Außerdem hatte ich die Bibliothek der Gefangenen zu verwalten, und auch die Bibliothek der Beamten stand mir offen. Die Werke der letzteren bezogen sich nicht etwa nur auf Strafrecht und auf Strafvollzug, sondern es waren alle Wissenschaften vertreten. Ich habe diese köstlichen, inhaltsreichen Bücher nicht nur gelesen, sondern studiert und sehr viel daraus gewonnen. Und es waren nicht nur die Werke der Anstaltsbibliotheken, die mir zur Verfügung standen, sondern man zeigte sich auch gern bereit, mir solche von auswärts zugängig zu machen. Es war mir ein unwiderstehliches Bedürfnis, die Ruhe und Ungestörtheit der Zelle so viel wie möglich für mein geistiges Vorwärtskommen auszunutzen, und die Beamten hatten ihre Freude daran, mir hierzu in jeder, den Anstaltsgesetzen nicht widersprechenden Weise behilflich zu sein. So verwandelte sich für mich die Strafzeit in eine Studienzeit, zu der mir größere Sammlung und größere Vertiefungsmöglichkeit geboten war, als ein Hochschüler jemals in der Freiheit findet. Ich werde über diesen großen, unschätzbaren Gewinn, den die Gefangenschaft mir brachte, noch fernerhin sprechen. Noch heut bin ich ganz besonders dankbar dafür, daß es mir nicht verboten war, mir fremdsprachige Grammatiken anzuschaffen und hierdurch den eigentlichen Grund zu meinen späteren Reisearbeiten zu legen, die aber bekanntlich gar keine Reisearbeiten sind, sondern ein ganz anderes, bis jetzt unbebautes Genre bilden sollen. Doch ist es für jetzt nicht meine Absicht, mich über diese meine Studien zu verbreiten, sondern ich habe mich hier allein und ganz besonders mit dem Umstand zu befassen, daß die mir anvertraute Verwaltung der Gefangenenbibliothek mir Gelegenheit zu höchst wichtigen Beobachtungen und Erfahrungen gab, unter deren Einfluß meine schriftstellerische Tätigkeit sich zu der gestaltete, die sie geworden ist.
Wenn ich behaupte, daß ich die literarischen Bedürfnisse, oder sagen wir, die Lesebedürfnisse der Volksseele kennen lernte, so bitte ich, diese Behauptung ernst zu nehmen. Man soll nicht sagen, daß jeder Volksbibliothekar und jeder Leihbibliothekar genau dieselben Erfahrungen machen könne, denn das ist nicht wahr. Ein Leser in Freiheit und ein Leser in Haft, das sind zwei ganz verschiedene Gestalten. Bei dem Letzteren kann das Lesen geradezu zum seelischen Existenzbedürfnisse werden. Sein Wesen wendet sich, es kehrt sich um. Die äußere Persönlichkeit hat unter der Anstaltszucht ihre Geltung aufgegeben; die innere tritt hervor. Und diese ist es, die von dem Beamten, von der Anstaltserziehung erkannt und gepackt werden muß, wenn der menschlich große, humane Zweck der Strafe erreicht werden soll, moralische Erhebung und Festigung, Aussöhnung zwischen der Gesellschaft und dem sogenannten Verbrecher, die sich beide aneinander versündigten. Dieses Hervortreten der innern Persönlichkeit ist in der Freiheit eine Ausnahme, in der Gefangenschaft aber die Regel. Der Gefangene hat während seiner Detention auf alle seine leiblichen Sonderrechte zu verzichten. In leiblicher Beziehung ist er nicht mehr Person, sondern nur noch Sache, eine Nummer, die in den Büchern eingetragen wird und bei der man ihn auch nennt. Um so kräftiger, ja ungestümer tritt seine innere Gestalt, seine Seele hervor, um sich, ihre Rechte und Bedürfnisse geltend zu machen. Der Leib ist gezwungen, sich in die Gefängniskleidung und Gefängniskost zu fügen. Wehe, wenn man den Fehler begeht, den gleichen Zwang auch auf die Seele ausüben zu wollen! Sie strebt mit Macht heraus aus dem Gefängniskleide, und sie verlangt mit Heißhunger nach einer Kost, an der sie ethisch gesunden und erstarken kann, um sich von den Fesseln, in denen sie bisher schmachtete, zu befreien. Man glaube mir, kein Sträfling wünscht das Böse für