Sie sprach: "Lieber Bruder, du sollst gedenken mein, 1172
Lebens und Gutes sollst du ein Vogt mir sein."
Da sprach er zu der Schwester: "Gewiss, es soll geschehn,
Wenn wir wiederkommen: eine Fahrt ist zu bestehn."
Gunther und seine Freunde räumten das Land, 1173
Die allerbesten drunter, die man irgend fand;
Hagen nur alleine verblieb um seinen Haß,
Den er Kriemhilden hegte: ihr zum Schaden that er das.
Eh der reiche König wieder war gekommen, 1174
Derweil hatte Hagen den ganzen Schatz genommen:
Er ließ ihn bei dem Loche versenken in den Rhein.
Er wähnt', er sollt ihn nutzen; das aber konnte nicht sein.
Bevor von Tronje Hagen den Schatz also verbarg, 1175
Da hatten sie's beschworen mit Eiden hoch und stark,
Daß er verhohlen bliebe, so lang sie möchten leben:
So konnten sie's sich selber noch auch Jemand anders geben.
Die Fürsten kamen wieder, mit ihnen mancher Mann. 1176
Kriemhild den großen Schaden zu klagen da begann
Mit Mägdlein und Frauen; sie hatten Herzensnoth.
Da stellten sich die Degen, als sännen sie auf seinen Tod.
Sie sprachen einhellig: "Er hat nicht wohlgethan." 1177
Bis er zu Freunden wieder die Fürsten sich gewann,
Entwich er ihrem Zorne: sie ließen ihn genesen;
Aber Kriemhild konnt ihm wohl nicht feinder sein gewesen.
Mit neuem Leide wieder belastet war ihr Muth, 1178
Erst um des Mannes Leben und nun, da sie das Gut
Ihr so gar benahmen: da ruht' auch ihre Klage,
So lang sie lebte, nimmer bis zu ihrem jüngsten Tage.
Nach Siegfriedens Tode, das ist alles wahr, 1179
Lebte sie im Leide noch dreizehen Jahr,
Daß ihr der Tod des Recken stäts im Sinne lag:
Sie wahrt' ihm immer Treue; das rühmen ihr die Meisten nach.
Eine reiche Fürstenabtei hatte Frau Ute 1180
Nach Dankrats Tod gestiftet von ihrem Gute
Mit großen Einkünften, die es noch heute zieht:
Dort zu Lorsch das Kloster, das man in hohen Ehren sieht.
Dazu gab auch Kriemhild hernach ein großes Theil 1181
Um Siegfriedens Seele und aller Seelen Heil
Gold und Edelsteine mit williger Hand;
Getreuer Weib auf Erden ward uns selten noch bekannt.