So muß Ahuramazdâ erkannt werden im Himmel und auf Erden von allen Wesen, die ihn erkennen können.

Die Verehrung Ahuramazdâs muß aber zur That, zu lebendigen Handlungen werden. Das Bild des Lichtes, welches ohne Unterlaß leuchtet, wärmt, belebt und wirksam ist, muß die ganze Empfindung durchdrungen haben und thätig sein. Obgleich Zoroaster in der heiligen Höhle seinen Geist nach orientalischer Sitte lang in tiefe Betrachtungen versenkt hatte, so gebietet er doch unähnlich dem indischen Quietismus keine empfindungslose Geistesstille, keine Abtötung des Leibes, um durch Versenkung in die Gottheit nur Geist zu werden. Bei ihm ist alles Leben und That, Wachsamkeit und reger Dienst des Göttlichen bei Tag und Nacht. Deshalb auch konnte er durch das Judentum und Christentum so unendlichen Einfluß auf die Völker der kaukasischen Rasse gewinnen, welcher der faule Buddhismus gänzlich zuwider ist.

Nach dem Zendavesta ist alles Lichte und Reine, alles, was Leben besitzt und Leben mitteilt, gut; die ganze Welt Ahuramazdâs mit allen in ihr lebenden Wesen ist gut, alles durch Gedanken, Wort und That Belebende ist gut. Zoroaster faßt alles, was im einzelnen Wahrheit, Güte, Liebe, Leben, Kraft, Geist, Segen und Seligkeit ist, in dem Worte Licht zusammen. Darum schreibt er auch allen Wesen einen Glanz, einen Lichtschein zu, dem Baume wie dem edlen Menschen, dem nützlichen Tier wie dem Amschaspand. In allen Wesen und Geschöpfen Ahuramazdâs ist Licht, und der Glanz eines Geschöpfes ist der Inbegriff seines Geistes, seiner Kraft und seiner Lebensregungen als Funken der Gottheit. Je nach Maßgabe der Beschaffenheit dieser Funken ist der Grad des Glanzes größer oder geringer. In Ahuramazdâ vereinigt sich alles, darum ist sein Glanz der höchste und vollkommenste. Da nun der zoroastrische Kultus nur den Zweck hat, Ahuramazdâ in seiner Schöpfung zu verherrlichen, so muß der Parse alles vom Schöpfer des Lichts kommende Gute lieben, verehren und sich ihm gefällig zu machen suchen. Vor allen Dingen aber muß er Ahuramazdâ in Gedanken, Worten und Thaten anbeten. Kein Wesen darf er gleich Ahuramazdâ verehren außer Zrvâna-akarana, die zuweilen auch der Urgrund und Abgrund aller Wesen genannt wird.

Nach dem Schöpfer alles Guten muß aber sein Geschöpf, die Welt, wie sie von den Menschen erkannt wird, je nach der Stufe der Hoheit, Würde und Vollkommenheit der Dinge geliebt und angerufen werden; denn die Welt enthält, soweit sie gut ist, lauter Söhne Ahuramazdâs, von Ahuramazdâ geliebte Geschöpfe, in welchen er sich mit Wohlgefallen widerspiegelt, über die er sich freut wie beim Anbeginn der Dinge, da alles durch ihn geboren ward. Darum richtet der Parse sein Gebet zuerst an die Amschaspands, die ersten Abdrücke Ahuramazdâs, die Nächsten seines Glanzes und die Ersten an seinem Thron. In den an sie gerichteten Gebeten und Lobpreisungen werden die besonderen Eigenschaften eines jeden gerühmt, und sie werden um Schutz, Hilfe und Segen angerufen, je nachdem ihnen Ahuramazdâ die verschiedenen Teile der Schöpfung anvertraut hat.

Hieraus, wie aus den übrigen Anrufungen der Geschöpfe ergiebt sich, worin deren Verehrung besteht. Sie besteht darin, daß ein jedes Geschöpf für das erkannt wird, was es ist, daß dies in der Form eines Gebetes bekannt wird, und daß man von jedem Geschöpf, je nach seinem Daseinszweck die Wohlthat erbittet, welche zu erteilen ihm von Ahuramazdâ anbefohlen ist.

Der Zoroastrismus personifiziert im Geiste des alten Orients die guten oder bösen Eigenschaften der Dinge in guten oder bösen geistigen Wesen und glaubt z. B. seine Dankbarkeit für die wohlthätigen Eigenschaften des Wassers nicht besser beweisen zu können, als wenn er dieselben in einem an den Ized des Wassers gerichteten Lobhymnus preist, wobei indessen Ahuramazdâ ebensowenig vergessen wird, als wenn er von einem Ized oder dem ihm geweihten Gegenstand dessen wohlthätige Wirkungen erbittet.

Das Gebet an die himmlischen Geister bezieht sich genau auf ihre Eigenschaften wie Funktionen und – wenn es Himmelskörper sind – auf die Zeit ihrer Erscheinung. So wird z. B. die Sonne nur bei Tag angerufen, der Mond aber bei Tag und bei Nacht.

Die Sonne als Quell alles Lichtes, die alles mit Leben und Freude erfüllt, wird als sichtbares Bild Ahuramazdâs angerufen, als König des Himmels, der ohne Ruhe im Lauf ist wie ein Held.

Die Anrufungen sind je nach den Tageszeiten verschieden. Das Morgengebet geht dahin, daß Ahuramazdâ seinen Glanz erhöhen wolle wie der Sonne Glanz, und das Abendgebet, daß der Beter durch Ahuramazdâs und aller Izeds Schutz seinen Lebenslauf vollenden möge wie der himmlische Glanzkönig, um in Gorotman einzugehen. Mithra wird in allen Gebeten nach seinem reinen Glanz als Befruchter der Erde gepriesen, welcher Nahrungssaft über die ganze Natur ausgießt, als Urheber des Friedens, als mächtiger Streiter wider alle Dews des Streites, des Krieges und der Zerrüttung. Endlich richtet der Parse sein Gebet an den eigenen Feruer und den aller reinen Menschen. Diese Feruer werden schon im irdischen Leben eng verbunden gedacht als Glieder jener lebendigen Gemeinde, welche in Gorotman noch mehr eins werden soll. Auch die Tiere werden unter Hinweisung auf Ahuramazdâ gepriesen, und der Gedanke an den himmlischen Stier, von welchem alle Menschen, Tiere und Pflanzen kommen, giebt diesem Gebet Leben und inneres Gewicht.