Gedanklich höher stehen die beiden fast zur selben Zeit entstandenen medizinischen Dissertationen, die der Zwanzigjährige als Probestück seiner medizinischen Kenntnisse bei dem Abgang von der Akademie einreichen mußte. Die erste, eine »Philosophie der Physiologie«, die uns nur zu etwa einem Viertel (11 von 41 Paragraphen) erhalten geblieben ist, enthält von wirklicher Physiologie ziemlich wenig. Wurde doch auf der Akademie die Medizin fast ohne jedes Demonstrationsmaterial betrieben. Es sind eben nur phantasievolle Gedanken, die ein begabter Dilettant ohne den soliden Untergrund von genauen Fachkenntnissen oder fester Methode entwickelt. Das Urteil der Professoren tadelte an der Arbeit den »gefährlichen Hang zum Besserwissen«, der sich in der verwegenen Sprache »auch gegen die würdigsten Männer« äußere, den teils zu freien und schwulstigen, teils zu blühenden und witzigen Stil, der den Sinn oft dunkel lasse; sie wurde deshalb auch nicht zum Druck zugelassen und der Verfasser, um »sein Feuer doch ein wenig zu dämpfen«, noch zu einem weiteren Jahr Aufenthalt auf der Akademie verurteilt. Mehr Gnade fand im folgenden Jahre (1780) die in allen Ausgaben der »Sämtlichen Werke« abgedruckte Dissertation: »Über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen.« Beide Abhandlungen betreffen im Grunde das gleiche Thema: das Verhältnis zwischen Seele und Geist. In der ersten glaubt er, bezeichnend für die Philosophie des reifen Schiller, in dem von dem berühmtesten Physiologen der Zeit Albrecht v. Haller angenommenen »Nervengeist« eine »Mittelkraft« zwischen Geist und Materie, Seelischem und Sinnlichem gefunden zu haben. Die zweite kommt dem Materialismus mehr entgegen.

Aber nicht in diesen Schülerarbeiten, auch nicht in der schulmäßigen Beschäftigung mit dem deutschen Popularphilosophen Garve und dem englischen Popularphilosophen Ferguson, die beide einen verdünnten Aufguß von Shaftesburys Schönheitsphilosophie darstellten, fand die Seele des jungen Philosophen ihren wahren Ausdruck. Wohl hat der englische Philosoph der Schönheit und der Harmonie des Eindrucks auf sein dichterisches Gemüt nicht ganz verfehlt. Aber weit mächtiger war der Einfluß des die ganze junge Dichtergeneration jener Tage befeuernden Jean Jacques Rousseau. In Rousseau fand nach seinem eigenen Geständnis »die Indignation« seiner in der Tyrannei der Karlsschule beständig verletzten »Menschenwürde Gehalt und Gestalt, Erfüllung und Ziel«. Seiner Verherrlichung als eines »Riesen« gegenüber den »Zwergen« seiner Splitterrichter, »denen nie Prometheus' Feuer blies«, gilt eines seiner frühesten Gedichte. Und ein späteres, in die Sammlung der »Werke« aufgenommenes begrüßt Rousseaus Grab als »Monument von unserer Zeiten Schande«, als das Grab dessen, »der aus Christen Menschen wirbt«. Rousseaus »Zurück zur Natur!« beim einzelnen und im Staat gibt überhaupt Schillers ganzer Jugendzeit das Gepräge.

