterblichen Geschöpfe mit einem dichten irdischen Gewand bekleidet.[808]

Durch die Thätigkeit der Seele entstehen andere Seelen als Arten der einen. Die Kräfte derselben sind von doppelter Art. Einige sind auf das obere gerichtet wie die Vernunft, andere auf das Niedere wie die verstandesmäßigen Kräfte; die unterste ist die auf die Materie gerichtete und sie bildende Kraft, die Empfindung nämlich und vegetative Kraft.[809]

Alles Wirken der Natur hat die Erkenntnis zum Endzweck. Denn was in der Natur hervorgebracht wird, hat eine übersinnliche Form, wodurch die Materie eine Gestalt erhält, damit sie ein Objekt der Erkenntnis werde.[810] Die Natur ist also nichts anderes als eine Seele, welche wiederum das Produkt einer höheren und mächtigeren Seele ist.[811] In der ganzen Natur ist nur eine der Qualität nach identische Kraft wirksam: die Seele, die Vorstellungskraft; nur eine und dieselbe Wirkungsart: die Bildung, das Anschauen. Es herrscht also derselbe Prozeß im innern Menschen wie in der äußeren Natur.[812]

Alle Materie wird von der Seele innerlich gestaltet; alle Elemente sind von ihrem Leben erfüllt, welches innerlich vorhanden ist, auch wenn es nicht in die Erscheinung tritt. Die Erde gleicht dem Holze eines Baumes, welche eine belebende Natur in sich trägt, die Steine sind wie abgeschnittene Zweige. In den Gestirnen wie in der Erde als Weltkörper findet sich göttliches Leben und Vernunft. Die sinnliche Welt ist sowohl im einzelnen als im ganzen beseelt, und eben diese Seele ist das Wesentliche an ihr.[813]