sich; sie alle wünschen das Gute. Im tiefsten Herzensgrunde hat jeder den Trieb, nicht nur körperlich sondern auch moralisch frei zu sein, sogar der scheinbar Unverbesserliche. Woher aber soll diese nackte, hungrige Seele sich gut kleiden und gut nähren, nämlich gut im ethischen Sinne? Aus sich selbst heraus? Aus den sonntäglichen Anstaltspredigten? Aus den wenigen, kurzen Besuchen der Anstaltsgeistlichen und anderer Beamten? Aus dem Zusammenleben mit den Strafgefährten? Man beantworte diese Fragen, wie man will, die Hauptquelle aller Erziehung, Besserung und Emporhebung kann bei derartig gegebenen Verhältnissen nur die Bibliothek sein. Der Gefangene, der sich so führt, daß ihm das Lesen nicht verboten werden muß, bekommt pro Woche ein Buch. Der Inhalt desselben bildet sieben Tage lang die seelische Kost für den nach Nahrung Schmachtenden. Er darf sich das Buch nicht wählen; er muß nehmen, was er bekommt. Was man ihm gibt, kann ihm zum Glück, kann ihm zum Unglück werden, kann ihm Belehrung oder Strafe sein, kann ihn zur Selbsterkenntnis und zur Einsicht bringen, ihn aber auch empören und verhärten. Einer meiner Mitgefangenen, ein geistreicher Bankier, hatte dreiviertel Jahre lang weiter nichts als alte „Frauendorfer Blätter” zu lesen bekommen, trockene Unterweisungen im Gartenbau, die ihn weder interessieren noch ihm irgendeinen Nutzen bringen konnten. Er trug es in steigender Erbitterung, bis ich die Bibliothek überkam [sic] und ihm Passenderes gab. Einen Schauspieler, der ein Feuerkopf war, hatten Jeremias Gotthelfs Erzählungen derart außer sich gebracht, daß er nahe daran stand, wegen Ungebühr bestraft zu werden. Das letzte, was er hatte lesen müssen, hatte den Titel gehabt „Wie fünf Mädchen im Branntwein jämmerlich umkommen.” Als ich ihm einen Band von Edmund Höfer gab, war er so froh, als ob ich ihm ein Vermögen geschenkt hätte. Ein sozialdemokratischer Klempnermeister war einer langen Reihe von Erbauungsbüchern zum Opfer gefallen. Er schwor mir wütend zu, daß es schon um dieser Bücher willen keinen Herrgott geben könne. Er habe nur aus bitterer Not Bankrott gemacht; die Verfasser und Herausgeber dieser Schriften aber seien aus Selbstgerechtigkeit und Uebermut bankrott und verdienten wenigstens dieselbe Gefängnisstrafe wie er.
Aus solchen Beispielen geht hervor, wie genau ich zunächst meine Bibliothek und sodann auch die Bedürfnisse ihrer Leser kennen zu lernen hatte. Das war mit ernsten und schwierigen psychologischen Erwägungen verbunden und führte zu dem betrübenden Schlußresultate, daß eigentlich solche Bücher, wie wir sie brauchten, nur ganz wenige vorhanden waren. Sie fehlten nicht nur in unserer Gefängnisbibliothek, sie fehlten auch überhaupt in der Literatur. Ich dachte an meine Knabenzeit, an die Traktätchen, die ich da gelesen und an den Schund, der mich da vergiftet hatte; ich dachte weiter, und ich verglich. Da dämmerte in mir eine Erkenntnis auf. Sind nur die Bewohner der Strafanstalten detiniert? Ist nicht eigentlich jeder Mensch ein Gefangener? Stecken nicht Millionen von Menschen hinter Mauern, die man zwar nicht mit den Augen sieht, die aber doch nur allzu fühlbar vorhanden sind? Ist es nur für die Bewohner der Strafanstalt der Leib, der gebändigt werden muß, damit der höhere, von oben stammende Teil unseres Wesens zur Geltung kommen möge? Muß nicht überhaupt bei allen Sterblichen, also bei der ganzen Menschheit, alles Niedrige gefesselt werden, damit die hierdurch die Freiheit gewinnende Seele sich zum höchsten irdischen Ideale, zur Edelmenschlichkeit, erheben könne? Und sind es nicht die Religion, die Kunst, die Literatur, die uns aus solcher Tiefe zu solcher Höhe führen sollen? Die Literatur, der auch ich, der an die enge Zelle geschmiedete Gefangene, mit angehöre!
