Sie lächelte, als große Worte heraufklangen. Es schien ihr, als ob ihre Haut und ihre schönen langen Schenkel bald wieder in paradiesischen Gärten und um wilde Pferdebäuche gehen würden. Als sie den Bart des Francis Jammes sah, der die schönste Stimme Frankreichs hat, nickte sie. Auch Schickele übersah sie nicht, als er sich aufmachte, das denen über dem Rhein zu sagen. Es wurden Feste in München, Heidelberg, Berlin, Darmstadt und in den Bergen gefeiert.
Man war dort sehr erfreut, denn die jungen Dichter fühlten den Atem der gleichen Absicht, das humanitäre, straffe, helfen wollende und leidenschaftlich angreifende aus der Luft. Zurück wich mehr gegen den Rand das Allzuviele, in dem ihre Straße nur als blankster Keil lag. Es kam Verwandteres und Geliebteres als das, was Volksgenossen immer noch den Kriegsinstinkten, den Hetzereien, der bösartiger Dummheit und den einfältigen Lastern gaben, und wo schlechte Handwerker an großen Aufgaben turnten. Epigonen des alten Schrifttums herum schlugen die Leier als Elegiker ihres Verkanntseins und hatten endlich als Fürsten Herrn Paul Ernst sich erwählt. Geschwänzte Knaben ritten Foxtrott auf den Sätteln, unter denen Gäule fehlten, aber sie übertönten den Galopp mit Geschrei. So brandet es rechts und links und von allen Höhen heran, man hält die Mitte und schaut nicht um, aber man saugt es gern auf, stürzt der Horizont herunter mit fremden Freunden. Ich sage es gern.
Denn natürlich steht mir Anatole France näher wie Hermann Stehr. Und René Arcos und Martinet, Goldring, Barbusse, Duhamel, Jules Romain, Dymow näher wie Herr Presber, Herr von Zobeltitz, Frau Dill, Frau Gabriele Reuter, Frau Boy-Ed, wie dieser oder jener Literaturschieber Cohn oder Kahn. Natürlich ist es wichtiger, das nackte Herz der Fremden eigenem Volk angenehm zu zeigen als Quatsch und Bockkohl eigener Volksproduktion immer wieder am Weg zu sehn.
Aber es muß einen Sinn haben, wie der Austausch sich untereinander verbindet.
Einmal müssen endlich die Zollwächter der Verantwortung an den Rhein- und Elbbrücken stehen und auf den Bodenseemonitoren, auf den Ost- und Nordseetorpedos sitzen, damit nur das bei uns einfällt, was als gute Sternschleuder bis auf den Boden zischt und die Völker einander kenntlich macht: so sind diese, das sind jene . . . und daß die Idee, mit Blei und Kugel einmal gegen diese an einem unsinnigen Tag heran zu ziehen, verzischt und verknallt. Aber natürlich darf nichts in jener Tendenz nahen wie die unsterblichen Dokumente der Dummheit, in denen Heerführer und Gesandte anderen Völkern ihre Barbarei bewiesen, indem sie den prunkvollen Glanz deutscher Demut und Kraft ihnen anpriesen wie Wurst und Präservativs. Die Vorsehung wollte es, daß man den gegenteiligen Zweck erreichte. Auch hat man gelacht. Man braucht den Deutschen nur zu zeigen, daß auch die Anderen Menschen und nicht Mörder sind. Haben sie das kapiert, wird ihnen auch die Folgerung aufgehn. Man braucht nur zu sieben, daß nicht der französische Schlamm hereinbricht, sondern daß die Bücher Laternae Magicae der Qualität als Dichtung und der menschlichen Gedanken als Inhalt sind. Das genügt. Aber man muß sie deutlich und mit nicht nachlaßbarem Nachdruck zeigen. Sonst halten sie es für einen Film.
