„Die Natur, die Kunst, die natürliche Verbindung der Teile des Universum, daß sie gleichsam ein großes Tier ausmachen, bietet gewisse Vorhersagungen künftiger Begebenheiten und ihrer Folge dar. Es giebt Körper, welche so beschaffen sind, daß der eine die Vorstellung einer künftigen auf einen andern Körper sich beziehenden Begebenheit erweckt.“
Dies ist der Inhalt des Briefes an Anebo, soweit er für uns von Wichtigkeit ist. Im folgenden verbreitet sich der Verfasser über jetzt unwesentliche mythologisch-theurgische Spitzfindigkeiten, deren Wiederholung zwecklos wäre; jedoch wollen wir nicht unterlassen zu erwähnen, daß die Neuplatoniker, wie die Spiritisten von der strikten Observanz, Esprits menteurs kannten, wie folgende Stelle des anebontischen Briefes beweist: „Einige behaupten, außer uns sei eine Gattung von Wesen, welche unsere Wünsche erhören und von betrüglicher Natur sind, alle Gestalten und Formen annehmen, die Rolle der Götter, Dämonen und abgeschiedener Seelen spielen und dadurch alle scheinbaren Güter und Übel hervorbringen können.“
Diese Lehre griff auch Jamblichus auf und bildete sie in seinem berühmten Werk De mysteriis Aegyptiorum weiter aus.
Vom äußeren Leben des Jamblichus wissen wir trotz der ziemlich ausführlichen Biographie des Eunapius sehr wenig und zwar nur, daß er aus Chalkis in Cölesyrien gebürtig war, im Orient viele Schüler um sich versammelte und im Jahre 333 starb. Er stand bei seinen Zeitgenossen, welche ihn nur den „göttlichen“ nennen, wegen seiner Wunder in hohen Ehren. So soll er beim Beten nach der Erzählung des Eunapius sich über zehn Ellen hoch in die Luft erhoben haben, wobei er in einem goldfarbenen Lichte erglänzte. In den heißen Bädern zu Gadara soll er vor den Augen seiner Schüler aus Wasserdampf die Knabengestalten des Eros und Anteros haben entstehen lassen, welche sich dann an ihn, wie an ihren Vater schmiegten und wieder zerflossen. (Wenn diese Erzählung einen historischen Hintergrund hat, was sich wegen Mangels genauerer Nachrichten nicht entscheiden läßt, so hätten wir in ihr vielleicht „Materialisation“ zu sehen.)[837] Endlich aber soll Jamblichus fernsehend gewesen sein und seinen Schülern, als er an einem Sommerabend mit ihnen nach der Stadt zurückkehrte, (nach welcher sagt Eunapius nicht) gesagt haben, daß der Weg durch eine auf demselben zu Grabe getragene Leiche verunreinigt worden sei, was sich nachher bestätigte. – Das ist alles, was man vom Leben Jamblichus weiß.[838]
In seiner Schrift De mysteriis Aegyptiorum sucht derselbe alle von Porphyrius im Briefe an Anebo gestellten Fragen im Namen des Priesters Abammon zu beantworten. Er verteidigt alle Gebräuche der Magie im allgemeinen wie der Theurgie im besonderen als Mittel zu der über allen Verstand gehenden Anschauung des Höchsten, und läßt die ganze ägyptisch-griechisch-römisch-hebräische Götter-, Dämonen- und Engelwelt vor unsern erstaunten Augen Revue passieren.
