Einmal scheint es, er habe es erreicht. Doch ist es eine Spiegelung gewesen. Je schwerer es wird, um so zäher wird er es versuchen. Es wird noch lange so gehn.

Aber es gibt keinen Weg ins Übersinnliche, weil es im Herzen selbst ist. Und wo die Einfachheit der Blutkanäle fehlt, kommt keine überlegene Geistigkeit hinein. Sein Schleichen um die paradiesische Wiese ist ein Zirkulieren um sich selbst. Er hat gezeigt, daß man Gott erleben kann auch aus dem Hirn. Er hat es gewiesen auf die edelste Weise. Auch Karl May würde auf seine Art es nicht unversucht lassen, dies Gleiche uns ebenfalls zu klären. Schon in dem Augenblick, wo nur der Gedanke auftaucht, er wolle ins Unsinnliche, liegt schon eine Welt zwischen ihm und dem Ziel. Wo er versucht, das Mystische zu beschwören, indem er auf die Wiese wechselt, springt ihm das eigene Hirn ins Gesicht und macht ihn blind.

Ich habe bei Hagenbeck in „Beasts and Men“ ersehen, daß er glaube, in den Sümpfen Afrikas würden ohne Zweifel noch Dinosauren leben. Kürzlich las ich in der „Times“, bei Port Elizabeth im Kongo hätte Herr Levage ein Vieh angeschossen, das einen Rüssel und zwei Nashörner hatte, vorne die Beine des Gauls, hinten zwiegespaltene Hufe und zwischen den Schultern schalige Wülste. Es werden dies, wie ich, auf dem Lande, in York, Chester, Norfolk, im Lincoln Wold, in Kingston, in Hornby, Australien, Neuzeeland, im schottischen Wigtown, in Haidarabad, im kanadischen Athabaska, am Missinaibi-River, im Betschuanaland, in Somerset, in Kent, viele einfache Menschen, Bauern, Neger, Kinder, lesen und glauben. Sie werden Gott näher sein wie Max Brod, indem er ihn am heftigsten beschwört. Ich zweifle nicht, eine solche Sache würde den Prager sehr reizen, aber er in phantastischem Intellekt oder in logischer Ausschweifung daran verderben. Ich glaube, er würde das Tier theleologisch erklären und auch der Tatsache des Wunders einen tieferen Sinn und eine humane Notwendigkeit verleihen. Das gute Tier bei Port Elizabeth aber frißt und liegt in der Sonne afrikanischer Wollust, leckt sich den Bauch und verdaut. Ich muß dies bei aller Liebe und Bewunderung zu so feiner Züchtung des Hirns hinzufügen.

Aber der Zeitgeist liebt Räderschlagen. Der Nichtjude Meyrink geht auf der Wiese spazieren. Er ist tatsächlich darauf anwesend und geht mit Selbstverständlichkeit in den jüdisch-mythologischen Bezirken sogar. Ihm ist dagegen sehr unwohl draußen im Lebenskalkül. Als der Krieg ausbrach, beschloß er sogar, als er mit dem Marktnetz, um Gemüse zu kaufen, nach München hineinfuhr, in eine Bank einzutreten. Doch halfen ihm die plötzlich einsetzenden Börsenhaussen seiner Bücher darüber hinweg. Ist er jedoch aus dem Erd-Gedrückten ins Übersinnliche gekommen, hebt sich ihm Tatkraft und Kopf, er wird gleich in Vollwichs erscheinen. Buber wird schmerzlich lächeln und diese Prosa als Schändung des Göttlichen empfinden. Darüber hat, da es ums Heiligste geht, wohl der feinste Jude nur das richtige Urteil.

Meyrink ist der bedeutsamste Groteskendichter (weil symbolisch) unserer Zeit. Er konnte früher fast allein überweltliche Atmosphäre gestalten. Gewiß war sie oft von außen her gekommen, aber schließlich drang sie doch in die Zimmer. Es ist etwas an Unerlöstheit schon daran, wie bei Kubin, wo zwar die Gesichte manchmal tadellos durch die Bewußtseinsketten stürzen, aber meist doch eine literarische Vorstellung bleibt. Auch mache ich das Kreuz vor den Erfolgsbüchern. Man befaßt sich nicht literarischen Erwerbs halber jährlich mit der Abfassung eines Buches um die letzten Dinge. Dennoch ist er schwer verkannt. Sein Wesentliches wird effektiv lange währen, wenn auch die Signale und Symbole, die er um sein Starnberger Haus gesteckt hat, mit manchen Winden nach der Zugspitze flattern werden. Aber aus Kolportage, Bordell und heiliger Handlung richten sich gleich Fahnenspitzen die Dinge immer ins Gespenstige und das Entscheidende tritt ein, daß es hieraus genau so sicher ins Symbolische geht. Also ist Größe oft nicht fern. Auch ist die Sprache oft von dichterisch gezähmter Kraft. Manchmal kommt er von Kubin bis Ensor und zu Munch. Und das Jüdische mit mittelalterlicher Ghettoverdichtung, mit Angst, die Berufung verlieren, die Ewigkeitsverbindung übers Leben hinaus, den Hineinbruch des Todes in die Lebensebene als eine Parallele . . ., das sammelt sich hier in einer Hellsicht, die vielleicht gartenlaubisch gefühlt ist, aber die Atmosphäre hat, den Prozeß, die Faust und das Gelöste. Und selbst die Fanatiker, die jeden, der in Deutschland mit Auflagen die Kaffeehausziffer überschreitet und Erfolg hat, als Karrieremann und Miesnick so lange verbrüllen, bis sie das gleiche erreicht haben und verächtlich nach hinten schauend lächeln über die zurückgebliebenen Radikalen, auch jene Hanswurste der falschen Entschlossenheit werden zugeben, daß ihm eine Reinheit des Gefühls sehr oft nicht fehle, die an eine schönere und übersinnlichere Welt ein aromatisches und gutes Erinnern trüge.

So wandelt er, vielleicht kitschig aber sicher, auf den mystischen hebräischen Wiesen. Es hat den Fünfzigjährigen verwundert, als die Antisemitischen ihm die Fenster einwarfen. Unten schaukelten seine Segelboote, oben las er im aufgeschlagenen Fachblatt: „Wenige unseres Klubs werden wissen, daß unser Ruderobmann Meyrink auch ein bekannter Schriftsteller ist“. Aber wie Großes kann aus jüdischer Dichtung kommen (schon Werfel zeigt es), wenn sie vom Hirn einmal wieder losgelöst ist und mit Meyrinkscher Geschlossenheit auf den Wiesen geht. Buber wird Wege wissen, wie dies zu erreichen sei. Wahrscheinlich wird die Zeit es noch umfassender verstehen. Umsonst ist das internationale Band durch die Palästinensische Invasion nicht um die Völker der Erde geschlungen.