Auf diesem Gedankenpfade weitergehend, gelangte ich zu Betrachtungen und Schlüssen, die scheinbar höchst seltsam, im Grunde genommen aber ganz natürlich waren. Es wurde zwischen meinen vier engen Wänden hell; sie weiteten sich. Erst ahnte ich, dann sah ich und endlich erkannte ich die zwar verborgenen aber doch innigen Zusammenhänge zwischen dem Kleinsten und dem Größten, dem Körperlichen und dem Seelischen, dem Leiblichen und dem Geistigen, dem Endlichen und dem Unendlichen. Das war der Zeitpunkt, an dem ich begann, die lieben, alten Märchen meiner Großmutter in ihrer tiefen Bedeutung zu begreifen. Ich lag nächtelang wach und dachte nach. Ich war angekettet im tiefsten, niedrigsten, verachtetsten Ardistan und schickte meine ganze Sehnsucht und alle meine Gedanken zum hellen, freien Dschinnistan empor. Ich stellte mir vor, die verloren gegangene Menschenseele zu sein, die niemals wiedergefunden werden kann, wenn sie sich nicht selbst wiederfindet. Dieses Wiederfinden kann nie hoch oben in Dschinnistan, sondern nur hier unten in Ardistan geschehen, im Erdenleid, in der Menschheitsqual, bei der Träberkost des verlorenen Sohnes unserer biblischen Geschichte. Meine Phantasie begann, das, was ich suchte, in Form zu fassen, um es ergreifen und festhalten zu können. Es wohnte und lebte in mir. Aber nicht nur da, sondern auch außerhalb, allüberall, in jedem andern Menschen, auch im Menschengeschlecht, als Großes und Ganzes gedacht. Da entstand in mir meine Marah Durimeh, die große, herrliche Menschheitsseele, der ich die Gestalt meiner geliebten Großmutter gab. Da tauchte zum ersten Male mein Tatellah-Satah in mir auf, jener geheimnisvolle „Bewahrer der großen Medizin”, den meine Leser im dreiunddreißigsten meiner Bände kennen gelernt haben. Und da wurde auch der Gedanke „Winnetou” geboren. Wohlverstanden, nur der Gedanke, nicht aber er selbst, den ich erst später fand. Damals habe ich die psychologischen Werke der Beamtenbibliothek und alle andern, die mir zugängig wurden -- fast verschlungen, hätte ich beinahe gesagt; aber das würde nicht wahr sein, denn ich habe sie langsam, Wort für Wort zerlegt und jedes einzelne Wort mit einer Bedachtsamkeit in mir aufgenommen, die höchst wahrscheinlich nicht allzu häufig ist; aber ich habe das wie atemlos und mit einem Hunger, mit einem Eifer getan, als ob mein Leben, meine Seligkeit davon abhänge, mir innerlich klar zu werden. Und als ich dann glaubte, mich auf dem richtigen Wege zu befinden, da griff ich in meine Kinderzeit zurück und holte den alten, kühnen Wunsch hervor, „ein Märchenerzähler zu werden, wie du, Großmutter bist.” Ich befand mich ja an einem der größten und reichsten Fundorte alles dessen, was da zu erzählen war, im Gefängnisse. Da kondensiert und verdichtet sich alles, was draußen in der Freiheit so leicht und so dünn vorüberfließt, daß man es nicht ergreifen und noch viel weniger betrachten kann. Und da erheben sich die Gegensätze, die draußen sich wie auf ebener Fläche vermischen, so bergeshoch, daß in dieser Vergrößerung Alles offenbar wird, was anderwärts in Heimlichkeit verborgen bleibt. Ich hatte sie vor mir aufgeschlagen, die anspruchsvollen, hochgelehrten Werke über Psychologie, besonders über Kriminalpsychologie. Fast jede Zeile war mir eingeprägt. Sie enthielten die Theorie, ein Konglomerat von Rätseln und Problemen. Die Praxis aber lag rund um mich her, in ebenso klarer wie erschütternder Aufrichtigkeit. Welch ein