"Er giebt so reiche Gaben: der Degen wähnet eben, 535
Ich habe nach dem Tode gesandt: ich will noch leben
Und kann wol selbst verschwenden meines Vaters Gut."
Nie hatt einer Königin Kämmerer so milden Muth.

Da sprach von Tronje Hagen: "Frau, euch sei bekannt: 536
Der König vom Rheine hat Gold und Gewand
Zu geben solche Fülle, daß es nicht Noth ihm thut,
Von hier hinweg zu führen einen Theil von Brunhilds Gut."

"Nein, wenn ihr mich liebet," sprach sie zu den Herrn, 537
"Zwanzig Reiseschreine füllt ich mir gern
Mit Gold und mit Seide: das soll meine Hand
Vertheilen, so wir kommen heim in der Burgunden Land."

Da lud man ihr die Kisten mit edelm Gestein. 538
Der Frauen Kämmerlinge musten zugegen sein:
Sie wollt es nicht vertrauen Geiselhers Unterthan.
Gunther und Hagen darob zu lachen begann.

Da sprach die Königstochter: "Wem laß ich nun mein Land? 539
Das soll hier erst bestimmen mein und eure Hand."
Da sprach der edle König: "So rufet wen herbei,
Der euch dazu gefalle, daß er zum Vogt geordnet sei."

Ihrer nächsten Freunde Einen die Jungfrau bei sich sah; 540
Es war ihr Mutterbruder, zu dem begann sie da:
"Nun laßt euch sein befohlen die Burgen und das Land,
Bis seine Amtleute der König Gunther gesandt."

Aus dem Gesinde wählte sie zweitausend Mann, 541
Die mit ihr fahren sollten gen Burgund hindann
Mit jenen tausend Recken aus Nibelungenland.
Sie schickten sich zur Reise: man sah sie reiten nach dem Strand.

Sie führte mit von dannen sechsundachtzig Fraun, 542
Dazu wol hundert Mägdelein, die waren schön zu schaun.
Sie säumten sich nicht länger, sie eilten nun hindann:
Die sie zu Hause ließen, wie Manche hub zu weinen an!

In höfischen Züchten räumte die Frau ihr Land, 543
Die nächsten Freunde küssend, die sie bei sich fand.
Mit gutem Urlaube kamen sie aufs Meer;
Ihres Vaters Lande sah die Jungfrau nimmermehr.

Auf ihrer Fahrt ertönte vielfaches Freudenspiel; 544
Aller Kurzweile hatten sie da viel.
Auch hob sich zu der Reise der rechte Wasserwind.
Sie fuhren ab vom Lande: das beweinte mancher Mutter Kind.