„Denn auch er glaubte von Göttern in Gestalt von Fremdlingen einen Besuch erhalten zu haben. Voll von diesen Gedanken schlief er vergnügt ein. Die Greise aber führten nach der Mahlzeit das Mädchen auf ihr Zimmer, übergaben ihr sorgfältig das Gewand, in welchem sie eingeweiht worden war, nebst noch einigen andern Sachen, ließen ihr ein Kästchen versiegeln und thaten noch einige Bücher hinzu. Sosipatra freute sich ungemein darüber, und liebte überhaupt die fremden Männer wie ihren eigenen Vater.“
„Am folgenden Tage morgens frühe, als die Thüren geöffnet wurden, und jedermann an seine Arbeit ging, gingen auch die zwei Greise, wie gewöhnlich aus, das Mädchen aber lief zu dem Vater mit der fröhlichen Nachricht, und ließ das Kästchen und die Bücher zu ihm tragen. Der Vater erstaunte über die kostbaren Schätze, welche er fand, und ließ die Männer rufen. Aber sie waren nirgends zu finden. Was ist das? sagte er zur Tochter. Nachsinnend eine Weile, erwiderte diese: Ach, jetzt verstehe ich, was sie mir sagten, als sie mir dies Alles mit Thränen in den Augen übergaben. Betrachte dieses öfters, sagten sie, wir werden bald eine Reise auf das westliche Meer machen, und alsdann sofort wieder zurückkehren.“
„Alles dieses beweist offenbar, daß die Fremdlinge Geister oder höhere Wesen waren. Der Vater nahm diese eingeweihte und divinatorische Tochter zu sich, ließ sie ganz nach ihrem Willen leben, und bekümmerte sich um ihr Thun und Lassen weiter nicht im Geringsten; nur war er mit ihrem stillen Wesen nicht ganz zufrieden. Als sie das reifere Alter erreicht hatte, wußte sie, ohne andere Lehrer gehabt zu haben, die Schriften der Dichter, Philosophen und Redner alle auswendig, und was andere mit großer Anstrengung und vielem Schweiße kaum mittelmäßig erlernen und begreifen, darüber wußte sie sich so leicht und gewandt auszudrücken, als ob es nur ganz unbedeutende Aufgaben wären. Die Fremdlinge aber kehrten niemals wieder zurück“ usw.[865]
[Drittes Kapitel.]
Hierokles und sein Kommentar zu den goldenen Sprüchen des Pythagoras. – Die letzten Neuplatoniker.
Durch die Litteratur des Occultismus zieht sich eine Reihe von Schriften, in welchen die mystische Entwickelung des Menschengeistes esoterisch dargestellt und systematisch gelehrt wird. Da es nun unsere Aufgabe ist, das Feld der Mystik in seinem ganzen Umfang zu durchstreifen, so dürfte es vielleicht am Platze sein, diese heute meist vergessenen Schriften aus dem Staube der Jahrhunderte und Jahrtausende hervorzuziehen und der theoretischen wie der praktischen Forschung zugänglich zu machen; vielleicht erregt dieses Unternehmen um so mehr das Interesse der Beteiligten, als die neuere hierher gehörige Litteratur, wie sie z. B. von Kerening vertreten wird, kaum etwas Besseres aufzuweisen hat.