Immer war Deutschland schon der Kulturbottich und das mitteleuropäische Bassin, in dem die fremden Fischsorten schwammen, Delphine und Krabben, Schildkröten und Heringe. Auch Miesmuscheln und Sand. Haifische und Hechte waren selten geworden, eher noch fette Schollen. Aber sie waren immerhin von Zeit zu Zeiten da. Man war urban, um es mit Gerechtigkeit zu sagen. Man gab den Refugiés des Geistes immer Asyl, aber die mittlere speckige Ware kochte ebenfalls durch alle Kessel. Jedoch auch die Genies der kleinen Völker wurden gemünzt. Heut noch degoutieren die Schweden den August Strindberg, heut noch führt ihr repräsentativer Dichter Per Halström (den sein konservatives Herz nur schlafen ließ, wenn die Deutschen am Tage ein Tausend Gefangener machten . . . so waren unsere Freunde) Krieg gegen ihn und den famosen Inselbewohner Hamsun, während das von Millionen beschossene und berannte Deutschland seine späten Stücke zuerst spielte, seinen Namen wie den eines Halbgotts feierte. Den Norweger Hamsun nahmen sie auf, zogen sie aus seinen paar hunderttausend Landsleuten, kiepten ihn auf die Schleuder und zeigten auf dem Donnerschlag des Paukenfells zwischen Alpen und Holstein, daß hier ein Genie lebe, von dem die Franzosen zwei Jahre nach dem Rückzug der Deutschen aus Pikardie und Belgien kaum den Namen und nicht eine einzige Übersetzung kannten. Sie verdarben sich, indem sie Herrn Ibsen zehn Jahre lang ausschließlich spielten, die Schauspielerschaft einer ganzen Generation mit Nervengeflüster und bemerkten gar nicht, daß sie darüber ihren bedeutendsten Dramatiker der letzten fünfzig Jahre, Frank Wedekind, gänzlich vergaßen. Sie haben die Dänen Jensen, Jürgensen, Jacobsen, Madelung, Aage von Kohl, die Schweden Gejerstam, Lagerlöf, Heidenstam weit über ihr Verdienst hinaus, aber auch dreißig hinter diesen her, in die Mitte gezettelt. Sie grinsten in allen Pressenotizen hinter d’Annunzios Abenteuern, Bangs Lastern, Wildes Extravaganzen, Björnsons Späßen schamlos her. Sie haben sich weit ausgebreitet, waren wirklich aufnehmend, geschmacklos in der Gastlichkeit nach allen Seiten wie das Haus eines Parvenüs (das sie auch hatten). Doch erstaunlicherweise, sogar im Kriegsgeifer zeigten sie etwas Genie, serbische Gedichte kamen, Russen und immer mehr Franzosen von Repräsentation erschienen und ihre Geister schwebten ruhig im Kanonenlärm. Zwar hatten der dramatischen Industrie Beflissene unter der strategischen Leitung der Presber und Fulda verlangt, bei Kriegsausbruch schon, den Fremden die Freiheit deutscher Bühnen zu sperren. Doch werden auch in den kaufmännischen Branchen Wucher und Unfairheit mittlerer Häuser keineswegs der ganzen Zunft als belastend ausgelegt. Auch waren die besten Dichter im Dienst des Übertragens. Schon begann im übelsten Lärm der Zeitgenossen die Solidarität der Künstler und geistigen Führer. Die ersten Stufen stiegen sie und proklamierten den Weg, den im Dienste des menschlichen Gedankens sie so bald nicht aufhören werden zu gehen: den zur Macht.
Sie haben einen langen Chausseestaub an sich bis zu diesem Punkt. Der häßliche kleine Homosexuale Sokrates hat sie noch bespieen, selbst Plato sie zu einfältigen Ingenieuren der Idee verwiesen. Das Pamphlet auf sie zu schreiben, blieb Plutarch, der zur öffentlichen Verachtung aufrief, aber Lukian, dem wohl gefiel, was sie schufen und der die Tragweite der heiligen Form begriff, war hinter den Verfertigern noch her als Tagedieben, Apachen und Fronsäuen. Auf den Märkten wandernd führte sie Dio Chrysostomos ans göttliche Licht, Plotin zeigte, ihre Schwängerung sei vom Geist, und Dürer machte sie deutlich, offen die Brust und diese ganz voller Figur. Alberti und der schöne Lionardo hoben sie in die geistige Sphäre ohne Makel hinein, und, im Quattrocento setzte sie der Facius genau neben die Päpste und Kaiser und Fürsten. Aber die Dämonie erst, mit der Michelangelo den Menschen die Überlegenheit seines Lebenssaftes unerhört bewies, stieß den Stand an die Linie des Sichtbaren heran zu Bedeutung und Einfluß. Bürgerliche Epochen haben das manchmal wieder verwischt, aber sie wagten es nie, wie im Mittelalter den Künstler und geistigen Menschen in den Abhub zu stoßen. Man hielt sie für gefährlich, vielleicht für Revolutionäre und Schweine, aber nicht für Schmutzsäcke und Sklaven. Sie waren Herren geworden, Marquis, Kavaliere, Gentlemen. „Ich verlange, daß Sie keine Kleinigkeiten von mir erwarten“ sagte hochfahrend ein italienischer Sculptore der adligen Hofwolke, als ihn der größte französische König empfing. Dort gings um Ruhm noch. Die Richtung ist abgebogen. Es geht um der Menschen und der Gerechtigkeit willen, um den Staat und die Macht. Die Geistigen schließen sich zusammen, werden ein Faktor. An einem Tage der Weltgeschichte werden die Schacherer der staatlichen Maschinerie, die Horde der Minister, Gesandten, Beamten unter die Kontrolle anderer Führer endlich gekommen sein.
