»Die gehen uns jetzt nichts an. Sie sind uns überhaupt mehr hinderlich als förderlich; sie bringen mir keinen größern Schutz als den, welchen mir meine Pässe und Briefe gewähren. Halef, du gehst hier ab und behältst die südlichste Linie; ich werde in der Mitte reiten, und der Scheik bleibt im Norden: – jeder wenigstens eine halbe Wegstunde von dem andern.«

Beide trennten sich von mir, und auch ich bog von dem gebahnten Wege ab und in den Sumpf hinein, der allerdings nicht die Eigenschaften eines wirklichen Morastes hatte. Die Gefährten entschwanden meinem Auge, und ich strebte einsam dem Ziele zu, welches wir uns gesteckt hatten.

Bereits seit Tagen befand ich mich in einem Zustande der Spannung, wie ich ihn seit langer Zeit nicht an mir bemerkt hatte. Es giebt kein Land der Erde, welches so zahlreiche und hohe Rätsel birgt, wie der Boden, welchen die Hufe meines Pferdes berührten. Auch ganz abgesehen von den Ruinen des assyrischen und babylonischen Reiches, welche hier bei jedem Schritte zu sehen sind, tauchten jetzt vor mir die Berge auf, deren Abhänge und Thäler von Menschen bewohnt werden, deren Nationalität und Religion nur mit der größten Schwierigkeit zu entwirren sind. Lichtverlöscher, Feueranbeter, Teufelsanbeter, Nestorianer, Chaldäer, Nahumiten, Sunniten, Schiiten, Nadschijeten, Ghollaten, Rewafidhiten, Muatazileten, Wachabiten, Araber, Juden, Türken, Armenier, Syrer, Drusen, Maroniten, Kurden, Perser, Turkmenen: – ein Angehöriger dieser Nationen, Stämme und Sekten kann einem bei jedem Schritte begegnen, und wer kennt die Fehler und Verstöße, welche ein Fremder bei einer solchen Gelegenheit begehen kann! Diese Berge rauchen noch heute von dem Blute derjenigen, welche dem Völkerhasse, dem wildesten Fanatismus, der Eroberungssucht, der politischen Treulosigkeit, der Raublust oder der Blutrache zum Opfer fielen. Hier hängen die menschlichen Wohnungen an den Felsenhöhen und Steinklüften, wie die Horste des Geiers, der stets bereit ist, sich auf die ahnungslose Beute niederzustürzen. Hier hat das System der Unterdrückung, der rücksichtslosen Aussaugung jene ingrimmige Verbitterung erzeugt, welche kaum noch zwischen Freund und Feind unterscheiden mag, und das Wort der versöhnenden Liebe, welches von den christlichen Sendboten gepredigt wurde, es ist in alle Winde verschollen. Mögen amerikanische Missionäre von Erfolgen reden: der Acker ist nicht zubereitet, das Senfkorn aufzunehmen. Mögen andere Gottesmänner alles thun und wagen: – in den kurdischen Bergen fließen die feindseligsten Strömungen zu einem wilden Strudel zusammen, der erst dann zur Ruhe kommen kann, wenn es einer gewaltigen Faust gelingt, die Klippen zu zermalmen, den Haß zu bezwingen und dem häßlichen, leise schleichenden Blutschacher den Kopf zu zertreten. Dann werden die Wege frei sein für die Füße derjenigen, welche »den Frieden predigen und das Heil verkündigen«. Dann wird kein Bewohner jener Berge mehr sagen können: »Ich bin ein Christ geworden, weil ich sonst von dem Agha die Bastonnade erhalten hätte.« Und dieser Agha war – ein strenger Mohammedaner.

Der Berg rückte mir näher und näher, oder vielmehr ich ihm. Der Boden war zwar leicht und feucht, aber es gab nur wenige Stellen, an denen die Hufe meines Pferdes beträchtlich eingesunken wären, und endlich kam trockenes Land. Die Fiebergegend des Tigris lag hinter mir. Jetzt sah ich rechts von mir einen Reiter und erkannte sehr bald Halef, mit dem ich mich in kurzer Zeit vereinigte.

»Ist dir jemand begegnet?« fragte ich ihn.

»Nein, Sihdi.«

»Es hat dich niemand gesehen?«

»Kein Mensch. Nur weit im Süden sah ich auf dem Wege, den wir verlassen haben, einen kleinen Menschen laufen, der ein Tier hinter sich herzog. Ich konnte ihn aber nicht genau erkennen.«

»Kannst du den dort erkennen?« fragte ich, nach Norden deutend.

»O Sihdi, das ist kein anderer als der Scheik!«