Da gibt es nach dem Durchbruch eine Luftschicht, wo unten sich Befeindendes zusammenrückt. Man ist unter sich, Cervantes, Chrestien von Troies, Tomas a Kempis und Hutten, Heine und Hölderlin. Zola und Maupassant. Man darf in dieser Höhe die unten wichtigen Unterscheidungen der Stile nicht zu ernst nehmen. Man tut es im letzten Grund überhaupt nicht, auf Gipfel, Kerle, Leistungen bedacht. Die kleinen Gefühlvollen haben den großen Dichter deutscher Prosa einen Ästheten genannt. Manchmal war er allerdings gegen feuchte Hände und Röllchen. Es war ein Reinlichkeitstrieb, den selbst Papageien und Hunde haben, mit Dichtung hat dies nichts zu tun. Fortgeschrittene liebten ihn wegen seiner Milieus und seiner Gefühle. Sie waren nicht gefährlich, auch Gouvernanten erkannten im Leben der Vielen, die sich selbst unterdrückten, ihre geschundene Kreatur wieder und beschlagnahmten ihn für sich. Kenner aber statuierten ihn zum Impressionisten. Liebe Ahnungslose, er war nicht von euch, der das Martyrium reiner Menschlichkeit in zu sehr auserlesenen Exemplaren zu Hyperbel und Schleife über den Schicksalsrücken zog. Indem er jenseits von Kunst stand, weil er zusehr sie beherrschte, war er nicht mehr kategorisierbar. Wohl war nicht stark seine Hand, ein Knick in jedem Buch, langsam das Blut und fadendürftig das Rollen des Vorgangs, aber es war ein Bild. Ein Erdbild. Schon als er begann es auszusprechen, war er Symbol einer Zeit, die fast nicht mehr bestand, als er endete, war sie vorüber. Ihr Weltgefühl ist nur noch in seinem Werk. Ein kleiner Narr nur redet von Kunstform vor solcher Wölbung aus der Jahrhundertkurve. Dieser Mann nur, nicht Hauptmann, nicht Thomas Mann, nicht euer dummer Liliencron, kann auf solcher Höhe mit solchem Anspruch neben France, Chesterton, D’Annunzio auf irgendeinem Olympos der Völker, wo schon nicht mehr um Forderung und um Zeit gefeilscht, sondern um Repräsentation der Gefühle und Gezeiten gefochten wird, in erster Linie und mit der Haltung solcher Würde eingeführt und empfangen werden.

5. Dichter — Zeit — René Schickele

Die deutsche Dichtung ist sehr stark in die Politik getrieben. Es begann schon, ehe die Probleme von damals Katastrophen wurden. Das Ästhetische und Artistische, das sich in müder Prätention auf den Oberflächen sehr sicher lagerte, brach mit einem bestürzenden Ruck ein und sah sich einer Phalanx gegenüber, die entschlossen diese Generation bei Seite legte. Der Krieg machte dann die Atmosphäre aufs äußerste zugespitzt. Aus seinen Zuckungen erwächst der Jugend, dem Nachwuchs, überhaupt der ganzen Masse der Dichter und Künstler die politische Verschmelzung. Die soziale Idee dringt rasch in den Mittelpunkt. Sie wird nicht mehr naturalistisch nachmalend geformt, wie Zola es tat (der ein genialer Riese war, und mit der monumentalen Wucht der aufeinandergeschichteten Tatsachen cyklopische Wirkungen erreichte, wenn auch nicht künstlerische in dem Sinn, wie wir Gestaltetes verstehen) vielmehr ist das Soziale und Politische nun nur eine Umschreibung, ein Deutlichermachen der Begriffe Gerechtigkeit und Liebe, ein kosmisches Hineinschwärmen, ein tapferes Reiten für die Internationale des Geistes. Immerhin: es ist selbstverständlichstes Thema geworden, sogar so sehr, daß die Polizisten dieses literarischen Links-Terrains schon Gesinnungslosigkeit riechen, geht ein Dichter auf Minnesang oder Weiberabenteuer. Ja es wurde so sehr fast Konjunktur, daß junge Leute statt mit fester Arbeit mit tendenziösen und pazifistischen Gedichten sich in die Avantgarde hineinpauken wie Korpsstudenten ehemals mit Mensuren. Es kam so weit, daß, in Deutschland wie in Frankreich Worte wie Pacifismus, Demokratie, Politische Literatur bei den Aufrechten und Ehrlichen in jenen Verruf gekommen sind wie alle Altäre, deren Schwurempfänge die größten Lügenposten sind. Die Aufrechten müssen flüchten aus den Zirkeln, die sie selbst gegründet haben, weil die Hyänen mit den Masken der Frommen und Begeisterten die Zäune übersteigen. Aber selbst diese äußersten Fälle haben innere Figur, gestalten das Bild ins Typische. Die Idee marschiert, man muß sie schon vor den eigenen Sklaven schützen. Unter dem Gesicht keines Dichters aber kommt die politische Lagerung so deutlich und echt und schon so früh heraufgeschwommen wie aus dem Schickeles.

Er ist Elsässer, als Dichter das Bedeutendste, was dieser Grenzstrich seit Gottfried von Straßburg abgestoßen. Es gibt schlechthin in Deutschland nichts, was an spiritueller Bewegtheit, an Buntheit, Geist und Weisheit auch annähernd nur die maskuline Eleganz dieser gallisch-allemanischen Figur erreichte. Seine Abstammung, seine Heimat rückten ihn in den Brennpunkt der Weltkatastrophe. Damit die Revolution im Osten zustande käme, hat die Vorsehung es wohl gewollt, daß die Verständigung im Mittelpunkt Europas nicht erreicht würde. Denn hier mehr als am Balkan lag das Gespenst. Und hatte unter der dritten französischen Republik auch anfangs die Kriegsidee etwas Verachtetes und Überwundenes, dem auf internationale Weltfreiheit eingestellter Blick kaum Bedeutung beimaß, so sprengten beim ersten Anstoß die atavistischen militärischen Instinkte die republikanische Bonhomie und entfachten mit Elsaß-Lothringen als Kampfruf die nationalistische Gebärde. In Deutschland war noch weniger Verständigung. Man wies Jaures aus, der als einzige Möglichkeit den Frieden zu erhalten und die deutsch-französische Verständigung als „pivot de la politique mondiale“ zu verwirklichen, die Verleihung der Autonomie an Elsaß-Lothringen innerhalb des Deutschen Reichs gefordert hatte. Das hätte den Krieg gebremst. Aber im Sommer Neunzehnhundertachtzehn noch, als Einsichtige in Berlin und im Hauptquartier wie Tiger dafür kämpften, war niemand da, der, um sein Volk zu retten, dies bißchen Freiheit konzediert hätte. Man war mit Blindheit sehr geschlagen, wie dies bei allen großen Katastrophen im Lager der Machthaltenden ist. Man schließt die Ventile, bis die Kessel platzen. Die Vorsehung hat es wohl so dirigiert, daß die Explosion ihr die erwünschte Möglichkeit war, Kräfte zu steigern und frei zu machen. Aber einige wenige Köpfe, denen der Einsatz von Millionen Toten zu hoch schien, um diesen Preis zu erlangen, hatten wie Löwen und Irrsinnige ihr Hirn wund gestritten, um es billiger zu haben. Sie kämpften seit einem Jahrzehnt, je mehr die Kriegsseuche heraufschwoll, den elsässischen Reizkörper zu entfernen, indem sie ihm durch größere Freiheit die Glätte und die Beweglichkeit gaben, ohne Reibung und Verwundung zwischen den beiden Ländern zu rollen, glatt und vermittelnd, wie dies die große kulturschöpferische Aufgabe des herrlichsten aller Grenzländer sein muß, wo zwei der besten Völker der Erde sich schon so deutlich im Körper und im Geist gemischt haben. Zu ihnen gehörte die geistige elsässische Jugend, darunter der sehr unwillig in solchem Krieg gefallene Ernst Stadler, dessen Herz ganz von einer großen Internationale dröhnte, und den es zerriß, das heldenmütig tun zu müssen, was er aufs heißeste bekämpft hatte: in dem Völkerhaß eine Rolle zu spielen. Alle diese jungen Leute wollten für das Grenzland die Autonomie. An ihrer Spitze Schickele.

Man hat nie begriffen, daß die Elsässer sich nie als Deutsche oder Franzosen dachten, wenn sie ihre Mission auf diesem Gestirn überlegten. Sie hatten lediglich die Sehnsucht, sich selbst, also, nicht wahr, Elsässer zu sein. Eine ganz eigene Sache, was sie ja auch, wenn nicht der Politik oder der Geographie nach, sondern um ihrer Mentalität und ihrer überleitenden aber hartnäckigen Situation halber waren. Übersahen sie ihren Standpunkt und die Entfernung zum Ziel, so war es nicht ihre Schuld, wenn sie von Deutschland gar nichts, von Frankreich immerhin Einiges zu erwarten hatten. Die Schwenkung nach Frankreich war also ein taktischer Schritt zur Freiheit, aber nur der erste und eine Etappe. Die Bewegung wird nicht stille stehen, und zweifellos aus Frankreich genau so hinausführen, wie aus Deutschland und wird erst ein Ende haben, wenn die Autonomie da ist. Dann wird dies so oft eingeschlungene und ausgestoßene, reiche und paradiesische Land, das diese Wanderung mit vielen Läuterungen, aber auch vielen Schmerzensrufen unternommen hat, die Plattform sein einer neueren und europäischeren Gesinnung und Berührung der Geister. Man muß sich das ohne Haß und mit viel Hingabe klar machen und ohne jede nationalistische Voreingenommenheit sich einstellen. Denn hier ist einer der seltsamsten Prozesse im Werden, der für die neuen völkerschaftlichen Beziehungen von einer taktischen Bedeutung ist wie der Sozialismus, denn er bedeutet das Sichpräparieren eines Erdstücks auf den Übergang aus nationalistischen Grenzen in sich selbst und darüber hinaus ein Zusammenführen der beiden noch getrennten anderen Gebiete über sich ineinander. Ein Bindeglied, das sich in beide auflöst und die beiden damit aus ihren Grenzen reißt und entnationalisiert. Diese Aufgabe, die das Elsaß in sich trägt, seit jeher aber nie erreichte, ist erst möglich, wenn es selbst im Zustand der letzten Glücksphase eines Volkes angelangt ist, in dem der Freiheit. Wer aber diesen Gedanken schon immer liebte, propagierte, den Tauben in die Ohren schrie, Weltfrieden damit stützen, Militarismus damit stürzen, irgend einen paradiesischen Zustand damit heraufführen wollte, es nicht erreichte, aber auch im Zusammenbruch all seiner Pläne, im Krieg, die Fahne hochhielt, immer höher: Schickele.

Er machte den Kampf gegen den Krieg. Alles, was eigentlich seither über Politisches, Geographisches und Landschaftliches gesagt ist, ist über Schickele gesagt. Es deckt sich vollauf das Persönliche und das Allgemeine. Man muß diese Dinge sehr genau und mit aller Wahrheit und voll Nachdruck sagen, damit sie unbefangen genommen und in ihrer ganzen Kühnheit begriffen werden. Schickele kämpfte gegen den Krieg. Er stellte sich außerhalb dieser Dinge, wo Feldherren und Völker sich töteten und die Grenzen der Länder wie Goalstangen hin- und herschoben. Er nahm keine deutsche Partei. Aber auch keine französische. Er trieb eine europäische Politik, und es mag sein, daß er, Elsässer (das heißt weder Deutscher noch Franzose, sondern in diesem Fall fast schon Bewohner eines fremden Sterns, denn wer war sonst außer Planetenbewohnern ohne Haß), daß er als Elsässer, die Situation klug bedenkend, taktisch denselben Ruck machte wie das Elsaß und den Sieg des demokratischen Gedankens und der Befreiung des Elsaß mehr von einer Demütigung des deutschen Militarismus erwartete als von der des französischen. Hier muß ein Akzent gemacht werden. Schickele war nicht für einen französischen Sieg, er war überhaupt für keinen Sieg, weil er nur ein Imperium des Geistes liebte und jede Gewalt bekämpfte, sei sie für Wilhelm den Zweiten oder für Lenin. Er glaubte höchstens, wie viele der besten Deutschen, daß eine Niederlage des militaristischen Geistes das deutsche Volk im Sinne der Humanität und der Liebe weiter seiner Vollkommenheit und seiner Mission entgegenbringen werde. Sein Kampf war kühn, tapfer und ehrlich. Aber er ist in die furchtbarste Lage gekommen. Die Menschen verstanden ihn nicht. Die Deutschen schalten ihn Deserteur. Die Franzosen machten eine Kampagne gegen ihn als Kompagnon Erzbergers und Beteiligten an der deutschen Propaganda, obwohl Schickele Erzberger nicht kennt. Die „Tägliche Rundschau“ nennt ihn einen Vaterlandsverräter und übergießt ihn mit jener Mayonnaise, die an Verleumdung, Verdächtigung und Deutsch der Gosse ein wesentliches und penetrantes Requisit der alldeutschen