Aber man muß die Einzelnen lernen, Sinn aus europäischen Einflüssen zu ziehen. Lobe ich die entgegenkommende Tornüre der Teutonen, gebe ich lang noch keinen Preis. Sie taten es aus einer angeborenen Tugend oder Neugier, vielleicht aus Haltlosigkeit allein, keineswegs aus Verstand oder Moralität. Man weiß wohl, Mischung sei gut und tut es bei Dünger, Tabak und Weinen. In England nimmt man zur Aussat durchgängig ausländisches Getreide. Die Bardrinks sind internationalste Koloristik. Kinder aus zweierlei Volk sind schöner, ja, der Verfasser des alten Buches über „Zeichen und Wert des verletzten und unverletzten jungfräulichen Zustands“ ist der Ansicht, die Häßlichkeit der Juden und Neger stamme lediglich von ihrer Abscheu sich stramm zu vermischen. Auch sind die Kinder südlicher Serails, wo Frauenelite aller Stämme in schönen Ställen stutet, von bester Form. Doch setzt dies alles voraus, daß Wille und Sehnsucht da ist zur anderen Vereinigung. Die Deutschen haben aber ohne Sinn und meskin und roh gelesen und getauscht.
Sie waren sehr verblüfft, daß Maeterlinck über seine großen deutschen Auflagen nicht vergaß, daß der Preuße ihm sein belgisches Haus zerstörte und daß Verhaeren, dem Deutschland mehr als Frankreich Bett und Heimat war, Flüche sprach, als Belgien überflutet wurde. Der deutsche Mensch hatte geglaubt, Dank erwarten zu müssen. Er hatte alle Seelen umsonst studiert, alle Bücher ohne Sinn gelesen, großen Aufwand aus den Fenstern geschmissen in den Hof und den Mist. Sie hatten nicht gelernt, aus der Luft der Freiheit in Tolstoi und Balzac die Lehre zu ziehen, sich selbst zu regieren, und seine Regierer rannten wie arme und stolze Wölfe gegen die ganze Welt, die ihnen so fremd war wie der Geist. Es half dem guten deutschen Teufel den Dreck, daß in seinem Kulturbottich die halbe europäische Literatur bis zu den kleinsten Schreibsardinen saß, als die Generalität in Belgien hauste. Und daß wir an Dichtern und guten, nur seither machtlosen Herren nicht ärmer sind als andere, unterstützte uns nicht die Spur, da draußen in der Breite der Masse man sie nicht kannte. Man setze dies den gallischen Freunden aufs Genick und schreibe es in die Minusspalte. Nur solche, die selbst nichts Gelingendes verstehen, sind drüben bei der Vermittlung tätig. Kleine Literaten und schiefe Journalisten übertragen. Man kann ein hochsteigendes Buch den Stallknechten zum Reiten nicht geben. Deutsche schlupften gern in das Trikot jedes Boulevardschmarrn. Doch zur Zeit des direktesten größten Einflusses unsrer Dichtung auf die romanische, als Musset, Hugo, Gautier vom Saft deutschen Genies überlebten und neben Byron in Hoffmann sich verzückten, gab es nur einfältige Verstümmelungen, nichts an Rhythmus und Klarheit ähnlich aufgetürmtes. Während die Staël von Deutschland schwärmte, empfahl Mathieu de Mirampal, da er dies Land für eines der Eisberge hielt, zum Zurückdrängen der Geschlechtsreife die französische Jugend in das kalte Klima zu senden. Selbst der zarte und süßeste Dichter des Rolla kannte kein Wort in Deutsch. Nun aber wird getan und nicht geschwatzt. Es geht nicht um Utopie, sondern um Aktion. Schon sind bereite und tapfere Hände da, das Blau des Vergessens und der Besserung auf die Wunden zu legen, mit denen man den ärmsten vom Krieg zerstörten Tieren, den Pferden, die geschlagenen Fesseln und Beine bedeckte. Steht Mensch zu gleichgeartetem Mensch erst einmal freundlich im Bund, ist das beste Geschütz gebaut gegen Kriegsgeheul, Revanche, Kastengeknurr. Man könnte ein neues Zeitalter einläuten, wollte man nicht mit der Skepsis, die aller Tapferkeit gesundester Bankert ist, die Resultate erst abwarten. Doch sind die Straßen voll von einigen Zügen Entschlossener, den Griff zu versuchen, der ihnen Mitbestimmung an den Leitungen der Völkergeschicke gäbe. Es ist dafür reichlich an der Zeit geworden.
Währenddem hat d’Annunzio mit Freischaren sich nach Norden begeben. Die Versailler Cäsaren haben in ihrem kompromißlichen Herzen eine Torte Europas zurechtgeschnitten, die zwar die Kandierung eines ersten Völkerbundes versüßte, aber in ihrer wilden Annexionsgier den stolzen südlichen Romanen nicht genügte. Ein Dichter hat Divisionen gegen den Völkerbund geführt und hat kein Unglück damit gehabt. Man hat ihn im pazifistischen Europa ein Konjunkturferkel genannt. Die Pariser haben unter der Führung Barbusses, der mit seinem „Feuer“ den Krieg allen Menschen bloß und grausam in nackter Verviehtheit vor die Pupillen warf, dagegen protestiert. Augenfällig: hier scheidet sich alte und neue Welt.