Abb. 6. Eskimofrau von Labrador mit Kind in der Kapuze.

Die endgültige Lösung des Problems bringen erst die höchst mannigfaltigen Tragvorrichtungen, bei denen das Kind am Körper der Mutter hängt, ohne überhaupt einen Arm in Mitleidenschaft zu ziehen. Für große Teile Afrikas ist die Unterbringung des Säuglings in dem bekannten Rückentuche bezeichnend, worin der ganze Körper warm und geschützt in der Höhe des mütterlichen Kreuzes kauert, während die Beinchen rechts und links heraushängen ([Abb. 5]). Das Kind nimmt in dieser Lage an jeder Bewegung der Mutter teil, ohne diese im geringsten zu behindern und auch ohne selbst den geringsten Schaden an Körper und Geist zu erleiden. Andere Rückentragvorrichtungen finden sich in den mannigfachsten Konstruktionen über die ganze Erde hin verbreitet bis zu der großen Pelzkapuze der Eskimofrauen ([Abb. 6]) und der kunstvollen Tragwiege vieler Amerikaner und Nordasiaten. Der Rücken hat sich bei den tastenden Versuchen der geplagten Mütter nach einer Befreiung der Hände schon aus dem Grund als der geeignetste Ort erwiesen, weil die Last hier dem eigentlichen Arbeitsbereich räumlich am weitesten entrückt ist. Außerdem gewährt die Unterbringung der Last auf ihm die beste Möglichkeit, den eigenen Körper im Gleichgewicht zu erhalten.

Schon dieser kurze Ausblick auf nur eine einzige Seite des Völkerlebens ist geeignet, ein überraschendes Licht auf das Ausmaß der geistigen Arbeit zu werfen, die nötig gewesen ist, unseren Vorfahren den freien Gebrauch der Hand zu gewährleisten. Die wahrhaft überragende Stellung des Menschen im Rahmen der Natur versteht man tatsächlich erst, nachdem man ihr von dieser Seite her näher getreten ist. Und vor allem der Frau wird man erst gerecht, wenn man den Ideenreichtum bewundert, den sie in der gleichzeitigen Sorge für das Kind und für die Ausführungsmöglichkeit der ihr zustehenden Arbeit entfaltet hat. Unter den neueren Ethnographen zeiht vor allem der geistvolle Heinrich Schurtz gerade sie der Nüchternheit und Ideenarmut, die beide überall dort zutage träten, wo der frauliche Geist zu schöpferischen Taten Gelegenheit gehabt habe. So in der Töpferei, deren Erfindung auf die Frau zurückgeht; so auch in der Weberei, an deren Erfindung und vorläufiger Entwicklung ihr ebenfalls ein rühmlicher Anteil gehört. Bis zu einem gewissen Grad ist der Vorwurf berechtigt; in Afrika z. B. nimmt die Keramik blühende Formen an, sobald sie, wie in Nordwestkamerun und in Uganda, Männerarbeit wird. Den Stab über die Frau zu brechen, ist gleichwohl nicht ohne weiteres erlaubt, wie schon ihre Leistungen auf dem Gebiet der Tragweisen dartun. Die Wahrheit wird vermutlich in der Richtung zu suchen sein, daß man sagt: ihre Phantasie ist in dem ewigen Kleinkram der täglichen Wirtschaftssorgen verkümmert, der keinen großen Wurf zuläßt. Es wird für kommende Generationen interessant sein, festzustellen, ob die neuerliche Befreiung wenigstens der weißen Frau von dieser unübersehbar langen Bedrückung den Vorwurf jenes ungalanten Ethnographen entkräftet.

Wie dem aber auch sei: beide Geschlechter haben den großen Wurf getan und der Natur wertvollstes Geschenk für den Menschen, die Hand, frei gemacht für die Arbeit. Die ist ihnen alsbald in tausenderlei Arten und Mannigfaltigkeit erwachsen, ganz unserer vorgefaßten, aber falschen Ansicht zum Trotz, wonach gerade der Wilde jeder Arbeit überhoben sei. Manche neue Aufgabe wird dabei zunächst noch rein instinktiv erfaßt und gelöst worden sein; andere wieder werden sehr bald ein gewisses Nachdenken, ja ein förmliches Studium erfordert haben, bis durch die gehäufte Erfahrung ganzer Geschlechterreihen jene relative Höchstleistung erreicht worden ist, die der betreffenden Kulturstufe harmonisch angepaßt erscheint. Von einem wirklichen Erkennen der Naturgesetze, einem wissenschaftlichen Einblick in das Wesen der Erscheinungen ist, wie gesagt, dabei nirgends die Rede; stets handelt es sich vielmehr um dieselbe Empirie, die bloße Erfahrung, die auch das Leben unserer breiten Masse beherrscht.

