Er konnt es kaum erwarten, bis vorbei das Mahl. 679
Brunhild die schöne rief man aus dem Saal
Und auch Kriemhilden: sie sollten schlafen gehn:
Hei! was man kühner Degen sah vor den Königinnen stehn!
Siegfried der Herre gar minniglich saß 680
Bei seinem schönen Weibe mit Freuden ohne Haß.
Sie kos'te seine Hände mit ihrer weißen Hand,
Bis er ihr vor den Augen, sie wuste nicht wie, verschwand.
Da sie mit ihm spielte und sie ihn nicht mehr sah, 681
Zu seinem Ingesinde sprach die Königin da:
"Mich wundert sehr, wo ist doch der König hingekommen?
Wer hat seine Hände mir aus den meinen genommen?"
Sie ließ die Rede bleiben. Da eilt' er hinzugehn, 682
Wo er die Kämmerlinge fand mit Lichtern stehn:
Die lescht' er unversehens den Knappen an der Hand:
Daß es Siegfried wäre, das war da Gunthern bekannt.
Wohl wust er, was er wolle: er ließ von dannen gehn 683
Mägdelein und Frauen. Als das war geschehn,
Der edle König selber verschloß der Kammer Thür:
Starker Riegel zweie die warf er eilends dafür.
Hinterm Bettvorhange barg er der Kerzen Licht. 684
Ein Spiel sogleich begannen, vermeiden ließ sichs nicht,
Siegfried der starke und die schöne Maid:
Das war dem König Gunther beides lieb und auch leid.
Da legte sich Siegfried der Königin bei. 685
Sie sprach: "Nun laßt es, Gunther, wie lieb es euch auch sei,
Daß ihr nicht Noth erleidet heute so wie eh:
Oder euch geschieht hier von meinen Händen wieder Weh."
Er hehlte seine Stimme, kein Wörtlein sprach er da. 686
Wohl hörte König Gunther, obgleich er sie nicht sah,
Daß Heimliches von Beiden wenig geschehen sei;
Nicht viel bequeme Ruhe im Bette fanden die Zwei.
Er stellte sich, als wär er Gunther der König reich; 687
Er umschloß mit Armen das Mägdlein ohne Gleich.
Sie warf ihn aus dem Bette dabei auf eine Bank,
Daß laut an einem Schemel ihm das Haupt davon erklang.
Wieder auf mit Kräften sprang der kühne Mann, 688
Es beßer zu versuchen: wie er das begann,
Daß er sie zwingen wollte, da widerfuhr ihm Weh.
Ich glaube nicht, daß solche Wehr von Frauen je wieder gescheh.