"Wir wollen es versuchen," sprach der König hehr. 1142
"Es sollen für uns bitten Gernot und Geiselher,
Bis sie es erlangen, daß sie das gerne sieht."
"Ich glaube nicht," sprach Hagen, "daß es jemals geschieht."
Da befahl er Ortweinen hin an Hof zu gehn 1143
Und dem Markgrafen Gere: als das war geschehn,
Brachte man auch Gernot und Geiselhern das Kind:
Da versuchten bei Kriemhilden sie es freundlich und gelind.
Da sprach von Burgunden der kühne Gernot: 1144
"Frau, ihr klagt zu lange um Siegfriedens Tod.
Der König will euch zeigen, er hab ihn nicht erschlagen:
Man hört zu allen Zeiten euch so heftig um ihn klagen."
Sie sprach: "Des zeiht ihn Niemand, ihn schlug Hagens Hand. 1145
Wo er verwundbar wäre, macht ich ihm bekannt.
Wie konnt ich michs versehen, er trüg ihm Haß im Sinn!
Sonst hätt ichs wohl vermieden," sprach die edle Königin,
"Daß ich verraten hätte seinen schönen Leib: 1146
So ließ' ich nun mein Weinen, ich unselig Weib!
Hold werd ich ihnen nimmer, die das an ihm gethan!"
Zu flehn begann da Geiselher, dieser waidliche Mann.
Sie sprach: "Ich muß ihn grüßen, ihr liegt zu sehr mir an. 1147
Von euch ist's große Sünde: Gunther hat mir gethan
So viel Herzeleides ganz ohne meine Schuld:
Mein Mund schenkt ihm Verzeihung, mein Herz ihm nimmer die Huld."
"Hernach wird es beßer," ihre Freunde sprachen so. 1148
"Wenn ers zu Wege brächte, daß wir sie sähen froh!"
"Er mags ihr wohl vergüten," sprach da Gernot.
Da sprach die Jammersreiche: "Seht, nun leist ich eur Gebot:
"Ich will den König grüßen." Als er das vernahm, 1149
Mit seinen besten Freunden der König zu ihr kam.
Da getraute Hagen sich nicht, zu ihr zu gehn:
Er kannte seine Schuld wohl: ihr war Leid von ihm geschehn.
Als sie verschmerzen wollte auf Gunther den Haß, 1150
Daß er sie küssen sollte, wohl ziemte sich ihm das.
Wär ihr mit seinem Willen so leid nicht geschehn,
So dürft er dreisten Muthes immer zu Kriemhilden gehn.
Es ward mit so viel Thränen nie eine Sühne mehr 1151
Gestiftet unter Freunden. Sie schmerzt' ihr Schade sehr.
Doch verzieh sie allen bis auf den Einen Mann:
Niemand hätt ihn erschlagen, hätt es Hagen nicht gethan.