Insbesondere auch seinen ersten Dramen. Denn wie Lessing in seinem »Nathan« noch einmal seine »alte Kanzel«, das Theater bestieg, so hat der junge Schiller, wie die Überschrift seines bekannten Aufsatzes zeigt, »die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet«. Gewiß, seine »Räuber« sind noch stark von religiös-biblischen Gedanken durchsetzt: wir brauchen nur an die erschütternde Schilderung des Jüngsten Gerichts in der Szene zwischen Franz Moor und dem alten Daniel zu erinnern. Und eben diesem Bösewicht Franz legt er mit Vorliebe materialistische Gedankengänge in den Mund: einmal sogar eine Stelle aus seiner eigenen Dissertation. Aber den Hauptton gibt doch Rousseaus Natur- und Freiheitsbegeisterung an, Rousseaus, der ihn hingewiesen gegenüber dem »tintenklecksenden Säkulum« auf Plutarchs »große Menschen«, Rousseaus, dessen Opposition gegen die sogenannte Zivilisation sich in dem Munde seines Karl Moor erweitert zu einer Art genialen Anarchismus: »Da verrammeln sie die Natur mit abgeschmackten Konventionen … Ich soll meinen Leib pressen in eine Schnürbrust und meinen Willen schnüren in Gesetze. Das Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug geworden wäre. Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gebildet, aber die Freiheit brütet Kolosse und Extremitäten aus.« Freilich, zum Schluß des Dramas kommt sein Held zu einem anderen Ergebnis: »O über mich Narren, der ich wähnte …, die Gesetze durch Gesetzlosigkeit aufrechtzuhalten«, und der jetzt einsieht, daß »zwei Menschen wie ich den ganzen Bau der sittlichen Welt zugrunde richten würden«, der sich sodann ganz folgerichtig der Justiz ausliefert, um sich aufs Rad flechten zu lassen.

Aus den Gedichten des ersten Jahrzehnts greifen wir drei zur Kennzeichnung seiner weiteren philosophischen Entwicklung heraus. Zunächst die beiden einander verwandten: »Freigeisterei der Leidenschaft« (später gekürzt unter der Überschrift »Kampf«) und »Resignation«: beide aus seinem leidenschaftlichen Verhältnis zu Charlotte von Kalb entsprungen und beide nicht mit Unrecht in Franz Mehrings »Schiller« (1905) zugleich als die einzigen wirklichen Liebesgedichte Schillers bezeichnet (wenn man etwa von Theklas »Der Eichwald brauset« absieht. K. V.); denn die überspannten Oden an »Laura« können ebensowenig als solche zählen wie gelegentliche spätere Albumverse an seine Frau und andere Damen. Beide Gedichte, namentlich das zweite, zeigen eine Weltanschauung, die sich bereits der Kantischen nähert, ohne daß er Kant schon näher kennt oder gar nennt: die Kluft zwischen Pflicht und Sinnlichkeit. Im ersten bäumt sich die Sinnlichkeit auf gegen die grausame Härte des Sittengesetzes; im zweiten siegt das moralische Reich, freilich nur so, daß für den entgangenen Genuß des Diesseits die Hoffnung auf einen Lohn im Jenseits in Aussicht gestellt wird. Später sucht er die Versöhnung zwischen beiden, die Überbrückung jener Kluft.

Schon das berühmte Lied an die Freude (Ende 1788), im Kreise seiner Dresdener Freunde gedichtet, zeigt ihn in ganz anderer Stimmung und Weltauffassung. Die Freude ist es jetzt, welche die Menschen verbindet, einander gleich macht, sie zur Güte und zu Gott, dem liebenden Vater des Alls, erhebt, sie, die Urkraft und zugleich das Endziel der Natur. »Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuß der ganzen Welt!«, so klingt es jetzt zu uns und dringt vertiefter noch in den freudevollen Tönen von Beethovens unsterblicher Neunten – vielleicht dem Schönsten, was Musik je geschaffen hat – in unsere Seele.


B. Die Übergangszeit

(1787 bis 1790)

»Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein!« – Schiller war es gelungen: er hatte in Gottfried Körner (dem Vater Theodors) einen Freund fürs Leben gefunden. Man kann nicht leicht den Einfluß überschätzen, den Körner während des Jahrzehnts 1784 bis 1794 auf die philosophische Entwicklung des jüngeren Freundes gewonnen hat. Er spiegelt sich zunächst wider in den bis 1786 entstandenen »Philosophischen Briefen« zwischen Julius (Schiller) und Raphael (Körner).