Unterschied zwischen beiden? Wo war die Wahrheit zu suchen? In den aufgeschlagenen Büchern oder in der aufgeschlagenen Wirklichkeit? In beiden! Die Wissenschaft ist wahr, und das Leben ist wahr. Die Wissenschaft irrt, und das Leben irrt. Ihre beiderseitigen Wege führen über den Irrtum zur Wahrheit; dort müssen sie sich treffen. Wo diese Wahrheit liegt und wie sie lautet, das können wir nur ahnen. Es ist nur einem einzigen Auge vergönnt, sie vorauszusehen, und das ist das Auge des -- -- Märchens. Darum will ich Märchenerzähler sein, nichts Anderes als Märchenerzähler, ganz so, wie Großmutter es war! Ich brauche nur die Augen zu öffnen, so sehe ich sie aufgespeichert, diese Hunderte und Aberhunderte von fleischgewordenen Gleichnissen und nach Erlösung trachtenden Märchen. In jeder Zelle eins und auf jedem Arbeitsschemel eins. Lauter schlafende Dornröschen, die darauf warten, von der Barmherzigkeit und Liebe wachgeküßt zu werden. Lauter in Fesseln schmachtende Seelen, in alten Schlössern, die in Gefängnisse umgewandelt sind, oder in modernen Riesenbauten, in denen Humanität von Zelle zu Zelle, von Schemel zu Schemel geht, um aufzuwecken und freizumachen, was des Aufwachens und der Freiheit wert sich zeigt. Ich will zwischen Wissenschaft und Leben vermitteln. Ich will Gleichnisse und Märchen erzählen, in denen tief verborgen die Wahrheit liegt, die man auf andere Weise noch nicht zu erschauen vermag. Ich will Licht schöpfen aus dem Dunkel meines Gefängnislebens. Ich will die Strafe, die mich getroffen hat, in Freiheit für andere verwandeln. Ich will die Strenge des Gesetzes, unter der ich leide, in ein großes Mitleid mit allen denen, die gefallen sind, verkehren, in eine Liebe und Barmherzigkeit, vor der es schließlich kein „Verbrechen” mehr und keine „Verbrecher” gibt, sondern nur Kranke, Kranke, Kranke.
Aber kein Mensch darf ahnen, daß das, was ich erzähle, nur Gleichnisse und nur Märchen sind, denn wüßte man das, so würde ich nie erreichen, was ich zu erreichen gedenke. Ich muß selbst zum Märchen werden, ich selbst, mein eigenes Ich. Es wird das freilich eine Kühnheit sein, an der ich leicht zugrunde gehen kann, was aber liegt am Schicksal eines kleinen Einzelmenschen, wenn es sich um große, riesig emporstrebende Fragen der ganzen Menschheit handelt? An dem winzigen Schicksälchen eines verachteten Gefangenen, der für die Gesellschaft schon so und überhaupt verloren ist, wenn sich die Art und Weise, in der man über das „Verbrechen” denkt und spricht, nicht baldigst ändert!
Das war ein Gedanke, der mir ganz plötzlich kam, sich aber tief einnistete und mich nicht wieder verließ. Er gewann Macht über mich; er wurde groß. Er nahm endlich meine ganze Seele ein, und zwar wohl deshalb, weil er in sich die Erfüllung alles dessen barg, was schon von meiner Kindheit an Wunsch und Hoffnung in mir lebte. Ich hielt ihn fest, diesen Gedanken; ich erweiterte und vertiefte ihn; ich arbeitete ihn aus. Er hatte mich, und ich hatte ihn; wir wurden beide identisch. Aber das geschah nicht schnell, sondern es brauchte eine lange, lange Zeit, und es gingen noch trübere und noch schwerere Tage dahin, als die gegenwärtigen waren, ehe ich meinen Arbeitsplan entwickelte und derart festgelegt hatte, daß an ihm nichts mehr zu ändern war. Ich nahm mir vor, zunächst noch weiter an meinen Humoresken und erzgebirgischen Dorfgeschichten zu schreiben, um der deutschen Leserwelt bekannt zu werden und ihr zu