Entstehung des Sandes
Dr. E.: Wenigstens sollte es uns schwer werden, an diesen kleinen runden Körnchen noch irgend etwas von Kristallform zu entdecken. Aber man kann das dem Sande eigentlich nicht übelnehmen. Sieh mal, eine Kartoffel hat doch eine sehr schöne bestimmte Gestalt, wie sie eben jede Kartoffel hat. Wenn du sie aber zerreibst oder zerstampfst, so daß sie schließlich als Kartoffelmus auf den Tisch kommt, dann soll man ihr schwerlich mehr viel von der ursprünglichen Form ansehen. Ganz ähnlich aber ist es mit dem Sande. Ich habe euch vorhin erzählt, daß die ursprüngliche Erstarrungskruste der Erde jedenfalls eine feste, felsige Gesteinsmasse war. Sie bedeckte die ganze Erdoberfläche, und es gab also damals noch keinen Sand. Allein dieser Zustand wird nicht allzulange gedauert haben. Die starre Rinde hat augenscheinlich bald gewaltige Risse bekommen, so daß sie in einzelne Bruchstücke oder Schollen zerfiel, von denen einige in die Tiefe sanken und durch den Druck, den sie hierbei auf die glutflüssigen Massen des Innern ausübten, die andern Bruchstücke noch höher emporsteigen ließen. Diese emporgehobenen Schollen der Erdrinde bildeten die großen Erdteile. Über den in die Tiefe gesunkenen Schollen aber sammelte sich das Wasser an und bildete die Meere. Von jetzt ab waren die aus dem Wasser hervorragenden Teile der Erdoberfläche allen Einflüssen der Luft und des Regens ausgesetzt. Letzterer muß zu jenen Zeiten in gewaltigen Strömen geflossen sein, da bei der hohen Temperatur der Erde viel mehr Wasser verdampfte und in die Wolken überging als heutzutage. Wasser und Luft, ersteres namentlich durch sein unwiderstehliches Ausdehnungsbestreben beim Gefrieren, wirken nun im Laufe der Zeit in hohem Maße zerstörend auf das Gestein. Im Gebirge kann man ja tagtäglich und besonders nach jedem Regen beobachten, wie größere und kleinere Felsblöcke sich ablösen und aus der Höhe zu Tal stürzen. So vollzog sich ganz allmählich im Laufe sehr langer Zeiträume eine Zertrümmerung der festen Felsmassen in den Gebirgen. Die losgelösten Felsstücke wurden durch die reißenden Gebirgsbäche weitergeführt und bei ihrem Transport mehr und mehr zerkleinert; es entstanden die sogenannten Gerölle, der Kies und der Sand. Dabei erhielten die einzelnen Trümmerstücke durch das Reiben und Scheuern gegeneinander eine rundliche Form, wie wir sie jetzt an den Sandkörnchen und Bachkieseln beobachten. Außerdem mußten die vom Gebirge ins Meer fließenden Wasserläufe eine Art von Sortierung dieser Trümmer bewirken, indem die größeren und schwereren lange nicht soweit vom Wasser mitgeführt wurden, als die leichteren und kleineren. Es bildeten sich also hintereinander Ablagerungen von großen Geröllsteinen, Kies, grobem und feinem Sand, sowie endlich, aus den feinsten und leichtesten Zerreibungsteilchen des Gesteins, von Ton, der von den Flüssen bis weit in das offene Meer getragen wird und hier langsam als Schlamm oder Schlick zu Boden sinkt.
Fritz: Aus dem, was du uns erzählt hast, verstehe ich nun wohl, weshalb auf dem Boden der Flüsse und auch an seinen Ufern sich Sand findet. Aber es ist mir noch nicht recht klar, woher wir denn jetzt bei uns überall Sand oder Erde haben, im Walde, auf den Äckern, und selbst in der Stadt. Außerdem hast du gesagt, der Ton bilde sich nur auf dem Grunde des Meeres, und wir haben doch hier ganz in der Nähe auch Tongruben.
