»Sie sind alles. Die Dschesidi haben von allen Religionen nur das Gute für sich genommen – – –«

»Weißt du das gewiß?«

Er zog die Brauen zusammen.

»Ich sage dir, Emir, daß in diesen Bergen keine Religion allein zu herrschen vermag; denn unser Volk ist zerteilt, unsere Stämme sind gespalten, und unsere Herzen sind zerrissen. Eine gute Religion muß Liebe predigen; aber eine freiwillige, aus dem Innern hervorwachsende Liebe kann bei uns nicht Wurzel schlagen, weil der Acker aus dem Boden des Hasses, der Rachsucht, des Verrates und der Grausamkeit zusammengesetzt ist. Hätte ich die Macht, so würde ich die Liebe predigen, aber nicht mit den Lippen, sondern mit dem Schwerte in der Faust; denn wo eine edle Blume gedeihen soll, da muß zuvor das Unkraut ausgerottet werden. Oder meinest du, daß eine Predigt im stande sei, aus einem Zehr-lahana[192] eine Karanfil[193] zu machen? Der Gärtner kann die Blüte der Giftpflanze füllen und verschönern, das Gift aber wird im Innern heimtückisch verborgen bleiben. Und ich sage dir, die Predigt meines Schwertes sollte Lämmer aus Wölfen machen. Wer diese Predigt hörte, würde glücklich sein; wer ihr aber widerstrebte, den würde ich zermalmen. Dann erst könnte ich das Schwert in die Scheide stecken und zu meinem Zelte heimkehren, um mich meines Werkes zu freuen. Denn wenn sie einmal eingezogen ist, so ist es wahr, was das heilige Buch der Christen sagt: Muhabbet bitmez – die Liebe hört nie auf!«

[192] Giftkraut.

[193] Nelke.

Sein Auge leuchtete, seine Wange hatte sich gerötet, und der Ton seiner Stimme kam aus der Tiefe eines vollen Herzens heraus. Er war nicht nur ein schöner, sondern auch ein edler Mann; er kannte die traurigen Verhältnisse seines Landes und hatte vielleicht das Zeug zu einem Helden.

»Du glaubst also, daß die christlichen Prediger, welche aus der Ferne kommen, hier nichts zu wirken vermögen?« fragte ich nun.

»Wir Dschesidi kennen euer heiliges Buch. Dieses sagt: ›Chüdanün söz tschekidsch dir, bi tschatlar taschlar – das Wort Gottes ist ein Hammer, welcher Felsen zertrümmert.‹ Aber kannst du mit einem Hammer das Wasser zermalmen? Kannst du mit ihm die Dünste zerschmettern, welche dem Sumpfe entsteigen und das Leben töten? Frage die Männer, welche aus Jeni dünja[194] herüber gekommen sind! Sie haben viel gelehrt und gesprochen; sie haben schöne Sachen geschenkt und verkauft; sie haben sogar als Buchdrucker gearbeitet. Und die Leute haben sie angehört, haben ihre Geschenke genommen, haben sich taufen lassen, und dann sind sie hingegangen, um zu rauben, zu stehlen und zu töten, wie vorher. Das heilige Buch wurde in unserer Sprache gedruckt, aber kein Mensch verstand den Dialekt, und kein Mensch hier kann schreiben oder lesen. Glaubst du, daß diese frommen Männer uns das Schreiben und das Lesen lehren werden? Unsere Feder darf jetzt nur von scharfem Stahle sein. Oder gehe nach dem berühmten Kloster Rabban Hormuzd, welches einst den Nestorianern gehörte. Jetzt gehört es den Katuliklar[195], welche Alkosch und Telkef bekehrten. Einige arme Mönche verhungern auf der dürren Höhe, auf welcher zwei nackte Ölbäume das Dasein des Verschmachtens leben. Warum ist es so und nicht anders? Es fehlt der Jeboschu[196], welcher da gebietet: ›Günesch ile kamer, sus hem Gibbea jakinda hem dere Adschala – Sonne, stehe stille bei Gibeon und, Mond, im Thale von Ajalon!‹ Es fehlt der Held Schimsa[197], welcher die Bösen mit dem Schwerte zwingt, Gutes zu thun. Es fehlt Tschoban Dawud[198], der mit seiner Schleuder den Mörder Dscholiah erschlägt. Es fehlt die Flut, welche die Gottlosen ertränkt, damit Nauah[199] mit den Seinen niederknieen könne vor Allah unter dem Bogen der sieben Farben. Steht in eurem Buche nicht: ›Insanlar dscheza estemez-ler dan ruhuma – die Menschen wollen sich von meinem Geiste nicht strafen lassen?‹ – Wäre ich ein Musa[200], so würde ich meinen Jeboschu und meinen Kaleb durch alle Thäler Kurdistans senden und dann mit meinem Schwerte jenen die Wege ebnen, von denen euer Kitab sagt: ›Wazar-lar sallami, der-ler ughurü – sie predigen den Frieden, und sie verkündigen das Heil!‹ – Du blickst mich an mit großen Augen; du meinst, der Friede sei besser als der Krieg und die Schaufel besser als die Keule? Ich meine es auch. Aber kannst du dir den Frieden denken, ohne daß er mit dem Säbel errungen ist? Müssen wir hier nicht die Keule tragen, um mit der Schaufel arbeiten zu können? Siehe dich an, nur dich allein! Du trägst sehr viele Waffen an dir, und sie sind besser als diejenigen, welche wir besitzen. Warum trägst du sie? Trägst du sie im Lande der Nemtsche auch, wenn du eine Reise unternimmst?«

[194] Amerika.