In erster Reihe sind die sogenannten goldenen Sprüche des Pythagoras hierher zu rechnen, welche, wenn auch vielleicht nicht in ihrer Gesamtheit von Pythagoras selbst herstammend, doch ganz zweifelsohne geistiges Eigentum der alten und neuen pythagoräischen Schule waren. Sie lehren die mystische Entwickelung des Geistes und hier treffen alle Kennzeichen zusammen, mit denen Cornelius Agrippa die letztere charakterisiert, indem er sagt[866]: „Dieser (höhere) Einfluß wird uns aber nur dann zu teil, wenn wir uns von den die Seele niederdrückenden Hindernissen, von den fleischlichen und irdischen Beschäftigungen und von jeder von außen kommenden Aufregung frei machen. Wie ein triefendes und unreines Auge die allzustark leuchtenden Gegenstände nicht anschauen kann, so wird auch der das Göttliche nicht fassen können, der die Reinigung der Seele vernachlässigt. Man muß aber schritt- und gleichsam stufenweise zu dieser Reinheit des Herzens gelangen, denn nicht jeder Neueingeweihte wird sogleich den vollen Glanz dieser Mysterien fassen, sondern die Seele ist allmählich daran zu gewöhnen, bis in uns die Kraft des Verstandes sich entfaltet, und dieser, dem göttlichen Lichte zugekehrt, sich mit ihm vereinigt. Wenn nun die menschliche Seele gehörig gereinigt und geheiligt ist, so tritt sie von allen störenden Einflüssen ungehindert in freier Bewegung hervor, erhebt sich nach oben, erkennt das Göttliche und unterrichtet sich sogar selbst, wenn sie gleich den Unterricht anderswoher zu erhalten scheint. Sie bedarf alsdann weder einer Erinnerung noch Belehrung, sondern durch ihren Geist, welcher das Haupt und der Lenker der Seele ist, ahmt sie von selbst die Engel nach und erreicht nicht erst allmählich, nicht in einer bestimmten Zeit, sondern in einem Augenblicke das, was sie wünscht.“
In den ersten vierundfünfzig Strophen der goldenen Sprüche wird nun diese „stufenweise Reinigung des Herzens“ gelehrt, während in den letzten zweiunddreißig die durch Selbstzucht erreichte geistige Macht und Freiheit des Adepten geschildert wird. – Unser moralisch-mystisches Lehrgedicht hat nach den etwas modernisierten Übersetzungen von Schultheß[867] folgenden Wortlaut:
„Die unsterblichen Götter, wie das Gesetz ihren Rang zeigt,
Ehre zuvorderst, und heilig sei dir der Eid. Den erhab'nen
Helden des Äthers zunächst, dann auch der Erde Dämonen
Gieb nach Gesetz und heiligem Brauch ihre Ehre. Die Eltern
Halte in Ehren zumeist, dann auch Verwandte des Blutes. 5.
Unter den andern erwirb durch Tugend jeden Rechtschaff'nen
Dir zum Freunde, und sei empfänglich für gütige Reden,
Nützliche Thaten zumal; um kleiner Vergehungen willen
Zürne nicht mit dem Freund; so lange du kannst, übe Nachsicht;
Ist ja das Können so oft Nachbar des Müssens. Behalte 10.
Dieses nun wohl und gewöhne durch fleißige Übung dich dazu,
Daß du die Lüste des Gaumens, Neigung und Trieb zu dem Schlafe,
Daß du die Wollust und Zorn beherrschen männiglich könnest.
Thu' nichts Schändlich's allein, noch auch im Beisein von andern;
Scham vor dir selbst soll dich strenger als alles bewahren. 15.
Sei du gerecht gegen alle in Worten sowohl als in Thaten,
Und erlaube dir nie der Vernunft dich blöde zu entäußern,
Sondern halte im Aug', daß gemeinsam den Menschen der Tod ist.
Laß' nicht nur den Gewinn, laß auch Verlust dir gefallen.
Was für Leiden die Menschen nach göttlicher Schickung bedrücken, 20.
Trage du sanft deine Last und hadere nicht mit dem Himmel.
Hilf dir so gut als du kannst, das fordert die Pflicht; und bedenke,
Daß das Schicksal dem Guten nicht allzuviel Leiden verhänge,
Wirst du Reden verschiedene, gute und schlimme vernehmen,
Haß' und bewundere von ihnen keine, und mußt du zuweilen 25.
Thorheit, Unvernunft hören, so übe Geduld. Eine Regel
Geb' ich dir jetzt, und die sollst du zu allen Zeiten befolgen:
Niemand müsse dich weder durch Worte noch Thaten bewegen,
Etwas zu reden, zu thun, das deinem Besten zuwider;
Handle nicht ohne Bedacht, um thöricht nimmer zu handeln, 30.
Elend ein Mann, der redet und handelt ohn' Überlegung.
Setze nur das in das Werk, was nun und nimmer dich reu'n kann.
Schreite zu keiner That, wo Kenntnis gänzlich dir mangelt.
Laß dich von deinen Pflichten erst gründlich belehren, dann wirst du
Freudig, zufriedengestellt, in Ruhe dein Leben vollbringen. 35.
Auch die Gesundheit des Leibes sollst unbesorgt du nicht lassen.
Halte nur Maß in Trunk, in Speise und Übung des Leibes.
Meide, was Schaden gebiert, das wird dir das richtige Maß sein.
Reinlich, jedoch ohne Pracht, gewöhn' dich zu leben. Vermeide
Alles was Neid weckt, mit Fleiß, und laß unnötigen Aufwand 40.
Denen, die wirkliches Gut nicht kennen, doch fern auch sei von dir
Kargheit. Das Beste in allen ist rechtes Maß stets gewesen.
