Zu einer wirklichen Trommelsprache gehört allerdings doch wohl noch mehr. Ihre höchste Entfaltung hat sie in den küstennahen Gegenden Äquatorial-Westafrikas gefunden, wo die Eingebornen sich mühelos die längsten Geschichten über weite Entfernungen hin erzählen. Das ist nun ein Gebiet, wo manche Sprachen von sogenannten Tonhöhen oder musikalischen Akzenten durchsetzt sind, wo mit anderen Worten die Bedeutung der Silben mit der Art der Aussprache wechselt, ganz wie im Chinesischen auch. An diesen Umstand knüpft Prof. v. Luschan an, indem er meint, daß gerade erst dieser besondere Sprachcharakter die wesentlichste Vorbedingung für jene Vollentwicklung der Trommelsprache gewesen sei. Ob diese Vermutung durch weitere phonetische und linguistische Untersuchungen über Bord geworfen oder bestätigt werden wird, muß die Zukunft lehren; in jedem Fall hatte die vollendete Durchführung jener Errungenschaft ihren Besitzern ein bedeutendes Übergewicht über ihre Nachbarn eingetragen, bis die Herrschaft der Europäer das alles wieder ausgeglichen hat.
Die allerfeinste Heranziehung der Akustik durch Naturvölker findet sich jedoch im tropischen Südamerika. In Ethnologenkreisen ist sie unter dem Namen Cambarysu bekannt und berühmt. Das sind ebenfalls Schlitztrommeln aus Holz, die von den Eingebornen so untergebracht und aufgestellt werden, daß ihre Töne ausschließlich an den gewünschten Punkten, nämlich gleichartigen »Stationen«, vernommen und gedeutet werden können. Zu dem Zweck baut man bei den Catuquinaru besondere Häuschen und stellt die Trommel darin in eine mit Holzstücken gefüllte Grube, die bei anderen Stämmen wegfällt. Trommeln nun die Männer in der Morgenstille, so werden die Zugänge zum Aufstellungsraum verschlossen gehalten, damit die Tonwellen nicht vom Walde verschluckt werden, sondern sich konzentrieren, durch die Giebel des Hauses entweichen und sich erst über den Wipfeln der Bäume in der freien Luft ausbreiten. Also eine leibhaftige Telephonie ohne Draht!
[12. Schlußbetrachtung.]
Mit dem Cambarysu wollen wir den Rundblick auf die physikalischen Errungenschaften der Naturvölker einstweilen beschließen. Dieser kleine Wunderapparat wendet sich bewußt an die nur geringe Schar der Eingeweihten. Das ist falsche Bescheidenheit, denn ein kurzer Überschlag alles von uns Gebrachten beweist doch unzweideutig, daß die Naturvölker keineswegs jene halb- oder ganztierischen Lebewesen sind, für die sie in Laienkreisen so oft gehalten werden. Alle Völker der Erde sind, wie wir in den Kosmosbändchen so oft betont haben, gleich alt, und alle haben genugsam Zeit und Gelegenheit gehabt, Erfahrungen zu sammeln und Entdeckungen und Erfindungen der verschiedensten Art zu machen. Wenn die weiße Rasse dabei ungleich erfolgreicher gewesen ist als alle übrigen, so haben ihr dabei zahlreiche Umstände geholfen, auf die hier einzugehen wir um so weniger Veranlassung haben, als der Unterschied keineswegs dem Wesen, sondern lediglich dem Grade nach besteht. Ganz ohne Errungenschaften ist nicht einmal das primitivste Völkchen geblieben, ja die Mehrzahl kann sich sogar eines oft nicht einmal unbeträchtlichen Schatzes an technischen Mitteln rühmen.
Aber die Herrschaft über die Natur? Besitzen sie auch die? In dem Sinn, wie wir sie auffassen, sicherlich nicht; weder verfügen sie so souverän über die Kräfte der Luft und des Wassers, noch über die der Tierwelt, des Dampfes, der Elektrizität und der explosiblen Gase, wie wir das von uns rühmen. Aber Herrscher sind sie bei alledem doch, wenn auch nur über ihren eigenen, mehr oder weniger beengten Lebensraum. Und auch das verstehen wir zuweilen falsch. Wie bedauern wir den unglückseligen Buschmann in seiner kargen Heimat! Kaum jemals fühlbarer Überfluß, dafür aber um so häufiger der bitterste Mangel an allem, was uns zur bloßen Fristung des nackten Daseins erforderlich dünkt. Dabei fühlt sich dieser Wilde in seinem Dasein entschieden geborgener als mancher Großstadtbewohner in dem seinigen. Das Nahrungsbedürfnis? Als Sammler und Jäger kennt er alle Schliche und Methoden, die seiner Umwelt angepaßt sind. Die in jenen Regionen doppelt brennende Wasserfrage? Auch sie hat er zu lösen verstanden allezeit, vom Völkchen der Buschmänner lebte sonst längst nicht einer mehr. Wie im wahrsten Sinn souverän deren Herrschaft über ihre Heimat ist, lehrt nichts besser und einwandfreier als die noch immer zu wenig beachtete Tatsache, daß alle die Herero, die nach der Schlacht am Waterberg im August 1904 nach Osten in das Sandfeld zogen, sich nur dadurch vom sicheren Untergang haben retten können, daß sie sämtliche Lebensgewohnheiten der vordem von ihnen so verachteten Vorbewohner dieser Region, eben der Buschmänner, sklavisch angenommen haben.
