Bei Tagesanbruch fanden sich die Diener und Weisen beim König ein. Sie redeten von vielen Dingen, aber Zoroaster war ihnen immer überlegen. „Was will daraus werden?“ sagten sie.
Wie ein scharfschneidendes Schwert war seine Zunge gegen sie, und ihre Fragen aus der Weisheit beantwortete er hundertfältig. Gustaspes erwies ihm Ehre über Ehre, und Zoroaster mußte ihm seinen Stand, Namen, Familie und Geburtsort anzeigen. Am folgenden Tag Ahuramazdâ war Versammlung aller Großen, Heerführer und Weisen. Des Königs Diener aber entbrannten vor Zorn und sprachen: „Was, ein Fremdling will uns unsern Namen rauben? Wohlan, wir wollen zusammenhalten und alle seine Reden unnütz machen!“
Aber Zoroaster machte, daß am Tage Ahuramazdâ[136] wie an den vorigen Tagen alle Großen und Weisen verstummen mußten, und er wurde groß vor Gustaspes und sprach: „Ich bin von Gott ausgegangen, der die sieben Himmel gemacht hat, die Erde und die Sterne; von dem Gott, der Leben und Nahrung giebt Tag vor Tag und sich seines Dieners annimmt; der dir die Krone aufgesetzt hat und dich schützt und deinen Körper aus dem Nichts gezogen. Durch ihn regierst du und hast Gewalt über seine Knechte.“ Zoroaster stellte Gustaspes Avesta vor und sprach: „Gott hat mich den Völkern gesandt, daß sie sein Wort in Zend, Ahuramazdâs Willen, annehmen. Thust du Gottes Willen, so wirst du Glanz haben in der andern Welt, wie dieser; hörst du aber sein Wort nicht, so wird Gott in seinem Zorn deine Krone zerbrechen, und dein Ende der Duzakh[137] sein. Neige dein Ohr den Belehrungen Ahuramazdâs und thue nicht mehr den Willen der Dews.“[138] – Gustaspes sprach: „Was thust du zum Beweis deiner göttlichen Sendung für Zeichen, daß ich deinen Worten glaube und dich wider Ungerechtigkeiten schütze?“
„Wer das thut, was ich lehre, sprach Zoroaster, wird große Wunder thun. Gott hat mir gesagt: Wenn dein König Zeichen fordert, so sprich: Lies nur Zendavesta, so brauchst du keine Wunder. Das Buch selbst, das du siehst, ist Wunder genug. Es wird dich lehren, was in beiden Welten ist, der Sterne Lauf und den Weg des Guten.“ – „So lies denn Zendavesta“, sprach Gustaspes. Zoroaster las ein ganzes Stück, und der König fand nicht Geschmack, denn die Größe von Avesta ging über seinen Verstand. Er war wie ein Kind, das nicht köstliche Steine schützt; wie ein Unwissender, der nicht kennt den Wert der Wissenschaft.
Der König sprach zu Zoroaster: „Ich billige deine guten Wünsche für mich; aber wir müssen die Sache besonders ansehen. Ich will untersuchen und dir meine Zweifel darlegen. Um nicht Lüge zu glauben, will ich Zendavesta lesen, und was ich klar erkenne, dem will ich folgen.“ Zoroaster freute sich über den König und versprach zur Zerstreuung seiner Zweifel alle Zeichen zu thun, die der König verlangte.
Die Weisen des Königs gestanden, daß Zoroasters Lehre rein sei; daß man aber, um sich von seiner göttlichen Sendung zu überzeugen, ein außerordentliches Zeichen von ihm verlangen müsse. „Welches denn?“ fragte der König. Die Weisen antworteten: „Wir wollen ihn stark binden, mit Kräutern, deren Kraft wir kennen, reiben und ein Man[139] geschmolzenes Erz über ihn ausgießen.“ Zoroaster war damit zufrieden, legte den Zendavesta vor sie und sprach: „O Gott, wenn dieses Buch dein ist, so zeige es jetzt!“ Man goß geschmolzenes Erz auf seine Brust, und es schmerzte ihn nicht. Zoroaster that noch andere Wunder als: er pflanzte eine Cypresse, die in wenig Tagen zu einem großen Baum erwuchs[140] usw.
Nun glaubte Gustaspes, und Zoroaster erklärte ihm den ganzen Zendavesta. Des Königs Diener wurden eifersüchtig und sannen auf Mittel ihn zu stürzen. Einst erhielten sie durch Bestechung den Schlüssel zu Zoroasters Gemach im Palast des Königs. Sie trugen Blut, unreine Dinge, Haare, Leichname usw. zusammen, alles in einen Sack und legten es in sein Bett unter das Kopfkissen. Darauf gingen sie zum König und sprachen: „Zoroaster ist ein großer Betrüger; die ganze Nacht zaubert er und erfüllt dein Reich mit Gräueln.[141] Du bist unser König, und wir sagen nichts, als was wir wissen; du kennst diesen Schalk noch nicht!“ Gustaspes dachte dem nach und wollte doch wissen, ob es wahr wäre. Zoroaster, der sich seiner Unschuld freute, öffnete ganz ruhig sein Gemach; aber da fand man Nägel, Todtengebeine usw.[142] Gustaspes zeigte das Alles seinen Dienern, und sie verfluchten Zoroaster. „Du Unreiner!“ sprachen sie. „Ist das nicht Rüstzeug der Zauberer?“ Zoroaster berief sich auf den Thürhüter, welcher sagte, kein fremder Wind sei in sein Gemach gegangen. Gustaspes glaubte und nannte Zoroaster einen Hund, warf ihm den Zendavesta vor die Füße und ließ ihn in Eisen legen. Solch ein Zauberer sei noch nicht in der Welt gewesen, denn er könne die Welt umkehren. – Täglich bekam Zoroaster im Kerker ein Brod und einen Krug Wasser. Nach sieben Tagen offenbarte ein Wunder seine Unschuld. Der König hatte ein Lieblingspferd, das war schwarz. Er glaubte, wenn er dasselbe reite, so folge ihm der Sieg. Plötzlich hatten sich diesem die Beine in den Leib gezogen, und kein Arzt oder Weise wußte Hülfe. Der König aß und trank nicht, und die ganze Stadt war Trauer und Klage. Zoroaster hörte es endlich und sprach: „Lasse mich der König aus dem Kerker, so soll sein Pferd gesund sein.“
Es geschah. Als Zoroaster vor den König kam, sprach dieser: „Von dem, was du mir sagst, begreife ich nichts; heilst du aber mein Pferd, so bist du ein wahrer Prophet.“ Zoroaster sprach: „Zuerst mußt du glauben[143], daß ich ein Prophet Gottes bin, der dir dein Gesicht gegeben hat und darin einen Charakter ausdrückt.[144] Wenn dein Herz ist wie deine Lippen, so soll dein Wunsch geschehen.“ Gustaspes versprach sein Leben lang das Gesetz zu halten, zu thun, was recht sei, und Gott zu ehren. Darauf rief Zoroaster Gott an und weinte, und dem Pferde kamen die Beine wieder.