Wenn Porphyrius behauptete, die Götter würden durch den Gehorsam gegen die magische Einwirkung des Theurgen in einen leidenden Zustand versetzt, so macht ihm Jamblichus den Vorwurf, daß er dabei einen Unterschied zwischen dem Leidenden und dem Leidenlosen mache, welcher auf die höhern Wesen nicht passe. Die Lehre von der mystisch-theurgischen Vereinigung mit dem absolut Guten dehnt er so aus, daß daraus auch die „Henosis“ mit allen höhern Wesen folgt, für deren Dasein kein Beweis erbracht zu werden brauche, weil wir dasselbe eben unmittelbar durch die Vereinigung erfahren.[839] Die Götter sind nicht nur im Himmel, sondern überall, teilen sich also auch dem Theurgen mit und belehren ihn über ihr Wesen und ihre Verehrung. Auf diese göttliche Mitteilung, welche Hermes den Priestern machte, werden alle Mysterien mit ihrer geheimen Bedeutung zurückgeführt.[840] Darauf beruht auch der heilige Enthusiasmus, in welchem der Mensch nicht mehr das tierische, nicht mehr das menschliche, sondern ein höheres Dasein lebt, wie Jamblichus an Beispielen zeigt, welche beweisen, daß er die Abänderung der organischen Gesetze sehr gut kennt, welche magisch-mediumistische Zustände im Gefolge haben. Er spricht[841] von den vom „göttlichen Hauch Berührten“, welche vom Feuer weder Brandwunden noch Schmerzempfindung erleiden; welche es nicht fühlen, wenn sie durch Schwerter, Beile, Lanzen und Messer verwundet werden; die ohne Schaden zu nehmen ins Feuer fallen oder – wie der Priester bei den castabalischen Festen – auf wunderbare Weise über Flüsse schwimmen. Im (folgenden) 5. Kapitel schildert Jamblichus noch einige fein beobachtete Merkmale der Ekstase: „Einige von den Begeisterten werden am ganzen Leibe bewegt, einige an gewissen Gliedern, andere hingegen bleiben völlig in Ruhe, zuweilen vernahmen sie eine wohlgeordnete Musik, einen Tanz oder harmonischen Gesang, zuweilen das Gegenteil; zuweilen scheint ihr Körper in die Höhe zu wachsen, zuweilen in die Breite, zuweilen scheint er in der Luft zu schweben. Zuweilen vernehmen sie eine wohlklingende Stimme und wiederum durch Zwischenräume oder Stillschweigen getrennte Töne und vieles andere.“[842]
Die Vereinigung mit dem Göttlichen beruht wesentlich darauf, daß die vom Körper abgetrennte Seele leidenfrei ist. Selbst wenn sie in den Körper hinabsteigt, leidet sie nicht, noch auch ihre Gedanken, welche Ideeen, d. h. geistige Wesenheiten sind. In ihnen sind wir mit den Göttern vereinigt. Die innige Vereinigung aber zwischen der menschlichen Seele und Gott vermag kein Gedanke auszudrücken. Der, welcher dieses göttliche Werk vollzieht, ist nicht verschieden von dem, auf welchen er es richtet, von der Gottheit, es ist kein Unterschied vorhanden von dem Rufenden und dem Gerufenen, dem Befehlenden und dem Ausführer der Befehle, zwischen dem Höheren und Geringeren.[843]
In dieser Weise spricht sich Jamblichus ganz übereinstimmend mit den indischen Mystikern aus. Es heben sich auf diese Art alle Zweifel des Porphyrius über die Macht, welche die Theurgen über die Götter ausüben würden. Die Götter werden nicht zu uns herabgerufen, sondern wir heben uns durch Askese, Gebet, Betrachtung und Anrufung zu ihnen empor. Die alles zusammenhaltende Liebe verbindet uns mit ihnen.[844]
„Wenn die Seele sich mit den Göttern zu vereinigen strebt, so erhält sie die Macht und Fähigkeit alles zu erkennen, was war und was sein wird, sie durchschaut alle Zeiten, betrachtet alles in ihnen Geschehende und ordnet es in gebührender Weise; sie empfängt die Macht zu heilen und zu verbessern. Kranke Körper heilt sie und richtet es zum Guten, wenn die Menschen Unordnungen und Fehler begehen. Sie erfindet Künste, spricht Recht und erfindet Gesetze. So werden im Tempel des Aeskulap durch göttliche Träume Heilmittel offenbart. – Das ganze Heer Alexanders wäre zu Grunde gegangen, wenn nicht nächtlicherweile Dionysius erschienen wäre und Heilmittel gegen das schwere Übel gezeigt hätte.“[845]
Wie man sieht, kannte Jamblichus den Somnambulismus in seinem ganzen Umfang und legte besonders Wert auf dessen heilend wirkende Äußerungen, auf den „Traum als Arzt“, wie sie du Prel kurz und treffend bezeichnet.