Dr. E.: Woher die oberen Lagen von Sand und Ton in unserer norddeutschen Tiefebene stammen, erzähle ich euch vielleicht ein andermal. Im allgemeinen mögt ihr bedenken, daß im Laufe von außerordentlich langen Zeiträumen die ersten Zertrümmerungsprodukte so mannigfache Schicksale erfahren haben, daß wir sie nicht im einzelnen verfolgen können. Sicher ist jedenfalls, daß die Verteilung von Land und Meer im Laufe der Zeiten ganz außerordentlich gewechselt hat, so daß dadurch jene Zertrümmerungsprodukte der starren Erdkruste schließlich über die ganze Erde in buntem Durcheinander verbreitet wurden. Heute ragt vielleicht das als Gebirge empor, was ehemals tief unter dem Meer begraben lag. Den besten Beweis hierfür liefern die Versteinerungen von Meerestieren, welche in fast allen Gebirgen, im Harz so gut wie in den Alpen, aber auch bei uns in manchen Tongruben gefunden werden. Die Kruste der Erde ist eben durchaus nicht so unabänderlich ruhig, wie man es gewöhnlich glaubt. Sorgsame Beobachtungen lehren vielmehr, daß auch jetzt noch gewisse Teile der Erdoberfläche in langsamer Hebung, andere in Senkung begriffen sind.
Kurt: Wie kommen denn aber die Meerestiere in den festen Felsen hinein?
Versteinerungen. Findlingsblöcke
Dr. E.: Ich habe euch vorhin erzählt, wie das zerkleinerte Gesteinsmaterial als Kies, Sand, Lehm und Ton schließlich durch die Flüsse ins Meer gespült wird und dort in die Tiefe sinkt. Hier nun ist es dem Drucke der darüberliegenden Wasserschichten ausgesetzt, der bei großer Meerestiefe ein ganz ungeheurer wird. Das anfangs lockere Material, in welches die absterbenden Meerestiere hineinsinken, wird dadurch im Laufe der Zeit wieder zu festen, felsartigen Massen zusammengebacken. Wenn diese dann nach Jahrtausenden durch Hebung über den Spiegel des Meeres gelangen, so machen sie fast ganz den Eindruck ursprünglicher Gebirgsarten. Zwei Kennzeichen gibt es jedoch, nebenbei bemerkt, an denen man sie ziemlich sicher von den ursprünglichen, anfangs glutflüssigen Gesteinen unterscheiden kann: die Schichtung infolge der schichtenweisen Ablagerung im Meere und die in ihnen steckenden Versteinerungen.
Fritz: Eine Frage möchte ich aber doch noch tun. Wenn unsere Gegend wirklich früher Meeresboden gewesen ist und auf diesem nur Sand und Ton sich ablagern konnten, höchstens vielleicht noch Kies am Strande, woher kommen dann die großen Steinblöcke oder Feldsteine, die man soviel auf den Äckern findet? Gewachsen sind sie doch dort nicht, und ein Gebirge, von dem sie herunterfallen konnten, ist ja auch nicht da.
Dr. E.: Die Frage, die du da eben berührst, hat die Naturforscher viele Jahrzehnte lang beschäftigt. Anfangs glaubte man, diese sogenannten erratischen oder Findlingsblöcke seien zur Zeit, als unser Land noch vom Meer bedeckt war, auf gewaltigen Eisbergen vom Norden und Nordosten hergeschwommen und beim allmählichen Schmelzen der Eisberge in die Tiefe gefallen. Diese Ansicht aber hat man aus verschiedenen Gründen aufgeben müssen und man ist jetzt zu der Überzeugung gelangt, daß jene Blöcke mit Hilfe von Gletschern nach hier getragen wurden. Daß Gletscher wandern, d. h. daß ihre Eismassen von hinten her vorrücken, wenn das Vorderende abschmilzt, haben wir ja schon neulich besprochen. Wir brauchen daher nur noch anzunehmen, daß von Schweden und Finnland bis zu uns eine einzige ungeheure Eismasse das Land bedeckte, ganz ähnlich, wie es heute in Grönland der Fall ist. Die Felsblöcke, welche dort in den nordischen Gebirgen auf das Gletschereis fielen oder unten bzw. in ihm festfroren, wurden mit dem vorrückenden Eise weiter und weiter getragen, bis sie schließlich beim Abschmelzen des Eises am Vorderrande als sogenannte Stirn-Moräne und auf dem ganzen Wege des Gletschers als Grund-Moräne zu Boden fielen. Von manchen unserer erratischen Blöcke kann man sogar ganz genau angeben, von welchem Gebirgsstock im fernen Schweden oder Finnland sie herstammen.
Kurt: Dann kann man hier wohl alle möglichen verschiedenen Steine finden?