Tschengregatscha erhielt folgende Antwort: „Wir haben deinen Brief gelesen. Was du von Zoroaster gehört hast, ist wahr. Wir glauben an sein Gesetz. Wir sagen dir hiermit, daß wir uns der Weisheit und den Lehren Zoroasters ergeben haben. Mit unsern Augen haben wir seine unglaublichen Thaten gesehen. Wir haben seine Worte gehört, seine Bücher gelesen, und kein Mensch kann etwas dagegen sagen. Wir haben die Weisen aller Länder berufen, und alle haben sie der Weisheit seiner Antworten weichen müssen. Die Großen Irans beneiden ihn nicht mehr, sondern glauben an sein Gesetz und sagen: Kein Mensch kann solche Dinge aus sich lernen; der Mund Gottes muß sie ihm sagen. Wundert dich das, so komme selbst und du wirst über die Tiefe seiner Weisheit staunen. Dem denke fleißig nach. Gott leite dich!“

Tschengregatscha wurde mit Freude erfüllt, als er dieses las. Er las noch eine Menge Bücher, um die ganze Weisheit der Vorwelt in sich zu sammeln, und erdachte zwei ganze Jahre hindurch ohne Schlaf und Ruhe die schärfsten, tiefsten und feinsten Fragen. Den Weisen von Hindostan schrieb er, daß sie sich wie Löwen bereiten sollten, mit ihm zu ziehen. „Fürchtet euch aber nur nicht“, sprach er zugleich; „ganz Iran soll noch sagen: Wer Weisheit sucht, muß nach Hindostan, und über Tschengregatscha ist kein Menschenkind weise.“ – Der Brahmine schrieb darauf an Gustaspes: „Ich bin bereit, mit meinen Weisen vor deinen Thron zu kommen, und dich und die Herzen deiner Unterthanen vom Irrthum zu erlösen.“ Es wurden nun alle Anstalten der Pracht und des Glanzes gemacht. Tschengregatscha stellte sich am siebenten Tag nach seiner Ankunft in der Königstadt vor den Thron des Gustaspes, segnete ihn und sprach: „Es sei mir erlaubt, o König, mit dir zu reden!“ Gustaspes antwortete: „Hier ist nicht der Ort des Kampfes mit der Lanze oder aus Neid; sondern Thaten, Fragen, Worte, das sind die Waffen, welche die Zweifel auflösen müssen.“ Es wurden hierauf zwei goldene Throne gesetzt für Tschengregatscha und Zoroaster, dessen lichtglänzendes Antlitz die Blicke aller Weisen auf sich zog. Tschengregatscha erhob sich und sprach: „Gerechter König! Wir sind hier versammelt aus zwei Ursachen; erstlich, daß ich diesem Mann, welcher Gottes Prophet sein will, Fragen vorlege und, wenn er sie lösen kann, ich mit meinen Freunden, den Weisen Hindostans, sein Gesetz annehme; zweitens aber, daß du ihn zur Stunde strafest, wenn meine Fragen ungelöst bleiben.“ Gustaspes sprach, daß er nach der bloßen That richten werde und sich durch keine Vorliebe für irgend eine Partei binden lassen wolle.

Zoroaster sprach zu Tschengregatscha: „Zum Besten meines Gesetzes will ich vor dem Ersten der Völker ein Neues thun, was den Augen als Wunder erscheinen muß. Völker haben mich schon gehört; neige auch du dein Ohr gegen einen der göttlichen Nosks[157], den ich vorlesen will; oder gefällt es dir, so laß ihn einen deiner Schüler vorlesen.“ Die Weisen hörten nun mit Aufmerksamkeit einen Nosk des Avesta an. Dieser Nosk enthielt die Lösung aller Fragen, auf welche Tschengregatscha zwei Jahre lang gesonnen hatte.

Kaum war das Lesen beendet, so rief Tschengregatscha ganz in Verwunderung versunken aus: „Wie, ich bin schon grau, und Alles, was mir Gott erschlossen hat von meiner Jugend an bis heute, das Alles habe ich eben aus Avesta gehört. Welche Wissenschaft hat dies errathen können? Auf wie Vieles habe ich nicht in den zwei Jahren gedacht, welche Fragen, die mir so viel Mühe gemacht haben, und von denen ich glaubte, daß sie in zweihundert Jahren nicht aufgelöst werden könnten! Keinem Menschen habe ich sie eröffnet, o König des Ruhms! Ich erkenne das Übermenschliche, das Werk Gottes!“

Tschengregatscha bezeugte hierauf, daß er an Avesta glauben und Zeit seines Lebens danach handeln werde. Zoroaster empfahl ihm die Anbetung Ahuramazdâs, Reinheit des Leibes und der Seele und verhieß ihm einen Platz im Himmel. Zoroaster umarmte Tschengregatscha und gab ihm eine Abschrift vom Avesta; auch wurde wegen der wunderbaren Bekehrung dieses Brahminen, welche nach allen Enden der Welt erscholl, ein Fest von sieben Tagen gefeiert. Tschengregatscha studierte nun sein Leben lang im Avesta und entzündete die Brahminen mit gleichem Eifer. Mehr als achtzigtausend der Weisen und Häupter von Indien, Sind und andern Reichen glaubten an Zoroasters Avesta.

Nach der Bekehrung Tschengregatschas begab sich Zoroaster nach Babylon, um den Chaldäern den Avesta zu lehren, und soll daselbst auch Pythagoras unterwiesen haben. Dann begleitete er Gustaspes nach Istakhar, nachdem er die von ihm so gerühmten „reinen Seelen“[158] in den Provinzen Serman, Saenan und Dahu besucht hatte.

Nach etwa zwanzig Jahren wurde die zoroastrische Religion dem König von Turan mißfällig, und selbst verschiedene vom König von Iran abhängige Fürsten waren dagegen. Unter andern Sal und Rustem, Fürsten von Sistan, Vater und Sohn. Darum glänzen ihre Namen auch nicht in den Zendbüchern, obschon ihre Ahnen, Sam und Guerschaspes, als alte Helden Persiens darin verewigt sind.

Nicht so mild wie gegen diese Fürsten, an denen er sich nur durch Stillschweigen rächte, verfuhr Zoroaster gegen den Dewsanbeter Ardjaspes, König von Turan.

Ardjaspes stammte von Afrasiab und war nach dem Schah-nameh einer der mächtigsten Fürsten Asiens. Er hatte vom Könige Irans einen jährlichen Tribut erzwungen und besaß auch im westlichen Iran am kaspischen Meer Ländereien; auch haßte er Zoroaster persönlich. Darum auch sagte derselbe[159]: „Sei mir gnädig, o Quell Arduisur, daß Zerir verderbe den, der große Schätze hat, den Frieden mindert, den Dew, den Anbeter der Dews, meinen Feind Ardjaspes, der in der Welt Macht hat.“

Zoroaster fürchtete, daß Ardjaspes seine Religion vernichten würde, und trachtete daher nach dem Tod desselben. Er kannte den gewaltsamen, schnell entschlossenen Charakter des Gustaspes und war sich seines Einflusses auf ihn wohl bewußt. Deshalb stellte er ihm die Notwendigkeit vor, den König von Turan zu bekriegen. Nach seinem Gesetz sei Freundschaft mit Gottlosen unerlaubt; es sei unverantwortlich, daß Gustaspes, als rechtgläubiger Fürst, dem König von Tschin, einem Dewsanbeter, den Tribut der Unterthänigkeit zahle. „Wirst du ihn angreifen“, sprach Zoroaster zu Gustaspes, „so ist Gott gewiß dein Schutz.“