Das ist der geistgeschichtliche Weg, die Entwicklung und der Zustand. Verändert sich der Geist so stark, bekommt das Gesicht sehr durchlittene und heldenhafte Linien, der ganze Habitus verflucht und geheiligt anderen Umriß. Nie hat die Welt, weil sie so lange an Abziehbilder gewöhnt war, das Recken eigener visionärer Formsprache, mit soviel Abscheu, Schauder, Haß und Wut begeifert. Zu lange war der Geist in Villeggiatur am Nil oder auf Spitzbergen gewesen, daß, als er in Mitteleuropa wieder die Städte betrat, Polizisten auf ihn zu schießen begannen. Er war ihnen fremd geworden, und sein ungewöhnliches Aussehen, das weder mit Orden noch Uniformen bedeckt war, machte feindlichen Eindruck.
Die Gesinnung der deutschen Dichtung, soweit sie ehrlich, jung, qualitativ ist, ist europäisch, einem Völkerbund zugeneigt, den sie selbst, sehr anders wie die Versailler, schaffen möchte. Den Bund der guten Europäer. So klangen in aufrührender Novelle, Gedicht und Essay schon die Rhythmen anfangs des Kriegs. Bald gab es Phalanx. Es gab Töter des Seitherigen. Aufpflanzer neuen Ideals. Schwärmer der ungebundenen neugöttlichen Kraft, die sich in die großen Himmel, die aufbrachen, stürzten. Aufbauer neuer Architekturen. Als Motor das Herz, das ohne Ermüdung kämpfte und baute. Es gab keine Behaglichkeit mehr, auch nicht immer Ordnung, aber einen Trieb, ein Ziel. Die letzten Stangen der abgegrenzten Möglichkeiten galten allein als erstrebenswert. Die Literatur (und Malen, Bildhauern, Häuserbauen, Musizieren allsamt) begannen den Weg, den sehr leidvollen, sehr ruhmreichen, an dessen Anfang anfeuernd der Geist steht, an dessen Ende schmerzlich mit neuer Anstrengung als Ziel der Geist steht. Dazwischen Hasten und Kämpfen. Eine fiebrige Epoche. Alle Völker der Welt gehen ihn, haben ihn schon beschritten oder müssen ihn beschreiten. Vielleicht wird eine klassische Epoche hinterher in kühle Harmonien bannen, was hier mit Blut gearbeitet wird. Denn heut noch ist das romantische Streiten, Boden gewinnen, Urwald einhauen. Schließlich schwankt ja seit jeher die Welt zwischen diesen beiden Spannungen. Im Grund ist ihr Sich-Ablösen immer das Gleiche. Nur der Geist, der in unendlichem Saft steht, formt die Variation ein jedes Mal mit unbegrenztem fanatischen Neusein.
2. Marginalien zur Kritik
Kritik heißt nie: über eine Sache reden, sondern über ihr stehn. Nicht sie zerfasern, sondern ihr gütig nahen. Kritik heißt nicht wahlloses Urteil, sondern sie verlangt große Politik. Die Kritik unserer Zeit ist noch nicht erfunden. Ihr Niveau ist eine Unerträglichkeit. Auf keinem Gebiet der geistigen Disziplinen würde gewagt werden, mit solcher Verantwortungslosigkeit vorzugehen. Zur Kanarienvogelzucht, zu Petroleumtrusts würde nie ein Laie delegiert. Über Bücher schreibt jeder Dilettant. Doch selbst Fähigkeiten genügten nicht. Es bedarf des Menschen. Denn Kritik heißt Aufbau. Nicht Zerstörung. Heißt Liebe haben und nicht Haß. Dies ist das Zentrum. Nur eine große Persönlichkeit kann die ungemeine Verantwortung tragen, Kritik ist nichts Artistisches. Es ist eine humane Angelegenheit. Es ist der sicherste und direkteste Weg zur Kultur. Denn ihr Sinn ist, Niveau zu schaffen. Aus Liebe das Ungenügende zu zerstören, aus Liebe das Große immer wieder zu betonen. Das Wichtige zu plakatieren. Immer Diener sein der eigenen Verantwortung. Durch keinen Zweck der Person, durch keinen Gewinn, keine Frau, keinen Ehrgeiz gestört, getrübt zu werden. Nicht im Zeitlichen stehen bleiben, nicht dem Augenblicksreiz unterliegen, sondern immer das Momentane messen an der Verantwortung. Aber den Geist der Zeit fördern. Zeigen, daß Pazifismus nötig ist, aber noch lange nicht Rechtfertigung eines mißlungenen Gedichts. Aber kühn behaupten, daß Hölderlins Hymnen ein ungeheures Ethos tragen ohne einen zeitlichen Gehalt. Immer die Idee der Qualität als das Letzte nehmen. Den expressionistischen Nachläufer stäupen, den besseren Impressionisten unseres Tages bedauern, aber loben. Immer den Weg finden aus Zeit und Unzeit zur ewigen Prägung des Fürstworts. Feurig sein gegen das Gesinnungslose, kühl gegen Anmaßung. Fehler bekennen. Immer Linie halten. Nie