So ist es allerorts; in allen Zonen hat der Mensch sich förmlich erst seine Lebensbasis geschaffen, sowenig das scheinbar rein vegetative, pflanzenähnliche Dahindämmern so manches Naturvolkes dafür zu sprechen scheint. Um das im einzelnen zu beweisen, müßte man eine umfassende Völkerkunde größten Umfanges schreiben. Einige wenige Belege rein physikalischen Charakters haben wir in den vorstehenden Ausführungen gebracht, die gleichsam nur als Stichproben aus dem gesamten Kenntnisschatz der Naturvölker betrachtet sein wollen. Den auf vorwaltend chemischer Grundlage beruhenden Errungenschaften soll das nächste Kosmosbändchen gewidmet sein. Somit bleibt uns heute nur noch die Aufgabe einer mehr andeutungsweisen, unsystematischen Übersicht wenigstens der Hauptsache dessen, was unsere so oft falsch beurteilten Freunde an weiteren physikalischen Leistungen und Kenntnissen zu verzeichnen haben.
Wie weit reicht die künstliche Beleuchtung der menschlichen Wohnung zurück? Nun, sicher doch ebensoweit, wie das Feuer im Dienst unseres Geschlechtes steht; das Herdfeuer seiner Urhütte diente am Abend zugleich auch zu deren Erhellung. Auf dieser Stufe stehen seltsamerweise die meisten Naturvölker noch heute; sie haben kein höheres Lichtbedürfnis, sondern sitzen bis zum frühen Schlafengehen malerisch um ihr Universalfeuer herum. Kienspan, Fackel und Lampe sind unter diesen Umständen nur dünn verteilt zu finden, jener im alteuropäischen Kulturkreis, die Fackel aus Pflanzenharzen und stark ölartigen Früchten bei westafrikanischen und malaio-polynesischen Völkerschaften, die Lampe endlich bei den Eskimo und im alten Südeuropa. Schalenförmige Steine, die man als Lampen deutet, hat man neuerdings in südfranzösischen Höhlen des ausgehenden Paläolithikums gefunden; sie wie auch die Specksteinlampe der Eskimo brennen nur mit Hilfe eines Dochtes, und bestehe er auch nur aus einem zusammengedrehten Pflanzenflöckchen; sie beruhen also auf dem Gesetz der Kapillarität, deren wenn auch unbewußte Heranziehung in die menschliche Wirtschaft damit bis in überraschend ferne Zeiten zurückreicht. Unter Kapillarität verstehen wir die Erscheinung, daß in engen Röhren, die man in eine Flüssigkeit taucht, diese höher oder tiefer steht als außerhalb. Die Erscheinung erklärt sich aus der molekularen Anziehung zwischen den Flüssigkeitsteilchen unter sich (der Kohäsion) und zwischen den Teilchen der Flüssigkeit und der festen Wand (der Adhäsion). Ihre Wirkungsweise kann jedes Schulkind tagtäglich an seinem Löschblatt feststellen. Badeschwamm, Handtuch, Pinsel und Docht beruhen auf demselben Prinzip.
Für den einzelnen Mitteleuropäer gibt es insofern keine Trinkwasserfrage, als er bloß an die Wasserleitung oder an den Brunnen zu gehen braucht. Beim Primitiven liegt die Sache so einfach nicht; in Trockengebieten bedroht ihn ständig die Frage der Beschaffung schlechthin; in Sumpfregionen oder solchen des Brackwassers muß er sich fragen: Wie mache ich die Flüssigkeit genießbar und bekömmlich? Beide Zwangslagen haben selbst schon die einfachsten Menschheitsgruppen zu den mannigfachsten Maßnahmen und Einrichtungen veranlaßt, so daß ein Ethnologe neuerdings ein ganzes Buch über den Gegenstand schreiben konnte.[11]
Uns galt das Seewasser so lange für gänzlich unbenutzbar, bis wir es destillieren lernten. Wenn den Andamanesen und den Mikronesiern auf ihren langen Seefahrten das Süßwasser ausgegangen ist, springen sie morgens und abends je für lange Zeit in die salzige Flut, wodurch der Körper durch die Hautporen Wasser aufnimmt. Das rettet sie immerhin eine ganze Zeitlang vor dem Verdursten. Von den Polynesiern wird berichtet, daß sie neben Wasservorräten stets auch solche von bestimmten Pflanzen mitnehmen. Das Kauen dieser Blätter soll die Wirkung haben, daß man Seewasser genießen kann, ohne Schaden zu erleiden. Sickerlöcher für Brack- und Sumpfwasser finden sich vielerorts; im Gebiet des Schari südöstlich vom Tschadsee liegen sie bis zu 2 Kilometer vom Fluß ab, und im Lande Bornu umsäumen sie ganz systematisch die modrigen und brackigen Seen des Landes. Man hat also Sand und Kies als treffliche Filter erkannt. Für die Filtrierung des Meerwassers dienen auf vielen Südseeinseln ganz gleichartige, im Innern des Landes abgeteufte Anlagen. Selbst das von vielen Ethnologen als besonders primitiv angesehene Völkchen der Wedda auf Ceylon greift zu ihnen, da man das Wasser von Tümpeln und selbst dasjenige klarer Flüsse für giftig hält.