Die Befreiung der Hand vom Naturzwang ist also die erste große Tat des Menschen auf dem Wege zum Fortschritt, ja sie ist die Vorbedingung des Fortschrittes selbst. Dieser bahnt sich nunmehr in ebenderselben Mannigfaltigkeit an, wie dem Menschen die Arbeit entgegentritt. Uns freilich erscheint das Leben des Wilden als ein unausgesetzter Kampf um den Lebensunterhalt allein, als die nackte Behebung der Sorge: wie friste ich mein Dasein und wie rette ich mich vor Hunger und Durst? Das trifft in Wirklichkeit zwar in höherem Grade zu als bei den Trägern höherer Zivilisation, doch kann man es andererseits direkt als Gesetz ansprechen, daß jeder Mensch die gleiche Leistung mit dem geringsten Kraftaufwand zu erreichen strebt, d. h. daß er die Bequemlichkeit sucht, wo und wie immer es sei. Die dadurch gewonnene Muße aber hat auch das einfachste Volk zu höheren Dingen zu verwenden gewußt, sei es in der Richtung auf eine behaglichere Lebensführung hin oder aber auf dem Gebiete des Sports und des Spiels oder gar dem der Kunst. Die fast allgemeine Verbreitung der tausenderlei Genußmittel ist ein Beleg für das eine, materielle Streben nach oben, die ebenso weite Verbreitung von Tanz und Musik, Spielzeug und Spiel und die bemerkenswerten Leistungen gerade niedrigster Völker in der bildenden Kunst ein solcher für das andere, ideelle Streben in derselben Richtung. Leiblicher und geistiger Komfort — das ist der Wahlspruch des Menschengeschlechts, wann und wo immer es uns entgegentritt.


[3. Der Aufmarsch.]

Bei allen außerkörperlichen Betätigungen des Menschen gelangen Gesetze der Physik und der Chemie oder beider zugleich zur Anwendung. Der Physik gehören dabei alle die Vorgänge an, die nicht die stoffliche Zusammensetzung der gebrauchten Körper beeinflussen, während es die Chemie gerade mit den Veränderungen der stofflichen Natur der Dinge zu tun hat. Der systematische Ausbau der Physik seit Aristoteles und die ungeheure Vervielfältigung der Lebensbetätigungen auf den höheren Kulturstufen haben es mit sich gebracht, daß wir das Gebiet dieser Wissenschaft, deren Rolle im Haushalt der Naturvölker uns hier zunächst beschäftigen soll, in eine ganze Anzahl von Unterabteilungen haben zerlegen müssen, je nachdem es sich um bewegte oder ruhende Körper handelt und ob diese fest, flüssig oder gasförmig sind. Wir fassen den ganzen Komplex dieser Erscheinungen unter dem Namen Mechanik zusammen, die wir dann je nach den Aggregatzuständen der ruhenden oder bewegten Körper als Statik und Dynamik für die festen, als Hydrostatik oder Hydrodynamik für die flüssigen und als Aërostatik und Aërodynamik für die gasförmigen bezeichnen. Zu ihnen treten des fernern die Wärmelehre, die Akustik und die Optik, von Elektrizität und Magnetismus hier zu schweigen, da sie für die niederen Kulturen nicht in Betracht kommen.

Fast möchte es gewagt erscheinen, die einfachen Lebensäußerungen der Naturvölker in die prunkvollen Hallen dieses wissenschaftlichen Riesengebäudes zu übertragen. Aber einmal hat gerade die Völkerkunde die Pflicht, den Anfängen oder doch den Frühformen aller Wissenschaften bei ihren Schutzbefohlenen nachzugehen, sodann aber besitzen auch wir mehr als ein Buch, welches die Physik des täglichen Lebens in unseren Volkskreisen behandelt. Dieses aber unterscheidet sich nicht dem Wesen, sondern höchstens dem Grade nach von dem der Naturvölker. Hinsichtlich des Verständnisses physikalischer Vorgänge schließlich besteht nicht einmal mehr jener Gradunterschied. Weder Wilder noch Weißer gibt sich überflüssigem Nachdenken hin.