In Odins Himmelsburg war ja auch Walhalla, eine ungeheuere große Totenhalle, in die alle Könige, Helden und zur Waffenehre berechtigten freien Männer nach ihrem Tode aufgenommen wurden, als die sog. Einherier (Genossen des Heeres, Waffenbrüder). Sie werden an der Tafel, an der Odin allein Wein trinkt, sie aber Bier, von den schönen Walkyren (Totenwählerinnen, Wunschmädchen) bedient, ziehen dann auch abwechselnd hinaus auf die Ebene Ida, um männliche Spiele zu treiben und miteinander zu kämpfen, weil ihnen schon im Leben Kampf immer das liebste gewesen. – Außer der Walhalla gab es nach der Edda noch andere Himmel, einen der Frauen, der Jungfrauen und einen sehr großen für das gemeine Volk. Nach Walhall gelangten nur Helden und diese auch nur, wenn sie im Kampfe gefallen waren oder sich auf dem Sterbebette wenigstens noch mit einer Lanze verwundet hatten.
Derselbe Odin, der Führer der Helden, ist nur bezeichnend für die germanische Schätzung der Dichtkunst – „es soll der Dichter mit dem König (Helden) gehen“, – noch der Gott der Dichtkunst, und wieder bezeichnend für das Volk der Dichter und Denker, der Gott der Weisheit. Eigentümlich ist die Erzählung der Edda vom Dichtertrank, in dessen Besitz Odin sich mit Unrecht und Arglist zu setzen wußte. Die Asen und Vanen, d. h. vielleicht die sittlichen und physischen Mächte, hatten sich zu Anfang bekämpft. Es wurde aber zuletzt Frieden geschlossen, und dies geschah, indem beide Teile in ein Gefäß spuckten. Dieses Friedenszeichen schufen die Asen nachher in einen Mann um, namens Quasir, der so weise war, daß er auf alle Fragen, die man an ihn richtete, Antwort zu geben wußte. Quasir fuhr nun weit im Lande umher, die Menschen zu unterrichten und überall rühmte man seine Weisheit und seinen Verstand, so daß sein Ruhm sich weithin verbreitete. Einstmals kam er zu zwei Zwergen, namens Fialar und Galar; diese waren neidisch auf seinen Ruhm, und töteten ihn deshalb. Sein Blut ließen sie in zwei Fässer rinnen, die Son und Boden hießen, und in einem Kessel, den sie Odrärer nannten. In dieses Blut mischten sie Honig, und daraus entstand ein herrlicher Met, welcher die Eigenschaft hatte, daß er die, welche davon tranken, zu Dichtern und weisen Männern machte.
Dieser Zaubertrank kam schließlich in den Besitz des Riesen Suttang, der ihn in einem Felsen, namens Huitberg verbarg. Er selbst kostete nicht einmal davon, denn er war zu geizig dazu. Seine Tochter, die schöne Gunlödi, stellte er als Wächterin bei dem Met und verbot ihr streng, davon etwas zu genießen. Davon hat die Dichtkunst auch die Namen: Quasirs Blut, Zwergtrank, Odreers oder Bodens oder Sons Naß, Huitbergs Met oder Naß.
Odin hatte von diesem wunderbaren Getränk gehört, und obschon er selbst die Gabe der Dichtkunst und die Weisheit in einem hohen Grade besaß, wollte er doch von diesem Met kosten, um noch weiser zu werden.
Er machte sich daher auf den Weg nach dem Riesenlande, und zwar ohne alle Begleitung, und kam an einen Ort, an dem neun Riesen das Heu abmäheten. Obgleich der mächtigste Gott, getrauete er sich doch nicht, die neun Riesen zu bekämpfen, und suchte daher durch List ihrer Herr zu werden.
Er fragte sie nämlich, ob er ihnen mit seinem kostbaren Wetzsteine die Sensen wetzen solle, und die Riesen willigten ein. Odin nahm darauf einen Wetzstein aus der Tasche, und machte die Sensen darauf so scharf, daß die Riesen darüber sehr erfreut waren; aber nun wollten sie auch den Wetzstein haben. Odin sagte, wer ihn kaufen wolle, solle geben, was billig sei. Jeder sagte darauf, daß er ihn kaufen wolle, und sie gerieten darüber in Streit. Da warf Odin den Stein in die Luft, und nun griffen alle darnach, und sie kamen derart ins Handgemenge, daß sie sich mit ihrem Eisen töteten.
Odin setzte nun seinen Weg fort und kam des Abends zu einem Riesen, namens Bangi, einem Bruder Suttangs; er hatte hier wieder eine andere Gestalt angenommen und nannte sich Bölwerk.
Bangi, der den Götterfürsten nicht erkannte, nahm ihn sehr gut auf, und erzählte ihm, auf welche Weise er neun seiner Knechte verloren habe, und wie er nun nicht wisse, woher er Arbeiter nehmen solle. Da erbot sich Bölwerk, bei ihm zu bleiben während des ganzen Sommers, und ebensoviel zu arbeiten, als die neun Knechte gearbeitet hatten; doch sollte ihm Bangi zum Lohne dafür am Ende des Sommers einen Trunk aus Suttangs Met verschaffen. Bangi antwortete, daß er nicht Herr über den Met sei, versprach ihm jedoch, mit ihm zu seinem Bruder zu gehen und diesen darum zu bitten, denn einen so tüchtigen Arbeiter wollte er nicht so leicht wieder ziehen lassen.
Während des Sommers arbeitete Bölwerk für neun; als aber der Winter herankam, verlangte er seinen Lohn. Beide begaben sich nun zu Suttang; Bangi erzählte seinem Bruder, was Bölwerk für ihn gethan und was er ihm versprochen hatte, und bat ihn nun um einen Trunk von dem Dichtermet, aber Suttang schlug die Bitte geradezu ab, und sagte, daß niemand von seinem Met kosten solle.