Eine andere Beschwörung derselben Tafel spricht von dem Zauberer, „der die Nachtwachen mit Zauberei hinbringt“, „schädliche Worte spricht“, „zauberische Knoten schürzt, die gelöst werden müssen“[31], und schließt mit dem Wunsche, „daß er durch das Machtwort der Götter beschworen werden möge!“
Das Venefizium wurde von den Akkadern wie von den Hexen durch die Beschwörung, die symbolische Handlung und den Zaubertrank ausgeübt, der unter Umständen irgend ein pflanzliches oder mineralisches Gift ist.
Der Bildzauber spielt eine große Rolle und scheint eine der häufigsten Manipulationen der chaldäischen Schwarzkünstler gewesen zu sein, denn in fast allen Beschwörungen wird vor dem „Anfertiger des Ebenbildes“ gewarnt. Diese Manipulation scheint sich Jahrtausende hindurch fortgeerbt zu haben, denn der im 14. Jahrhundert lebende arabische Geschichtsschreiber Ibn Chaldûn berichtet als Augenzeuge von den am untern Euphrat lebenden nabatäischen Zauberern[32]:
„Wir haben mit eigenen Augen gesehen, wie einer dieser Schwarzkünstler das Bildniß einer Person herstellte, die er bezaubern wollte. Die Bildnisse bestehen aus Stoffen, deren Qualität sich je nach den Absichten und Plänen des Zauberers richtet, und deren symbolische Bedeutung mit dem Namen und Stand seines Opfers gewissermaßen harmonirt. Nachdem der Zauberer das Bildniß, welches die zu bezaubernde Person thatsächlich oder sinnbildlich darstellt, vor sich aufgestellt und einige Worte darüber gesprochen, speit er einen Theil des im Munde gesammelten Speichels gegen dasselbe, während er gleichzeitig die Organe bewegt, mittelst deren die Buchstaben der verhängnißvollen Formel ausgesprochen werden. Endlich spannt er über diesem symbolischen Bildniß eine bereit gehaltene Leine, in welche er einen Knoten macht[33], womit er andeuten will, daß er mit Entschlossenheit und Beharrlichkeit handelt und mit dem Dämon, der im Augenblick des Ausspeiens seine Handlung unterstützte, einen Bund schließt, und beweist, daß er die feste Absicht hegt, den Zauber unlösbar zu machen. Ein böser Geist, der, im Speichel verborgen, dem Munde des Zauberers entfährt, nimmt an diesen unheilvollen Handlungen und Worten Theil, während allmählich noch andere böse Geister hinzutreten, sodaß der Zauberer vollkommen im Stande ist, seinem Opfer das Böse anzuthun, was er ihm angewünscht hat.“
Des magischen Knüpfens der Knoten bedienten sich übrigens auch die helfenden Magier, und eine akkadische Formel sagt u. a.: „Silik-mulu-khi, Eridhus Sohn, durchschneide den Knoten mit deinen reinen, heiligen Händen!“ Es scheint jedoch hier die Lösung eines in schädigender Absicht geknüpften magischen Knotens von Seiten eines helfenden Zauberers gemeint zu sein, wie wir ähnlichen Manipulationen beim Nestelknüpfen und andern magischen Künsten des Mittelalters begegnen.
Das mächtigste Zaubermittel des akkadischen Bösewichts war die Verwünschung, welche nicht allein die Dämonen entfesselte, sondern auch die Götter beeinflußte, insofern sie deren Handlungen und Worte mit schädlichen Eigenschaften ausstattete. Nach chaldäischer Anschauung machten sich die Schwarzkünstler durch ihre Verwünschungen die über die einzelnen Menschen wachenden Götter unterthan und verwandelten ihre wohlthätige Macht in eine feindliche. Dieser Gedanke liegt folgender Beschwörung zu Grund[34]:
„Die schändliche Verwünschung, sie wirkt auf den Menschen wie ein böser Dämon;
Der Spruch der Verwünschung schwebt über ihm;
Der Spruch des Verderbens schwebt über ihm;
Die schändlichste Verwünschung, sie ist der Zauber, der den Irrsinn hervorrief.
Die schändliche Verwünschung, sie erwürgt diesen Menschen wie ein Lamm.
Sein Gott hat sich aus dem Innern seines Körpers entfernt;
Seine Göttin, aufgebracht, hat sich anderswo niedergelassen,
Die dröhnende Stimme umhüllt ihn wie ein Schleier, sie schmettert ihn zu Boden durch die Kraft ihres Schalles.“
Hierauf kommt Silik-mulu-khi dem Verwünschten zu Hilfe und befragt Ea um Rat, welcher antwortet:
„Reich' ihm die Hand von der Höhe der glänzenden Wohnsitze herab;
Zerstöre das böse Geschick, befreie ihn vom bösen Geschick,
Welches Übel auch in seinem Innern wühlen mag,
Sei es eine Verwünschung seines Vaters,
Eine Verwünschung seiner Mutter,
Eine Verwünschung seines älteren Bruders,
Oder gar der Fluch eines Unbekannten.
Das böse Geschick, möge es auf den Zauberspruch, den Ea verkündet,
Gleich einer Zwiebel sich abschälen,
Gleich einer Dattel zerstückelt,
Gleich einem Knoten gelöst werden!
Das böse Geschick! Geist des Himmels, beschwöre es! Geist der Erde, beschwöre es!“
Die Fortsetzung des Zauberspruches zerfällt in eine Anzahl von Strophen, welche zu symbolischen Handlungen gesprochen wurden, die sich aus den Anfängen derselben ergeben. So heißt es: