Sein südlicher Bruder in der vagierenden Weise, Zeitgenosse wie Hille der Wallot, Bleibtreu, Hart, Henckell, Mackay, Wille, Oswald, Puttkamer, der Kretzer, Hartleben, Hirschfeld, Halbe, Bierbaum, Gumppenberg, M. G. Conrad (wo sind sie außer dem wüsten Panizza und dem tapferen Conradi?) sein südlicher Genosse in der Masse der Übergangsbegabungen, von denen keiner der deutschen Dichtung auch nur Anstoß oder sich selbst die Berechtigung seines Daseins zu beweisen verstände, sein südlicher Bruder ist Altenberg. Es ist fast, als breche hier die Spitze ab der Entwicklung, denn, obwohl er den Ton hat, bohrt er ihn in alles moderne Gekröse hinein, läßt wie zum Scherz durch Sanatorien und Pathologien ihn zwitschern und postuliert seine seltsame Figur zur Sehenswürdigkeit der Großstadt, daß bald der Ruf seines Gehabes, seiner Einfälle und seines Treibens mit Dirnenverehrung und narrenhaften Vermummungen seines Leibes fast mit Unrecht seine dichterische Note übertraf. Ja er versuchte wohl, schlau wie die Naturkinder, den raffinierten Europäer dieses Jahrhunderts durch seine Späße zu zwingen, sein Leben zu zahlen, jedoch, indem er seinen Lebensstil in den Vordergrund bluffte, hielt er seiner Dichtung eine verzweifelte Wacht. A corsaire corsaire et demi. Als Spaßmacher entriß er dem modernen amusischen Menschen sein Geld, dahinter schuf er neben Eduard Keyserling den einzigen Versuch eines Impressionismus in Deutschland, der sich neben Bang und Jakobsen halten könnte und führte eine neue, etwas alberne Drolerie in die deutsche Dichtung. Aus Nervenschwäche und Spielmannston, aus Menschenliebe und Verrücktheit, aus einer zeitlosen Heftigkeit seiner Gesichte und bescheidenen Anmut des Stils machte er seine Komik, die in der inneren Klarheit des Tons über Paul zu den tumben Sängern besserer Epochen führt.

Auch er hielt die Hand in der Luft und in der Luft hing ihm entgegen das geheimnisvolle Schlagwerk, das auch den Verschnittenen und Buckligen erscheint, wenn sie erlesen sind. Die Deutschen sind ein Volk der Zufälle, und selbst an den Unmöglichsten kann die Stunde herantreten, zu der er auserlesen ist. Sie sind mit einer gewissen Haltung irgendwo gestört und auf der anderen Seite voll Glanz. Sie haben, was Bonaparte von Murat sagte, er sei ein Narr aber der beste General der Kavallerie, oftmals scheinbar als eine der sichersten Tugenden ihrer unbestimmbaren nationalen Eigenschaften.

Manchmal hat sich jene deutsche Melodie, da die Erwachsenen sie nicht verstanden, zu den Knaben geflüchtet und dort mit einer Zartheit des Empfindens den Einzug gefeiert, der, wie dem genußsüchtigen Smyndiridus das gefaltete Rosenblatt, jede Berührung mit der Welt die Wollust trübte. Da kommt dann in der Gebärde ästhetischer Zärtlinge, mit primitiven aber samtenen Worten weltunwissende Unschuld des Gefühls wie im Paradies heran. Selbst das Homosexuale hat bei Eckart Peterich einen stillen Adel erreicht und ein idyllisches Entsetzen entsteht, wenn der junge Dichter, dem ein sanftes Weib in der Schlafstube erscheint, zum Lavoir flieht und mit Wasser sich begießt, statt von der Großäugigen sich verführen zu lassen. Denn wie Kurzbold, des nahen Limburger Domes Gründer, haßt er die Weiber wie das Äpfelessen, und aus dem Dunkel seiner Hintergründe taucht die Welt der silbern bestickten Gobelins mit Heiterkeit und Ruhe. Fragen der Kunst scheiden aus, wo nur die Atmosphäre des geteilten Lichtes spricht. Man zerstört nicht den Charme, wenn man nicht aufspießt und, indem man sich des Vergnügens nicht beraubt, rührt man nicht an die Zerbrechlichkeit der Werte.

