Das jugendliche Herz, dem zuerst eine Wirklichkeit gegeben wurde, aus welcher die Phantasie schlechterdings keinen Geliebten bilden konnte, giebt seine Liebe an die Natur und die Sehnsucht. Dadurch bekommt sie etwas Allgemeines und Wehmütiges, und so ist der Grundton der ganzen Dichtung angegeben, welcher selbst aus dem Jubel über den gefundenen Geliebten hervorhallt. Er bleibt wie ein Glockenklang, der von dem Grabe herkommt, in welches die Freuden dieser Liebe früh versinken sollen.

Selbst diesen Freuden entzieht sich die Geliebte, um der Freundin wohlzuthun. Das weibliche Gemüth kann die Wonne der Liebe, nur nicht die Liebe aufopfern, um Pflicht und Wohlwollen zu üben.

Die Sprache dieses Buchs ist wie die Liebe selbst. Heloise heißt seine Ueberschrift; denn dieser Name ist Symbol für die weibliche Liebe geworden.

Berlin im December 1808.

Woltmann.


I.

So hat denn der Tod das Band einer unglücklichen Ehe gelöset, und ich bin Wittwe, bin frei. Ist es Betrübniß, was ich empfinde? Die Freude wenigstens ist meinem Herzen ferner, als der Gram: ich bin sanft zur Wehmuth gestimmt.

Auch wenn man nicht glücklich im ehelichen Verhältniß war: so schlingen doch tausend Erinnerungen, worin des Gatten Bild verwebt ist, tausend kleine Gewohnheiten, die auf ihn Bezug hatten, ein Band um Vermählte, dessen Auflösung dem fühlenden Herzen schmerzlich wird. Das Licht der gesenkten, verlöschenden Fackel, fällt auf das Gute des Sterbenden, auf unser Unrecht gegen ihn; und der Schatten des Todes bedeckt seine Fehler. Ich habe nie am Abend meinen Gemahl verlassen können, wenn er mich beleidigt oder gekränkt hatte, ohne ihm versöhnt eine gute Nacht zu wünschen; und nun sollte er den langen Todesschlaf schlummern, ohne daß ich ihm vergäbe, ihn von ganzem Herzen beweinte? Ich habe nie seinen Tod gewünscht: das Gefühl des Daseyns, das ich am Busen der ewigen Natur dankbar mit jedem Athemzug der balsamischen Luft in meine Seele trank; das Geräusch der leisen ahnungsvollen Stimmen der lebendigen Schöpfung, das mich oft in Träume wiegte, und meinen Geist in schwellender Sehnsucht nach einem unbekannten Etwas, durch das weite Weltall hinauf zum Vater der Liebe trug; dies alles soll er nicht mehr empfinden? diese Luft nur das Gras auf seinem Hügel berühren? diese Töne sollen über sein Grab verklingen, ohne daß sie ihn wecken; und ich soll ihn nicht beklagen? mich nicht anklagen, daß durch mich sein Daseyn nie so süß ward, als ich es ihm hätte machen können? Nein, Guter! ich darf nicht sagen, Geliebter! wenn dein Geist von mir weiß, so nimm in meinen Thränen, in Deinem unentweihten Andenken, den letzten Zoll der Freundschaft, der Achtung!

Es ist mir, als müßte er in jenen Gefilden, eine Ahnung von meinem Kummer, und Freude daran haben. Wir alle scheiden doch ungern aus dem Lebensreiche, ohne betrauert zu werden; und sanft und freundlich geleitet der Gedanke an den Schmerz der Hinterlassenen, uns hinab in das stille Land des Friedens.