15. Sternheim

Er hat die Zeitzusammenhänge am tiefsten und erbittertsten begriffen, schließlich ist er tatsächlich schier ein Komplex von Profetie. Er deckte auf, riß Hüllen weg, geißelte und spottete wie keiner. Ehrgeizig gab er sich selbst den Namen des Neuen Moliere. Damit man ihn gut begreife, machte er die Sprache zu Latein, wundervoll glatt wie ein Tänzerinnenleib aus Lodz, gespannt und schmal wie ein Negerbogen von Fungurume, elegant wie ein Zebrafell, totsicher in der Führung der Linie wie Gulbransson oder der Fjord bei Tvervik. Noch interessanter wie seine Stücke spielen seine Prosanovellen in der Arena. Eine doppelte Bühne ist gebaut, übereinander. Unten geht vor sich im Detail und peinlich genau gezeichnet der Lebenslauf eines Kriminalen, einer Köchin, einer Ladnerin. Oben marschieren in ihren Körperhüllen (scheints), ebenfalls aber schemenhaft, imperatorisch aufgeblasen, dantehaft, hölderlinisch verzückt ihre Gefühle. Zwischen den beiden Bühnen ist ein Brett. Später wird um das Groteske zu nehmen, eine Vereinigung nötig. Der himmlische Ausgleich soll bewiesen werden. Da von unten die Kocherls nicht von selbst nach oben flammen, die Schutzleute sich nicht aus eigener Kraft aufsalutieren können, da Bewegung des Irdischen unten mit der himmlischen oben noch auseinanderklappt wie Kinobewegung und begleitende Musik, wird ein Apparat zugezogen. Schleier fallen, Scharniere kreischen, Nietungen krachen, ein Looping the Loop tritt in Tätigkeit, die guten kleinen Kerle kommen in die Schleife und sausen mit Motorgepuff, Vergaserradau in die dritte Kurve und die obere Seeligkeit. Einige riefen Herrn Sternheim auf die Bühne, da es ihnen schien, er habe die Regie verantwortlich gezeichnet. „Un Dupe“ schrie ein verkleideter Heiliger, der von Gethsemane gekommen, und die neue parsifalische Verheiligung der niederen Menschen besichtigen wollte, verließ seine Loge und fuhr, auf franziskanische Schablone eingestellt, nach Kopenhagen, um den Minister und Gesandten der französischen Republik Herrn Paul Claudel, der immer noch nicht gegen den Versailler Vertrag protestiert hat, aber ein großer Gläubiger sein soll, zu besuchen. Es war dem Wanderer bitter um das Herz geworden, denn er gab Geist und Können leicht und billig hin in einer Zeit, wo, wie er vernommen, es auf Gesinnung mehr ankam und auf Bekennertum wie auf das übrige.

Doch tat er Sternheim Unrecht, indem er ihn für einen Buffone ansah und das Geknirsch der Maschinerie für die Taktiken eines Roßtäuschers hielt oder irgend eines Brouillon. Die Unterstützungen durch die Mechanik waren nicht die Taten eines Böswilligen, sondern die Handlungen eines Verzweifelten, der die Gesinnung riesenhaft in sich spürte, aber nicht Muskel genug besaß, ihren Aufforderungen ganz zu genügen. Prokrusteisch eingespannt in Muß und Nicht-ganz-können zog er es vor, mit den Mitteln der Geistmaschine nachzuhelfen. Auch die Kreuzfahrer hatten sie verwandt, als sie die Mauern brachen, die die Predigt nicht stürzte.

Ja, als einige Zweifelnde, eine öffentliche déconfiture witternd, die Kulissen erstürmten, fanden sie einen Fleiß und eine Bemühung, die sie fast erschütterte. Die Ideen waren zwar in der zweiten Bühnenetage nicht mehr vorhanden, denn sie traten nur auf, solange unten die kleinen Existenzen im Parterre agierten, und waren nur solange bereit, diese in sich aufzunehmen, damit sie aus der Existenz übersinnlicher Marionetten oder weltlicher Schatten in eine einmalige und ganze Realität sich schlössen. Denn dann erst könnte allen deutlich bewiesen werden, wie sowohl Welttragik, wie Kunst, wie Herr Sternheim sich aus dem üblen Fall, daß alles in dem Dasein zweihaft sei, herauszöge und Gut und Bös, Groß und Klein, Gerecht und Unglück, zwischen die sich immer Tragödie klammert, zu einem unirdisch schönen Lebenssymbol sich verbände. Sie untersuchten genau. Aber ach, sie fanden nichts, was gegen Sternheim spräche. Die Auswahl seiner Puppen war glänzend, er beherrschte das Weltbild, er kannte die Drähte, die Schliche, die Leidenschaften und Fehler seiner Zeit und des Menschen überhaupt wie kaum je einer. Die Könige, die Dirnen, die Männer, die Generäle, die Niederen waren geordnet und gestaffelt wie der Geist es verlangte. Das Spiel war auf bestes Gelingen angelegt im Sinne der größten Dramatiker, die diese Erde überwandert. Sogar zur Unterstützung waren den Figuren die Linien großen Geschehens in die glatten erlebnislosen Hände hineingemalt.