"Nun kleidet euch, ihr Maide," hub da Kriemhild an: 857
"Ob ich frei von Schande hier nicht verbleiben kann,
Laßt es heute schauen, besitzt ihr reichen Staat;
Sie soll es noch verläugnen, was ihr Mund gesprochen hat."

Ihnen war das leicht zu rathen; sie suchten reich Gewand. 858
Wie bald man da im Schmucke viel Fraun und Maide fand!
Da gieng mit dem Gesinde des edeln Wirths Gemahl;
Zu Wunsch gekleidet ward auch die schöne Kriemhild zumal

Mit dreiundvierzig Maiden, die sie zum Rhein gebracht; 859
Die trugen lichte Zeuge, in Arabien gemacht.
So kamen zu dem Münster die Mägdlein wohlgethan.
Ihrer harrten vor dem Hause Die Siegfrieden unterthan.

Die Leute nahm es Wunder, warum das geschah, 860
Daß man die Königinnen so geschieden sah,
Und daß sie bei einander nicht giengen so wie eh.
Das gerieth noch manchem Degen zu Sorgen und großem Weh.

Nun stand vor dem Münster König Gunthers Weib. 861
Da fanden viel der Ritter genehmen Zeitvertreib
Bei den schönen Frauen, die sie da nahmen wahr.
Da kam die edle Kriemhild mit mancher herrlichen Schar.

Was Kleider je getragen eines edeln Ritters Kind, 862
Gegen ihr Gesinde war alles nur wie Wind.
Sie war so reich an Gute, dreißig Königsfraun
Mochten die Pracht nicht zeigen, die da an ihr war zu schaun.

Was man auch wünschen mochte, Niemand konnte sagen, 863
Daß er so reiche Kleider je gesehen tragen,
Als da zur Stunde trugen ihre Mägdlein wohlgethan.
Brunhilden wars zu Leide, sonst hätt es Kriemhild nicht gethan.

Nun kamen sie zusammen vor dem Münster weit. 864
Die Hausfrau des Königs aus ingrimmem Neid
Hieß da Kriemhilden unwirsch stille stehn:
"Es soll vor Königsweibe die Eigenholde nicht gehn."

Da sprach die schöne Kriemhild, zornig war ihr Muth: 865
"Hättest du noch geschwiegen, das wär dir wohl gut.
Du hast geschändet selber deinen schönen Leib:
Mocht eines Mannes Kebse je werden Königesweib?"

"Wen willst du hier verkebsen?" sprach des Königs Weib. 866
"Das thu ich dich," sprach Kriemhild: "deinen schönen Leib
Hat Siegfried erst geminnet, mein geliebter Mann:
Wohl war es nicht mein Bruder, der dein Magdthum gewann.