Presse ist. Der Führer der Elsässer, Grumbacher, der aus der Schweiz heraus den Krieg bekämpfte, dämpft den französischen Aufruhr, indem er im Mühlhauser „Republikaner“ für Schickeles unantastbare Ehrlichkeit eintritt. Aber er zeichnet Schickeles Bild nicht als das des Europäers, sondern malt seine Gesinnung mit den Farben der Trikolore, den Farben, die nur den Durchmarsch der Elsässer auf dem Weg zum eigenen Volk umgeben. Das verdirbt seine Stellung wieder gegen Deutschland. Und kürzlich veröffentlicht die französische Regierung den Erlaß, daß Schickeles Altersklasse zu den Fahnen gerufen werde, als mobilisiert betrachtet sei. Und Schickele, durch die Annexion seiner Heimat Franzose geworden, Schickele, der den deutschen Militarismus bekämpft hat, steht dem französischen nationalistischen mit der gleichen Geste gegenüber. Schält sich nicht aus so zwischen zwei Fronten hin- und hergehetzter Figur, aus solch zwischen den Heerlagern der Völker von Mißverständnissen umwölkter Person die europäische reine Menschlichkeit? Die Linie seines Geistes liegt von vornherein klar. Seine Taktik, sein menschlich sichtbarer Weg ist der seines Landes. Nur Narren können hier verwechseln und die Idee da nicht sehen, wo sie schon siegt.

Was Schickele in solchem Kampf zu sagen hat, das ist die „Genfer Reise“. Es ist ein Buch, so üppig wie seine Landschaft, mit schräger Sonne und muskulösen, herben, doch von starker Grazie geführten Vogesenzügen, an deren Abhängen der Wein wächst und über denen französische Winde und deutsche Wolken stehen. Dieses Buch ist locker komponiert. Es schlingen sich Marginalien um eine Reise von Zürich nach Genf. Aber immerhin ist in dem Buch das Bedeutendste gesagt, was ein Dichter Geistiges über den Krieg gesagt hat. In Sätzen von blühendster Kraft und springender Schönheit verblutet ein europäisches Herz, das keinen Augenblick bereut, sich an einen Ort begeben zu haben, dessen unerhörte Kühnheit den Lebenden noch zu nah ist, um gebilligt zu werden, dessen großer Kampf gegen den Kampf und das heißt gegen die Welt, aber nie das tapfere Echo verlieren wird, solange noch Jünglinge da sind und mutige Männer, die den Herzschlag weitertragen in eine Epoche, die unsere Zeit mit dem Abscheu besieht, den das wahre Menschliche der Barbarei gegenüber unentwegt getragen hat. In dem Buch stehen Novellen, die Essais sind. Aufsätze von der Anmut tiefer Erzählungen und der spröden Glätte und Durchsichtigkeit der Sprache. Es ist bezaubernd und weise. Spielerisch, aber unter der vollendeten Form das Tiefste nicht verschweigend. Als selbstverständlich und darum aus leichtem Handgelenk gebend, was eigentlich großes Wagnis und überzeitliche Kühnheit ist. Die Hüften der früheren schönen Göttinnen sind darin gemalt, die Säulenheiligen, der duftige Mai, in dem die Kathedralen liegen, die heidnische Fruchtbarkeit eines Landes, das eine Normandie hat und gleichzeitig bis in die Levante sich schiebt. Dazu ist die Blondheit, die Strenge des Gemüts des Germanen gegeben. Zur Phrase die Sachlichkeit. Der sittliche Ernst zur Begeisterung. Das tieflangende Schwert zum schmalen Segelboot. Etwas ganz Germanisches, das sich auflöst in schöne Segelschwünge. Ein schweres Flugzeug manchmal mit zärtlicher Flügelstellung. So und ähnlich ist die Tragödie des Menschen im Krieg beschrieben. Die Not des Geistigen und die tiefe Trauer dessen, der aus dem Hüben und Drüben zu einem Über-beiden-sein will. Das Buch ist locker komponiert, weil es viel umfassen will, es ist ungemein viel geschaut und gezeichnet, was an Ideen und Menschen Schatten warf gegen die Wand dieses neutralen Landes. Der geistige Mensch reißt sich unter heftigsten Qualen von allem los und läutert sich langsam zu den übernationalen Erkenntnissen des reinen Geistes. Wenn einmal das, was heut noch französischer Mensch, deutscher Mensch heißt, in einer utopischen, aber nicht weniger realen Zeit sich zum Idealtyp mischt, wird ein Name ausgegraben: Schickele. Es war alles bereits in ihm. Der gallische Hahn hatte hier schon Gründlichkeit, die deutsche Barke einen grazilen Fock. Auch wurde hier mit Tapferkeit der Seele mehr wie von Priestern der Konfessionen und nicht minder fanatisch und bis ins letzte brav und ehrlich wie von jenem Rabbi Jeschua von Nazareth, männlich und zwischen den Schlachten der Welt, Liebe gepredigt. Man wird sehr verblüfft sein über die Entdeckung.

6. Der neue Roman und Herr Wassermann

Tut Euch nicht dick, Freunde, die Ihr aufs Neue stolz seid. Das war erst der Durchbruch. Noch schleift Ihr die Schenkel Euch ab um den Roman. Nichts ist da, was wie ein Globus kompakt und glasig, wie ein Kuheuter am Belchen voll Saft, kühn wie ein Verführer und voll Zeitdonner und Anklage wie die Stimme Jaurès. Eingänge nach Licht sind geschlagen, die Novelle steht im besten Saft. Noch rauft Ihr um Programme und blökt um Ziele, aber das Querschnittbuch ist noch nicht geschrieben. Weltgefühl ist da, addiert man die Zähler. Es fehlt die Repräsentation. Vous êtes foutus, ein Kropf hängt die Volkstragödie an Euren Hälsen. Wo Ihr bereit steht, endlich mit schönen Netzen den Kosmos einzufangen, fehlt Euch der Tüll, und die Schwünge sind Euch nicht mehr geläufig. Am großen Start versagen Eure Gäule. Noch habt Ihr wie Besessene ums Drumherum zu kämpfen, während Ihr vergeht vor Geilheit, den Geist zu fassen. Nie hatten Eure Vorfahren Zeit. Schließlich braucht’s fünf oder sieben Generationen, bis eine Volksart nationalen Ausdruck findet. Wir wurden nach zweien jeweils von den Nachbarn wegen Ungeheuerlichkeiten erledigt oder schlugen uns nach dreien heulend, lachend selbst die Schädel ein. Als Ihr von den Terrassen Eurer Träume herunterkamt, den neuen Menschheitstag zu grüßen und empfangen, waren die Stufen zerschlagen und die Röte über den Seen kam durch den verwilderten Park nicht herauf. Eure Soldaten rühmten sich, mit Faust und Bibel im Tornister zum Krieg gezogen zu sein, welches Durcheinander, was hat beides miteinander zu tun und welche Dreistigkeit mischt hier Gott mit den Verdammten? Seht Ihr Euch um, ist Wahnsinn um einige Pyramiden gesammelt. Zwischen Balzac und Dostojewsky ist am Rhein nichts übriggeblieben. Kein deutscher Roman mischt Euer Blut mit europäischen Säften. Ihr habt da und dort ein paar Bücher (Döblins „Drei Sprünge“, Heinrich Manns „Kleine Stadt“, Hauptmanns „Quint“). Nationalistische Hybris will Euren Volksnamen degradieren, und, heulen sie deutsch, meinen sie Blöm und Herzog. Noch ist nicht ganz vergessen, wie sie im Vorzimmer des speisenden Kaisers mit Ganghofer die traurigen Siegesmärsche den kämpfenden Armeen zugetrieben. Deutsch heißt nicht annexionistisch, hat mit Talmud und Kalewala mehr zu tun als mit Generalkommando-Lyrik. Ausgleich muß einmal endlich stattfinden zwischen Eurem Charakter rein menschlichen Gefühls und dem Weltgeist, Zwiesprache zwischen Leid deutscher Kreatur und Demiurg. Das ist das einzige Alphabet göttlicher Dichtung, und nur, ob es sanfter oder wilder erschallt, ist ein Zeichen, ob’s serbische oder malayische Menschheit singt. Noch sind wir daran, Europa zu nivellieren. Man hört die russische Stimme, Dostojewskys in sich selbst verzehrte, Tankschlachten in den Nerven ausspielende, ungeheuer nach erlösendem Oben sich drängende Demut. Seine Landsleute kommen weiter in die Seele hinein, indem sie sich opfern, und die Thermopylen ihres Geistes beginnen stärker als die hellenischen Überlieferungen die Jugend zu ergreifen. Bei France und Flaubert kommt aus der souveränen Skepsis die Engelsehnsucht untadelig und elegant in der heiligen Prozessuale. Selbst die kleinsten Völker scheinen mit Schallrohren sich anzukündigen. Schweden mit Belman voran. Am Ende des Zugs für das allerkleinste mit Munch der Norweger Hamsun, neben Gorki und France der beste Mann Europas. Die deutsche volle Stimme ist nicht in dem Orchester. Einige untadelige Geister bemühen sich um Gehör, aber es scheint, sie schweben im Raum. Keiner ist da, aus dem wie aus einem apokalyptischen Maule die Musik eines Volkes bräche und stürze, und wo das deutsche Temperament, jene Mischung aus Güte, Barbarei und Hochmut, sich schrankenlos auflöste in die Einheit des Kosmos, dem sie diente und der Zeit, die sie schallend und freundlich einfügte ins Orgelgerippe ihrer Brust.