zeigen, daß ich mich absolut nur auf gottesgläubigem Boden bewege. Dann aber wollte ich zu einem Genre greifen, welches im allgemeinsten Interesse steht und die größte Eindrucksfähigkeit besitzt, nämlich zur Reiseerzählung. Diesen Erzählungen wirkliche Reisen zugrunde zu legen, war nicht absolut notwendig; sie sollten ja doch nur Gleichnisse und nur Märchen sein, allerdings außerordentlich vielsagende Gleichnisse und Märchen. Trotzdem aber waren Reisen wünschenswert, zu Studienzwecken, um die verschiedenen Milieus kennen zu lernen, in denen meine Gestalten sich zu bewegen hatten. Vor allem galt es, sich tüchtig vorzubereiten, Erdkunde, Völkerkunde, Sprachkunde treiben. Ich hatte meine Sujets aus meinem eigenen Leben, aus dem Leben meiner Umgebung, meiner Heimat zu nehmen und konnte darum stets der Wahrheit gemäß behaupten, daß Alles, was ich erzähle, Selbsterlebtes und Miterlebtes sei. Aber ich mußte diese Sujets hinaus in ferne Länder und zu fernen Völkern versetzen, um ihnen diejenige Wirkung zu verleihen, die sie in der heimatlichen Kleidung nicht besitzen. In die Prärie oder unter Palmen versetzt, von der Sonne des Morgenlandes bestrahlt oder von den Schneestürmen des Wilden Westens umtobt, in Gefahren schwebend, welche das stärkste Mitgefühl der Lesenden erwecken, so und nicht anders mußten alle meine Gestalten gezeichnet sein, wenn ich mit ihnen das erreichen wollte, was sie erreichen sollten. Und dazu hatte ich in allen den Ländern, die zu beschreiben waren, wenigstens theoretisch derart zu Hause zu sein, wie ein Europäer es nur immer vermag. Es galt also zu arbeiten, schwer und angestrengt zu arbeiten, um mich vorzubereiten, und dazu war der stille ungestörte Gefängnisraum, in dem ich lebte, grad so die richtige Stelle.
Es gibt irdische Wahrheiten, und es gibt himmlische Wahrheiten. Die irdischen Wahrheiten werden uns durch die Wissenschaft, die himmlischen durch die Offenbarung gegeben. Die Wissenschaft pflegt ihre Wahrheiten zu beweisen; was die Offenbarung behauptet, wird von den Gelehrten höchstens als glaubhaft, nicht aber als bewiesen betrachtet. So eine himmlische Wahrheit steigt an den Strahlen der Sterne zur Erde nieder und geht von Haus zu Haus, um anzuklopfen und eingelassen zu werden. Sie wird überall abgewiesen, denn sie will geglaubt sein, aber das tut man nicht, weil sie keine gelehrte Legitimation besitzt. So geht sie von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, ohne erhört und aufgenommen zu werden. Da steigt sie am Strahl der Sterne wieder himmelan und kehrt zu dem zurück, von dem sie ausgegangen ist. Sie klagt ihm weinend ihr Leid. Er aber lächelt mild und spricht: „Weine nicht! Geh’ wieder zur Erde nieder, und klopfe bei dem Einzigen an, dessen Haus du noch nicht fandest, beim Dichter. Bitte ihn, dich in das Gewand des Märchens zu kleiden, und versuche dann dein Heil noch einmal!” Sie gehorcht. Der Dichter nimmt sie liebend auf und kleidet sie. Sie beginnt ihren Gang als Märchen nun von Neuem, und wo sie anklopft, ist sie jetzt willkommen. Man öffnet ihr die Türen und die Herzen. Man lauscht mit Andacht ihren Worten; man glaubt an sie. Man bittet sie, zu bleiben, denn jeder hat sie liebgewonnen. Sie aber muß weiter, immer weiter, um zu erfüllen, was ihr aufgetragen worden ist. Doch geht sie nur als Märchen; als Wahrheit aber bleibt sie zurück. Und wenn man sie auch nicht sieht, sie ist doch da und herrscht im Haus, für alle Folgezeiten.
