[Viertes Kapitel.]
Synesios, der letzte Neuplatoniker, sein Leben und seine Lehren.

Von

L. Kuhlenbeck.

Den Kiesewetterschen Darstellungen der neuplatonischen Philosophie schließe ich hier eine Studie über den einzigen und letzten Neuplatoniker an, der als Repräsentant des völligen Verfalls der griechischen Philosophie dennoch seiner Persönlichkeit wegen meine Teilnahme in Anspruch nimmt. Diese Teilnahme gilt freilich in erster Linie einer Frauengestalt, die das tragische Ende des Hellenismus überhaupt, in einer die Poesie und Kunst mehr als die Wissenschaft herausfordernden Weise gewissermaßen symbolisch abschloß, der Hypatia. Nicht nur die platonische Philosophie, das ganze geistig sinnliche Hellas hatte sich in dieser Frauengestalt von gleich vollendeter Schönheit des Leibes und der Seele individualisiert, wie um sich der Welt noch einmal vor dem Scheiden in sichtbarer Verkörperung zu zeigen.

„Bewundernd blick' ich auf zu dir und deinem Wort,
Wie zu der Jungfrau Sternbild, das am Himmel prangt;
Denn all dein Thun und Denken strebet himmelwärts,
Hypatia, du edle, süßer Rede Born,
Gelehrter Bildung unbefleckter Stern!“

So besingt sie der Epigrammatist Palladas, und dem Grade nach bleibt kaum einer ihrer gelehrten Zeitgenossen hinter solchem Lobe zurück. Dieser Abendstern hellenischer Geisteskultur aber, diese jungfräuliche Philosophin, wurde auf Anstiften des christlichen Patriarchen Cyrillus zu Alexandria von christlichen Mönchen im März des Jahres 415 in eine christliche Kirche geschleift und daselbst zerfleischt und zerrissen, wie eine Hindin von einer Meute ausgehungerter Steppenwölfe, – und selbst von ihrem geistigen Wesen, von ihren Schriften ist kein Jota vor dem Spürsinn kirchlicher Gedankenpolizei auf die Nachwelt gerettet.

Wenn man indeß die Meisterin nach einem ihrer begeistertsten Schüler beurteilen darf, so verdient schon um deswillen das Leben und das in seinen der Nachwelt erhaltenen Schriften sich mitteilende Denken eines Mannes unser wärmstes Interesse, der auch als Bischof derselben Kirche und in demselben Patriarchat, dessen Oberhirt der Anstifter ihrer Ermordung war, nicht müde wurde, sich zu rühmen, „ihres Geistes einen Hauch verspürt zu haben“. Wir dürfen uns glücklich schätzen, wenn wenigstens durch einen solchen Planeten einige reflektierte Strahlen ihrer sonst in ewige Nacht versunkenen Geistessonne noch zu uns gelangen. Dieser Schüler ist Synesios.


Zwischen der großen Syrte und der an der Westgrenze Ägyptens beginnenden lybischen Wüste erhebt sich das Plateau von Barka, landschaftlich der schönste Teil des nördlichen Afrika. Im Altertum hieß es Cyrenaica oder Pentapolis, Cyrenaica nach der Hauptstadt Cyrene, Pentapolis, weil einschließlich Cyrene fünf große Städte, nämlich außer der genannten Berenice, Ptolemais, Arsinoe, und Apollonia, sämtlich Kolonieen dorischer Griechen, hier eine bundesstaatliche Gemeinschaft darstellten. Die höchste Blüte geistigen Lebens und materiellen Wohlstandes scheint die Pentapolis um die Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. erreicht zu haben, als die ursprüngliche Königsherrschaft durch eine demokratische Republik beseitigt ward; doch besingt noch Pindar ihre zahlreichen Sieger bei den olympischen Spielen, und der Geograph Eratosthenes, der Dichter Kallimachus, die Philosophen Aristipp, Karneades und Antipater verbürgten durch ihre Werke eine nicht nur blutsverwandtschaftliche, sondern auch geistige Ebenbürtigkeit ihres lybischen Vaterlandes mit dem übrigen Hellas. Seine politische Unabhängigkeit wahrte der Fünf-Städtebund, wenn auch allmählich seine ökonomische Bedeutung von der alles überwuchernden Handelsmacht Karthagos überflügelt und selbst erdrückt wurde, bis zum Tode des großen Alexander, in dessen Universal-Monarchie er aus panhellenistischer Begeisterung freiwillig eintrat. Darnach aber geriet er unter die Gewalt des Ptolemäus von Ägypten, und dieser brachte mit Ansiedlung einer Menge Juden, denen er leider noch dazu volle bürgerliche Gleichberechtigung mit den Hellenen verlieh, so zu sagen, den Schwamm ins Holz. Jeder Historiker und auch die Gegenwart weiß, was solche Gleichberechtigung der Juden innerhalb eines nationalen Organismus bedeutet; auf dem künstlich geschaffenen Nährboden vermehrten sich die Juden in kurzer Zeit unglaublich und nutzten die bürgerliche Gleichberechtigung zur Aussaugung der Volkskräfte noch weit gründlicher aus, als das römische Reich, dem Cyrenaica etwa von 66 v. Chr. als Provinz einverleibt war, seine Herrschaft. Dazu kam ihr gerade in jenen Zeiten besonders hochflutender Religionsfanatismus, der in der Pentapolis unter der Regierung Trajans ihren angeborenen Menschenhaß zu einem Messias-Putsch fortriß, welcher in der Scheußlichkeit gipfelte, in einer einzigen Verschwörungsnacht mehr als 200 000 Griechen meuchlerisch abzuschlachten. Freilich suchte der Kaiser diese Greuelthaten gebührend zu strafen; die dadurch nur noch mehr geschürten Rassenkämpfe beschleunigten aber wiederum die völlige Verarmung und Entvölkerung des Landes.