Etwas viel Künstlicheres ist von derselben Farbe unter dem Schweizerhut des Robert Walser, der schon aus der unliterarischen Heiterkeit dieses Knaben tief in die Literatur springt. Das ist ein Maler, wenn er anhebt, und ein eitler Wissender wenn er aufhört, denn wenn er wie in ein Stereoskop die Welt bunt hineingepappt hat, hat sie den Glanz des Salomon Geßner verloren, dem sie nachgebildet ist, weil statt ihrer eigenen Einfalt die gespreizte Jünglingshaftigkeit ihres Dichters darin sitzt. Das Geckentum Walsers, der nur in ewiger Schlankheit die Welt nicht gläubig erleben, sondern in seine Tirolerjodler hinein blasen will, ist das gleiche wie das des Wilhelm Schäfer, nur daß der Schäfer mit seiner breiten Brust und seinem enormen Können ein böser Raunzer ist, der seine Verkanntheit mit naturburschenhafter Eitelkeit verbrämt.

Der Schäfer hat prachtvolle Sachen über Pestalozzi geschrieben, aber die Dunkelheit seines Blutes genügt nicht, ihn anders als einen Epigonen des Keller gefärbt zu sehen. Auch in den „Kammachern“ Kellers sinniert jedoch derselbe Vogelsang wie in den Jugendträumen Hermann Hesses. Und selbst der ungeschlachte Schlesier Stehr, dieser rührende Zu-Nichts-Kommer, hat manchmal den Wunsch, wie ein Füllen aus seiner Elefantiasis auf die Weide zu springen. Es scheint manchmal, die Deutschen vermöchten, wenn ein Kunstgriff ihnen die Änderung der Natur erlaubte, sofort aus ihren Gegensätzen sich zu lösen und mit Vorzug in der Lage zu sein, auch in der Form der Vögel zu existieren.

Aber auch die Prinzen haben sich an dem Rand der großen Symphonie deutscher Dichtung eingestellt. Aus den Märchen schon hob sich die leichte Grazie der mit seltsamer Jugendwürde verzauberten Edlen und manchmal trägt einer den unsichtbaren Kranz noch durch unser Jahrhundert. Sie sind bestimmt rasch zu sterben. In den Briefen des Zeichners Thylmann, der Bäume und Felsen geliebt und gezeichnet hat, hält einen Augenblick diese geheimnisvolle schlanke Würde. Er kam ebenfalls aus dem Kreis des Dichters George, der die Barbarei beging, so sehr es seiner salbentrunkenen Weltentrücktheit widersprach, durch Vergewaltigung in Taggesängen und Minneliedern das Mittelalter zurückzwingen zu wollen, das er selber nicht besaß. Seinem Schüler Thylmann aber gelang es, auch den märchenhaften Farbton neben die überlegene Würde des unbewußt erlesenen Menschen zu setzen und seiner Prosa eine schicksalshafte Kindlichkeit zu geben, die der schlanken Maße und der Reinheit der Haltung nicht vergaß.

Wurden die Prinzen früher verzaubert, genügte es ihnen, die Welt zu durchstreifen als Bettler oder Hirtenjungen von uns unverständlicher Grazie. Als sei des abgeschossenen Thylmann Seele in die Augen eines anderen getreten, geht sein Geist, nur ein wenig verwildert, durch die Sehnsucht Hans Siemsens. Denn auch dieses Vaganten Stimme hat die gleiche Kurve, in der der Fall von Glück und Traurigkeit und das Sichablösen der Stimmungen von der Landschaft hin und herschwingt und wo jede Frage schon ohne Erwartung ihres Echos angestimmt wird. Denn es ist bestimmt, daß diese Menschen unbegreiflicherweise dem Zustand ihres Glückes am nächsten sind, wenn es ihnen am entferntesten schaukelt. Denn es genügt ihnen, nichts zu haben, nichts zu erreichen, nichts zu wünschen, sondern nur großäugig zu staunen und zu bewundern und höchstens ihrer Besitzlosigkeit eine gewisse Gepflegtheit ihrer Körper wie ein heimliches Erkennungszeichen hinzuzufügen. Wäre sein Ansehen und sein Einfluß nicht zu deutlich, würde man den Meister in der Erziehung zur Schönheit dieser Jünglinge, den Sammler des Maler-Zöllners Rousseau, Wilhelm Uhde, leicht von ihnen weg zu den reinen Ästheten stellen. Es wäre ein Irrtum. Die Breite seines Romans von „Fortunat“ entspricht allerdings nicht seiner Gewalt, und seine Ründe sicher nicht seinem Aufbau, und es ist überhaupt bezweifelbar, ob der ein Künstler ist, der ihn schrieb, und nicht ein Bewahrer ausgezeichneter Traditionen, die, wenn auch überkultiviert und ein wenig blaß in der Farbe, dennoch die leichte Lösung unserer Krämpfe eher begünstigen, als daß sie sie bekämpften. Denn in der Ansicht mehr als im Ausdruck und in der Pflege seiner Idee von der Melodie mehr als in ihrer Ausübung ist hier die schlanke Grazie alter Farben gehütet, und wenn all diese Jünglinge auch Zärtlinge sind und Wollüstige und ihre kleinen Begabungen mehr als Lohn einer gewissen Verweibtheit als tiefer Abgründigkeitsqualen um die Kunst tragen, so nimmt ihnen kein Vorwurf die Anerkennung ihrer Existenz, mit der sie, wohl schmaler und feiner und unmännlicher als andere aber lebend und existierend mit ihren Melodien hinter den Reitern des Mittelalters her ziehen. Manche als Kavaliere wie Uhde in der Berline mit sechs Pferden, manche mit Kindertrompeten und Drachen, die über ihren Händen im Herbstwind steigen, manche auf gezüchteten Pferden oder bukolischen Ziegen oder auf den Rücken ihrer Freunde, in einer fast immer schon in dem Blau verschwimmenden Bewegung, mit dem die Luft sich unter ihre Körper schiebt und sie entführt.