So, das ist das Märchen! Aber nicht das Kindermärchen, sondern das wahre, eigentliche, wirkliche Märchen, trotz seines anspruchslosen, einfachen Kleides die höchste und schwierigste aller Dichtungen, der in ihm wohnenden Seele gemäß. Und einer jener Dichter, zu denen die ewige Wahrheit kommt, um sie kleiden zu lassen, wollte ich sein! Ich weiß gar wohl, welche Kühnheit des war. Doch gestehe ich es, ohne mich zu fürchten. Die Wahrheit ist so verhaßt und das Märchen so verachtet, wie ich selbst es bin; wir passen zueinander. Das Märchen und ich, wir werden von Tausenden gelesen, ohne verstanden zu werden, weil man nicht in die Tiefe dringt. Wie man behauptet, daß das Märchen nur für Kinder sei, so bezeichnet man mich als „Jugendschriftsteller”, der nur für unerwachsene Buben schreibe. Kurz, ich brauche mich gar nicht zu entschuldigen, daß ich so verwegen gewesen bin, nur ein Märchen- und Gleichnisschriftsteller sein zu wollen. Gleicht doch mein „Leben und Streben” schon an und für sich selbst einem Märchen, und sind es doch fast unzählige Fabeln und Märchen, mit denen meine Person von gegnerischer Seite umkleidet worden ist! Und wenn ich mich dagegen verwahre, so glaubt man mir ebenso wenig, wie Mancher dem Märchen glaubt. Aber, wie jedes echte Märchen doch endlich einmal zur Wahrheit wird, so wird auch alles an mir zur Wahrheit werden, und was man mir heut nicht glaubt, das wird man morgen glauben lernen.
Also alle meine Reiseerzählungen, die ich zu schreiben beabsichtigte, sollten bildlich, sollten symbolisch sein. Sie sollten Etwas sagen, was nicht auf der Oberfläche lag. Ich wollte Neues, Beglückendes bringen, ohne meine Leser mit dem Alten, Bisherigen in Kampf und Streit zu verwickeln. Und was ich zu sagen hatte, das mußte ich suchen lassen; ich durfte es nicht offen vor die Türen legen, weil man Alles, was man so billig bekommt, liegen zu lassen pflegt und nur das zu schätzen weiß, was man sich mühsam zu erringen hat. Es wäre ein unverzeihlicher Fehler gewesen, gleich von vornherein anzudeuten, daß meine Reiseerzählungen bildlich zu nehmen seien. Man hätte mich einfach nicht gelesen, und Alles, was ich lösen wollte, wäre Fabel und Märchen geblieben. Der Leser mußte ungeahnt finden, was ich gab; er betrachtete es dann als wohlerrungen und hielt es für das Leben fest.
Aber was war denn eigentlich das, was ich geben wollte? Das war vielerlei und nichts Alltägliches. Ich wollte Menschheitsfragen beantworten und Menschheitsrätsel lösen. Man lache mich aus; aber ich habe es gewollt; ich habe es versucht und werde es weiter versuchen. Ob ich es erreiche, kann weder ich noch ein Anderer wissen. Es mag bei der Ausführung dann wohl mancher Fehler untergelaufen sein, denn ich bin ein irrender Mensch; mein Wollen aber ist gut und rein gewesen. Ich wollte ferner meine psychologischen Erfahrungen zur Veröffentlichung bringen. Ein junger Lehrer, der bestraft worden ist, seine psychologischen Erfahrungen? Ist das nicht noch lächerlicher als das Vorhergehende? Mag man es dafür halten; ich aber habe an hundert und wieder hundert unglücklichen Menschen gesehen, daß sie nur darum in das Unglück geraten waren und nur darum darin stecken blieben, weil ihre Seelen, diese kostbarsten Wesen der ganzen irdischen Schöpfung, vollständig vernachlässigt worden waren. Der Geist ist das verzogene, eingebildete Lieblingskind, die Seele das zurückgesetzte, hungernde und frierende Aschenbrödel. Für den Geist sind alle Schulen da, von der A-B-C-Schützen-Schule bis hinauf zur Universität, für die Seele aber keine einzige. Für den Geist werden Millionen Bücher geschrieben, wie viele für die Seele? Dem Menschengeiste werden tausend und abertausend Denkmäler gesetzt; wo stehen die, welche bestimmt sind, die Menschenseele zu verherrlichen? Wohlan, sage ich mir, so will ich es sein, der für die Seele schreibt, ganz nur für sie allein, mag man darüber lächeln oder nicht! Man kennt sie nicht. Darum werden viele meine Werke entweder nicht oder falsch verstehen, aber das soll mich ja nicht hindern, zu tun, was ich mir vorgenommen habe.