Allvater, fährt die Sage fort, wohnte in der Tiefe und sann, und was er sann, das ward. Da erstand, unberührt von der Faust dieser Gewalt, die Esche Yggdrasil, der Baum der Welten, der Zeiten und des Lebens. Ihre Zweige breitet sie aus bis in den Himmel, ihr Wipfel überschattet Walhalla, die Halle der seligen Helden. Drei mächtige Wurzeln nähren und tragen den Stamm; die eine reicht gen Niflheim; unter ihr herrscht über das Reich der Schatten die bleiche finstere Hel, und da sprudelt der urweltliche Brunnen Hwergelmir, in dessen Tiefen die Geheimnisse der vorweltlichen Dinge verborgen ruhen, die weder Menschen noch Götter noch Riesen zu ergründen vermögen. Die andere Wurzel zieht gen Jötenheim, wo Mimirs Born quillt, in dem die Kunde von der Urwelt, von der Entstehung, dem Werden der Dinge sich birgt. Da sitzt Mimir (Erinnerung), der weise Jote, und trinkt alle Tage von der Flut, die er mit Walhallas Pfande schöpft. Denn er selbst, Odin, der sinnende Ase, kam einstmals zu dem Wächter des Brunnens, einen Trunk begehrend, und Mimir verlangte und erhielt dafür ein Auge des nach urweltlicher Weisheit spähenden Gottes zum Pfand. Die dritte Wurzel breitet sich gen Midgard aus, der Stätte der sterblichen Menschen.
Daselbst quillt und wallt das Wasser des Urd-Borns, der die Geheimnisse des Entstehens und Vergehens der irdischen Dinge umschließt. Wenn die Völker und ihre Herrscher die Tiefen ergründen und den plaudernden Fluten lauschen wollten, würden sie mit verjüngter Kraft zu neuen Thaten schreiten. Auch ziehen in dem Brunnen zwei silberne Schwäne ihre Kreise; die sind still und stumm, wie die Vergangenheit, die nicht gehört, wie die Zukunft, die nicht beachtet wird.
Dem Urd-Born entstiegen, sitzen am Ufer ernst und schweigend die drei Nornen: Urd (Vergangenheit), Werdandi (Gegenwart) und Skuld (Zukunft). „Sie spinnen und weben der Neugeborenen Fäden, härene und seidene und etliche von Gold, einen aber gen Norden, der unzerreißbar, unentrinnbar des Lebens Leid bedeutet und den Niedergang zur Hel.“
Der Mythus vom Weltbaum ist unverkennbar uralten arischen Ursprungs. Er erinnert an Platons Weltachse, Republik X. 619. Vgl. [S. 582] oben. Offenbar haben wir hier den indischen Lingam, dessen sinnbildliche Darstellung sich noch in der berühmten Irminsäule, dem Heiligtum der Sachsen, das Karl der Große zerstörte, wiederfindet.
„Der Todesgöttin sind die Schicksalsschwestern verwandt. In grauer Urzeit geboren, wurden sie von Joten aufgepflegt, bis sie ans Licht des Tages traten und nun, am Urd-Born sitzend, den Wechsel der Zeit verkündigen. Sie begießen den Lebensbaum mit dem heiligen Wasser der Quelle, daß er nicht der Fäulnis erliege; aber sie wissen und verkündigen es auch, wie alles Leben dem Untergang sich zuneigt, dem auch die seligen Götter nicht entrinnen können.“ – „An den Blättern der Weltesche zehrt der Hirsch Eikthyrner, gleichwie das umrollende Jahr an der Dauer der Welt und der endlosen Zeit; vier andere Hirsche, Dain und Dwalin, Dumaier und Durnthor, nähren sich von den Knospen und Sprossen, wie die Jahreszeiten Stunden und Tage verzehren und sie doch nicht mindern. Von Helheim herab aber bäumt sich der Drache Nidhöggr und unzähliges Gewürm, die Wurzel benagend.“
„Können wir nichts thun, um den Lebensbaum zu schützen?“ fragten einst Odin die anderen Asen.