Man hat eh’ Ihr in die Flammenwerfer geworfen wurdet, Thomas Mann Euch vorexerziert als Wahrzeichen anständigen und deutschen Gefühls. Ach, aus seiner Welt, die er vornehm baute, kam keine Erneuerung. Nach wenigen Monaten, als die Katastrophenfeuer am magischen Horizont blitzten, rückte er ab wie die Gesellschaft, die er dichterisch vertrat. Es schwindelte ihnen vor soviel neuer Grelle. Heinrich Mann, den sie Franzosen schalten, trat in einen Kreis, der sich ums deutsche Spektrum nicht mehr stritt, sondern weitläufigere Sorgen hatte. Ihr verlort damals auch Dehmel, den bewunderten Streiter von früher. Der Süddeutsche Wassermann zeigte in einem Kartenspiel historischer Gestalten, was er für deutsch hielt (Charaktere), und stellte das meiste auf jenen preußischen Drilltyp, der, mit einem Funken Geist, damals Deutsches verkörperte. Narren machen Euch aus Temperamentsfarbigkeiten ein bürgerliches Bild des Nationalcharakters. Winkt ab. Gingen die Erbauer der Dome nicht nach Frankreich und lernten fromm wie Schüler, und ist die Gotik nicht steil wie die höchste sonntägliche Inbrunst Eurer heidnisch großen Herzen? Auch Franz Marc ist deutsch wie die Idillischkeit Eurer See, auch wenn seine Seele dorther kommt, wo aus byzantinischen Sprüchen und asiatischen Legenden Eure deutschen Märchen stammen. Ihr seid Söhne der Erde, die Asien, das Euch einmal austrieb, besonders liebte, und Europa ist so nahe und klein, daß in dem schmalen germanischen Herzstück ein weiter Ton gefunden werden müßte, der Euch mit großen Traditionen vereinigt. Der Stern, den Ihr bewohnt, hat sich lebhaft gedreht. Ihr seid mitgezuckt und habt durch den Spalt gesehen. Die früheren Generationen fanden nichts, den dreihörnigen Stier zu fassen. Vor Euch aber hat sich die Sperrkette gesenkt, und manchmal erreicht Euer Blick die Formen des neuen Paradieses. Schaut rückwärts, klagt an! Schaut vorwärts und preist und stachelt nach dieser Richtung! Es kommt nicht an auf Geschwätz, die Richtung ist eindeutig, die Anspannung ist nur noch vonnöten, der heroische Angriff, Impetus zum Heulen schön und zum Zerplatzen gewaltig. Endlich sind die Barrikaden gelüftet, die Dezennien vor den Freiheitsstraßen lagen. Schaut der deutsche Mensch nun lange über so weit ins uferlos Neue wogende Chausseen, wird er beruhigter und klarer an deutsche Seelenaufgaben denken. Atmet er eine Zeitlang in die Welt statt in Divisionsverbände, spricht er in ein Publikum von Europäern statt Generälen und Standeskonventikeln, wird er aus dem Hin und Wider auch seine deutsche Sehnsuchtsstellung zur Ewigkeit und der Erde erhalten. Was seither bedrängte, fiel ab. Man hat plötzlich den verantwortungsvollen Blick Europas auf Euch gerichtet.