Thu' nichts, was Schaden dir bringt, und denke, noch ehe du handelst.
Eher darfst du auch nicht dem Auge zu schlafen gestatten,
Bis du der Thaten des Tages dreifach dir Rechnung gegeben: 45.
Wo übertrat ich das Maß? Was ward gebührend verrichtet?
Was unterlassen, was Pflicht von mir erheischen hätt' müssen?
Laß' dieser Musterung nichts vom Ersten bis Letzten entgehen;
Straf dich begangenen Fehl's und freu' dich bewiesener Tugend.
Siehe, hierin sollst du üben, und dieses sollst du studieren, 50.
Das ist, was von Herzen zu lieben dir ist geboten,
Diese Dinge, sie führen zum Pfad' der göttlichen Tugend,
Bei dem göttlichen Mann schwör ich's, der unserer Seele
In der Tetrade den Quell der ew'gen Natur hat gewiesen!
Aber du schreite zum Werk mit flehender Bitt' an die Götter, 55.
Daß du vollenden es magst. Bist du jetzt mächtig geworden
Jener menschlichen Tugend, so soll dir die Kenntnis dann werden
Von der Geister System und auch der unsterblichen Götter,
Sterblichen Menschengeschlechts auch; wie weit sich erstrecken die Kräfte
Jedes Geschlechtes und was zu Einem sie alle verbinde. 60.
Weiter die Kenntnis, wie die Natur nach ewigen Rechten
Bleibt stets selber ihr gleich. Dann hoffest du niemals,
Was zu hoffen nicht ist; dann bleibt dir nichts mehr verborgen.
Kenntnis erlangst du, erkorenes Übel plage die Menschen,
Plage die Thoren, die wahr es nicht nehmen, die hören nicht wollen, 65.
Wie sie das Gut in der Nähe hätten. Nur wenige wissen,
Sich von den Übeln zu lösen: Ein trauriges Schicksal,
Daß sie gedankenlos sind; sie rollen wie wirbelnde Walzen
Dahin, dorthin, bedrängt von Kummer und Plagen ohn' Ende.
Denn das merken sie nicht, daß der Streit, der schlimme Gefährte, 70.
Anvertraut ihnen von Kind an, ihr Schaden ist, daß sie
Ihn nicht reizen, dagegen durch Nachsicht entgehen ihm sollten.
Vater Zeus, o du würdest vom Übel sie alle erlösen,
Wenn du allen zeigtest den Dämon, der sie bewohnet.
Sei nur getrost, denn die Sterblichen sind auch von Gottes Geschlechte; 75.
Alles wird die Natur, die heilige Mutter sie lehren.
Bist du nun auch der getreuen Lehrerin fleißiger Schüler,
Wird es dir meine Gebote zu halten an Kräften nicht fehlen,
Heilen wirst du alsdann die Seel' und von Elend erretten.
Aber enthalte dich auch verbotener Speisen, entscheide 80.
Nach den Gesetzen der Läut'rung wie auch der Befreiung der Seele,
Was ihr schadet und nützt, und lasse das nie unerwogen.
Laß der Vernunft als dem besten Fuhrmann die Zügel in Händen.
Scheidest du früh oder spät aus diesem, dem sterblichen Leibe,
Dann wirst du froh in den reinen Äther dich singend erheben, 85.
Vom Tod auf ewig befreit bist du unsterblicher Gott dann!“
Diese pythagoräischen Verse wurden von dem Neuplatoniker Hierokles ausführlich kommentiert. Derselbe wurde 410 geboren, war ein Schüler des Plutarch von Athen, lehrte zu Alexandria und starb um das Jahr 476. Von seinem Leben ist so gut wie nichts bekannt, und nur Suidas überliefert uns einen einzigen Zug aus seinem Leben, welcher jedoch unsern Philosophen in stoischer Größe erscheinen läßt: Auf einer Reise nach Byzanz wurde er in dieser Stadt von der Regierung (vermutlich wegen Streitigkeiten mit christlichen Priestern) zur Geißelung verurteilt, welche auf das strengste an ihm vollzogen wurde. Als nun ein Gerichtsbeamter voll Wohlgefallen der Exekution zusah, fing Hierokles eine Hand voll seines den Riemen der Peitschenhiebe entströmenden Blutes auf und warf es demselben mit homerischen Worten ins Gesicht: „Nimm, Cyklop, und trink eins; auf Menschenfleisch ist der Wein gut.“