Dr. E.: Allerdings. Namentlich der Milchsäurepilz ist auch nicht auf die Milch beschränkt, sondern er findet sich ebensogut in sauer gewordenen Gemüsen, im Sauerkraut, in Zuckerlösungen und so fort. Zudem gibt es noch andere Pilzarten, welche in ähnlicher Weise Säure erzeugen. Ich erwähne nur den Buttersäurepilz[27], durch den die Butter ranzig, die Salzgurke sauer und der Käse „reif“ und wohlschmeckend wird.
Fritz: Kann man denn alle diese Pilze wirklich sehen?
Dr. E.: Mit bloßem Auge nicht, selbst wenn sie in großen Massen auftreten. Denn sie gehören zu den winzigsten Geschöpfen, die wir kennen. Man muß schon ein recht gutes Mikroskop zu Hilfe nehmen, um diese Pflänzchen überhaupt nur entdecken zu können.
Fritz: Dann sind es wohl gar nicht mal Fäden, wie die Schimmelpilze?
Dr. E.: Im allgemeinen nicht. Die meisten von ihnen machen indes verschiedene Entwicklungsstufen durch. Bald erscheinen sie als winzige kleine Kügelchen, bald als kürzere oder längere Stäbchen, bald als unendlich feine Fädchen. Nach der Stäbchenform nennt man sie Bazillen oder Bakterien.
Fritz: Ach, von denen habe ich schon viel gehört! Das sind ja dieselben, die die ansteckenden Krankheiten hervorrufen.
Dr. E.: Ja, diese gehören wenigstens auch dazu. Ich konnte mir denken, daß ihr schon von Kommabakterien, Typhusbazillen und so weiter gehört habt. Ich wollte sie eigentlich nicht erwähnen, da ich hoffe, daß unser Haus so ziemlich frei davon ist. Wir wollen ja nur die Pilze unserer Wohnung studieren.
Kurt: Aber nennen könntest du uns doch noch ein paar, Vater. Ist es denn wirklich wahr, daß alle ansteckenden Krankheiten durch solche Pilze hervorgerufen werden?
Dr. E.: Soviel wir bis jetzt wissen, ja. Es scheint allerdings, als wenn die Pilze einem vollkommen gesunden Menschen in der Regel nichts anhaben können und erst die Oberhand gewinnen, wenn irgend etwas in unserm Körper nicht recht in Ordnung ist. So würde es sich z. B. erklären, daß die eine Person leichter am Pilze der Schwindsucht, dem sogenannten Tuberkelbazillus[28], erkrankt, als eine andere. Denn daß wir alle diese Krankheitskeime fortwährend einatmen, unterliegt keinem Zweifel; das haben die Untersuchungen des Staubes und der Luft in unsern Wohnungen und auf der Straße zur Genüge erwiesen. Außer dem Tuberkelbazillus und dem Komma- oder Cholerabazillus[29] hat man unter vielen andern mit Sicherheit nachgewiesen den Pilz der Diphtheritis[30] oder Bräune, des Milzbrandes[31], der „Rose“[32], der Pockenkrankheit[33], des Typhus[34]. — Doch das ist ein wenig erquickliches Kapitel, wenn wir uns auch freuen müssen, daß wir wenigstens die Ursachen aller dieser verheerenden Seuchen kennen. Da wird die Wissenschaft schließlich auch Mittel und Wege finden, sie erfolgreich zu bekämpfen. Wenden wir uns lieber wieder unsern gewöhnlichen Hausbewohnern zu. Unter ihnen findet sich noch eine ganze Reihe von Bakterien, die wichtig genug sind, wenn sie auch nicht gerade dem Menschen zu Leibe gehen, wenigstens nicht bei seinen Lebzeiten.
Fritz: Wieso nicht bei seinen Lebzeiten?