Auch auf den geschnäbelten Wikinger-Schiffen der Dichtung hat sich der Ton gehalten, und als ob seine Galeere sich piratenhaft vom Domfirst höbe, schwingt René Schickele seine fast kämpferisch helle Melodie. Er ist der schönste und bewundernswerteste deutsche Dichter der Gegenwart. Wie Schickele schreibt keiner das Deutsch, daß es Prosa bleibt von aquamariner Dichte und doch Gesang. Sein Buch „Mädchen“ sind die schönsten und reinsten Erzählungen unserer Sprache seit Jahrzehnten. Er hat die Fülle seiner elsässischen Heimat zu der fliegenden Kraft seiner Sätze gezogen, und was die anderen alle an Kunst nicht erreichten, sondern an Anmut nur wiesen, hat er mit einer schmetternden Kühnheit auch an dichterischer Gewalt noch seiner Eleganz hinzugefügt. Hinter ihm wendet mancher sein Gesicht um in die Zeit. Da beginnt schon Gegenwart und manchmal grenzt das Träumen der Jünglinge schon an die Weite der Welt und nimmt den Kopf in die Hand und denkt nach. „Karlos und Nikolas“ ist die Geschichte zweier Jungen von einem gewissen aus Argentinien gekommenen nach ihm zurückgekehrten Rudolf Johannes Schmied, aber die Deutschen sollten dies Buch kennen wie die Franzosen Daudets „Lettres de mon moulin“ oder den „Tartarin“. Hätten sie Sinn für die Bescheidenheit und zugleich Sicherheit gegenüber der Welt, für Phantastisches, das mit Belehrendem sich mischt, für die Eleganz ihrer Schwächen und die Größe der Welt und die Anmut selbst in der Verzeichnung ihrer Typen, in Schulen und Auswärtigen Ämtern würde dieses Buch aufgestapelt. Ach die Deutschen flüchten lieber, weil sie den Glanz ihres tieferen Wesens auf dem Grund der Dinge nicht mehr sehen, zu den Plakaten, reißen sich um antisemitische Schmarren des Herrn Dinter, um erbärmliche Schlachtgeschichten des Bloem, um Borussiaden, die nur das Fatale, nicht das Edle der Preußen zeigen und wenden sich wie von läppischem Unrat von ihrem eignen Herzen. Seltsames Volk, das sich mit den Klappern der Wilden Götzen baut, wo es Götter hat.

Einmal mischte sich die alte zärtliche Melodie sogar mit Handlung und Urteil. Über Schmieds Distanz zur Welt geht Robert Müller zum Angriff. Er ist primitiv und raffiniert. Seine Frische hat eine sportlich gepflegte Gedanklichkeit. Aber sein Naturburschentum ist nervös. Wo er an die Grenze des landschaftlichen Dichters kommt, fängt der in großen Zusammenhängen kombinierende Journalist an. Wo die Gefahren des Reporters liegen, steht seine Tatkraft aufgepflanzt. Denkerisch bringt er im „Barbar“ manche Kühnheit, handelnd einen Pfauenschwanz von Zeit.

Dazwischen geht der Ton des Dauthendey wie auf Wiesen und läuft, bestimmend zwar und wichtig, aber fast unsichtbar zwischen trainierten Muskeln und geschultem Hirn in die europäische Arena, einer Troyka gleich, deren Außenpferde ziehen und deren drittes nur schön ist und die Richtung gibt, sonst nichts.