H. 2428. Er wiste wol diu mære, sine liez in niht genesen. wie möhte ein untriuwe immer sterker wesen? er vorhte, sô si hête im sînen lip genomen, daz si danne ir bruoder liese heim ze lande komen.

Wie wir Hagens Charakter kennen, hätte er seinem Herrn Leben und Freiheit gern durch den eigenen Tod erkauft, und hier soll er den Hort nicht gezeigt haben, weil er fürchtete, Gunther würde dann allein in die Heimat entlaßen werden!

B enthält die schwachen Strophen nicht, welche A und C hinzufügen, entbehrt aber auch die echten und guten, die allein C erhalten hat; für die, welche B selber hinzuthut, müßen wir ihm dankbar sein. Der sorgfältige Schreiber der in dieser Reihe voranstehenden St. Galler Handschrift füllt gerne die Senkungen aus und meidet verkürzte Formen. Sonst stellt sich diese sehr verbreitete Faßung, deren Text man deshalb den gemeinen genannt hat, zunächst neben A und berichtigt sie oft.

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Eine geschichtliche Grundlage des Gedichts hat man in der Thatsache finden wollen, daß um das Jahr 437 der Burgunderkönig Gundicarius mit seinem Volke von den Hunnen eine vernichtende Niederlage erlitt. Man beruft sich auch darauf, daß in der lex Burgundionum drei burgundische Könige, Godomer, Gislahar und Gundahar wie es scheint als Söhne Gibicas genannt werden, die man in Gernot, Giselher und Gunther, nach der Heldensage den Söhnen Gibichs (in den Nibelungen heißt der Vater Dankrat), wiederfinden will. Vergl. W. Grimms Deutsche Heldensage, 2. Auflage 1867 S. 12. Aber wann die geschichtlichen Beziehungen in die Sage eingetreten find, wißen wir nicht: sie drangen gelegentlich in die ursprünglich mythische Heldensage, wurden aber auch wohl wieder ausgeschieden, wie wir davon ein Beispiel an Otacher haben, der, ein geschichtlicher Held, im Hildebrandslied den mythischen Sibich verdrängt hatte, ihm aber späterhin wieder weichen muste. Manche Thatsachen, die Geschichte und Heldensage gemein haben, können ebenso gut auch aus der Sage in die Geschichte gedrungen sein, z. B. was Jornandes von Ermenrich und Swanhildens Brüdern meldet, Grimms Heldensage S.2.

Daß Worms im Liede als Sitz der Burgundenkönige erscheint hat man als der Geschichte nicht widersprechend nachgewiesen, indem wirklich die später an den Rotten (Rhodanus) gezogenen Burgunden zuerst am Mittelrhein gewohnt hätten. Eine andere Frage ist, ob dieß veranlaßt hat, Worms zum Schauplatz der Sage zu machen. Ein mythischer Bezug hängt nämlich schon in dem ältesten Namen dieser Stadt, und dieß könnte die Anknüpfung der Heldensage vermittelt haben. Bekanntlich lautete er einst Borbetomagus. "Da magus Feld bedeutet," hieß es schon Rheinland 76, "so ist dieß nicht sowohl der Name der Stadt als des Gaus, das wir auch Wormsfeld genannt finden, wie Maifeld und Maiengau wechseln. In Borbet, das uns für den Namen der Stadt übrig bleibt, ist das anlautende b später zu w geworden;" wir werden aber sogleich sehen wie w und b mundartlich wechseln. Nehmen wir es indes für Worbet, so erkennen wir leicht den urkundlich vielfach beglaubigten Namen einer der tria fata, die, deutschem und keltischem Glauben gemein, uns (Deutschen) Schwestern, den romanisierten Kelten Mütter oder Matronen hießen; ausführlich habe ich von ihnen Handbuch der Mythologie §. 103 gehandelt. Im südlichen und nordwestlichen Deutschland, also in unserm Rheinland kehren diese Schwestern unzählig oft wieder: sie werden noch jetzt zum Theil mit veränderten Namen als Heilige verehrt: in der kölnischen Diöcese mit dem Erzbischof Pilgrim (nicht dem Paßauer) unter dem Namen der drei christlichen Cardinaltugenden Spes, Fides, Caritas; in der trierischen zu Bornhoven, zu Auw unter verschiedenen; im südlichen Deutschland in weit entlegenen Landestheilen, Tyrol, Worms und Straßburg, in Oberbaiern und Niederbaiern unter sich stäts gleich bleibenden, nur wenig abweichenden Namen, welche sich auf Einbett, Wilbett und Warbett zurückführen laßen. Das gemeinsame -bett kehrt auch sonst gern wieder, wo die drei Schwestern jetzt unter andern Namen verehrt werden, und selbst in der kölnischen Diöcese ist das z.B. in Bettenhoven der Fall, so daß selbst unseres Beethovens Name hieher gehören möchte. Nach Panzer, Baierische Sagen, verehrt man sie als

1. S. Anbetta, S. Gwerbetta, S. Villbetta zu Meransen in
Tyrol, Panzer I, S. 5.

2. S. Ainbett, S. Wolbett, S. Vilbett zu Schlehdorf in
Oberbaiern. P. 23.

3. S. Ainpet, S. Gberpet, S. Firpet zu Leutstetten in Oberbaiern.
P. 31.

4. S. Einbeth, S. Warbeth, S. Wilbeth zu Schildturn in
Niederbaiern. P. 69.