Jetzt erhob ich mich, um eine Rede zu halten, eine Rede über europäische Kriegskunst, ich, der Laie im Kriegswesen. Aber ich mußte mich ja für diesen braven Stamm der Haddedihn interessieren. Ich hielt es keineswegs für eine Versündigung an dem Leben meiner Mitmenschen, wenn ich mich hier beteiligte; es lag vielmehr wohl in meiner Hand, die Grausamkeiten zu mildern, welche bei diesen halbwilden Leuten ein Sieg stets mit sich bringt. Ich beschrieb also zunächst ihre eigene Fechtart und schilderte die Nachteile derselben; dann begann ich die eigentliche Auseinandersetzung. Sie hörten mir aufmerksam zu, und als ich geendet hatte, bemerkte ich den Eindruck meiner Worte an dem langen Schweigen, welches nun folgte. Der Scheik ergriff zuerst wieder das Wort:
»Deine Rede ist gut und wahr; sie könnte uns den Sieg bringen und vielen der Unserigen das Leben erhalten, wenn wir Zeit hätten, uns einzuüben.«
»Wir haben Zeit.«
»Sagtest du nicht, daß es lange Jahre erfordere, ein solches Heer fertig zu machen?«
»Das sagte ich. Aber wir wollen ja nicht ein Heer bilden, sondern wir wollen bloß die Obeïde in die Flucht schlagen, und dazu bedürfte es einer Vorbereitung von nur zwei Tagen. Wenn du heute noch deine Boten aussendest, so sind die Krieger morgen beisammen; ich lehre sie den geschlossenen Angriff zu Pferde, welcher die Feinde über den Haufen werfen wird, und den Kampf zu Fuße mit dem Feuergewehr.«
Ich nahm ein Kamelstöckchen von der Wand und zeichnete auf den Boden.
»Schau hierher! Hier fließt der Tigris; hier ist der Wirbel; hier liegen die Hamrin- und hier die Kanuzaberge. Der Feind trifft hier zusammen. Die beiden ersten Stämme kommen am rechten Ufer des Flusses heraufgezogen, hinter ihnen im stillen unsere Verbündeten, und die Obeïde setzen von dem linken Ufer herüber. Um zu uns zu gelangen, müssen sie zwischen diesen einzelnen Bergen hindurch; diese Wege alle aber führen in das große Thal Deradsch, welches das Thal der Stufen heißt, weil seine steilen Wände wie Stufen emporsteigen. Es hat nur einen Eingang und einen Ausgang. Hier müssen wir sie erwarten. Wir besetzen die Höhen mit Schützen, welche den Feind niederschießen, ohne daß ihnen selbst ein Leid geschehen kann. Den Ausgang verschließen wir mit einer Brustwehr, welche auch von Schützen verteidigt wird, und hier in diesen zwei Seitenschluchten hüben und drüben verbergen sich die Reiter, welche in demselben Augenblick hervorbrechen, wenn der Feind sich vollständig im Thale befindet. Am Eingange wird er dann von unseren Verbündeten im Rücken angegriffen, und sollten diese ja nicht zur rechten Zeit eintreffen, so wird er ihnen auf der Flucht entgegen getrieben.«
»Maschallah, deine Rede ist wie die Rede des Propheten, der die Welt erobert hat. Ich werde deinen Rat befolgen, wenn die anderen hier damit einverstanden sind. Wer dagegen ist, der mag sprechen!«
Es widersprach keiner; darum fuhr der Scheik fort:
»So werde ich gleich jetzt die Boten aussenden.«