den großen Dichter um Kleinigkeiten tadeln, während den Nebbich man laufen läßt als das, was er ist. Vielmehr auf das Wichtige sehen. In jahrelanger Arbeit nie den Lesenden verwirren, sondern ihn erziehen. Kritik ist im allerletzten und bedeutendsten Sinne Aufbau, Architektur, Arbeit am Leib des Volkes. Es bedarf nur neuer Rasse, das Werk zu machen. Radikal zu sein im Dienst am Geist. Klug wiederum mit Bescheidenheit auf vieles Wissen, da es nichts ist als Voraussetzung. Göttlich streitbar für Junges, ohne es innerlich zu überschätzen. Ohne literarische Geste, ohne Kunst zu wichtig zu nehmen, aber wissen, das alles groß Erlebte in sie zurückströmt. Vieles gesehen haben, das Meiste kennen und Menschliches verstehen in seinen Wurzeln, Fehlern und Güte — und dann zu richten . . . eine Aufgabe von solcher Humanität ausüben, ja allein auf diesem Boden der Gesinnung zu stehen, dazu bedarf es so ungewöhnlicher Menschlichkeit, daß es nicht erstaunt, heute keine Urteilenden gerecht am Werke zu sehen. Ist der neue Mensch geschaffen mit Einkehr, Lust an der kämpfenden Liebe und Hingabe am Werk, wird eine Generation von Kritikern aufstehn. Keine Eitelkeit wird mehr Triebfeder sein, kein geistiger Imperialismus Ziel, Diktatur nicht der Zweck, sondern ameisenhafte Arbeit an der Größe und Aufgabe. Und so Kultur und eine Tradition guten Sinnes. Und eine nicht zerstörerische und idiotische Kritik, sondern eine schöpferische, helfende, keine Analyse, sondern eine dauernde Tat.
3. Schnitzler und die Nerven-Zerfetzer oder der psychologische Roman
Was dem deutschen Roman fehlte, war europäische Fülle. Kleine Kritiker und sentimentale Idioten wagten daraus ein besonderes Lob zu gestalten. Seien wir gerecht. Grimmelshausen war noch eine große Sache und die mitteldeutsche Epik hatte wundervollen Weltstoff. Er ging verloren, verhüllte sich in Autobiographisches, und die Schicksalsrinne persönlicher Lebenskurven riß nicht Welt und Dasein in sich hinein. Die Felder der Prosa wurden nicht durchpflügt, sondern schraffiert. Eine Tradition war es wahrlich nicht, lief der Individualwahnsinn von Meyer bis Stehr, sondern es war Impotenz und Entsagung, Nichtkönnen, das sich kühn mit dem Trotz des Nichtwollens frisierte. Außenseiterei proklamierte sich als Typus und Wächter der heiligen Seelenfeuer der Deutschen und höhnte die großen Einsamen, die es im Wesenlosen, wohin es irgendwie in seiner Vereinsamung geflüchtet, suchten. Ehrlicher und anständiger ist das Geständnis, gefehlt zu haben und unvermögend gewesen zu sein, in Jahrzehnten den Geboten des Geistes zu folgen. Die Gründe ergeben sich von selbst.
Denn Stil der Kunst und des Lebens folgert sich nicht aus Stil selbst, sondern aus drängenden harmonischen Kräften, die durchblutend dahinterstehen. Die sind in Europa sonst nicht selten, Frankreich und Rußland, Österreich besitzen sie ohne Zweifel. Vielleicht hat das militaristische Preußen damit sogar Fontane gemacht, jedoch als Korrektor nur der Unzulänglichkeit. Sonst war Deutschland dazu nicht mehr in der Lage. Die Tradition der Bayern, Badenser und Schwaben war doch nicht kosmisch genug, um Weltliteratur zu machen, und brachte nur eine epigonenhafte Lokaldichtergarde hervor, die Gewohnheiten, jene faule Mischung von Denkunvermögen und Bequemlichkeit, für Stil, für stürzende und gestaltende Kraft hielten. Auf Frau Supper, Herrn Finkh, Herrn von Bodmann braucht die deutsche Literatur nicht stolz zu sein. Aus dem Grabe des immerhin großen Gottfried Keller saugen sie noch etwas vermodernde Kraft. Was diskutabel ist in dieser Folge ist Hesse, der, wenn auch Nachfolger auf diesem Gebiet der Schreibweise, dennoch mit einer süddeutschen Idyllischkeit und einem Anstand seltener Gesinnung weit über Nur-Literarisches hinausreicht. Er ist einer jener Deutschen, die, wenn auch Formung von Welt und Schicksalsbreite und Tiefe ihnen fernliegt, eine fast klassische Schönheit erreichen, tauchen sie in die Jugendzeit zurück. Man muß das ganze Werk dann ansehn und das Leben einer schon langen künstlerischen Gesinnung. Ausmaß zu großen Schaffenskomplexen haben noch andere hinter Keller her. Carl Hauptmann zerlegt es in oft zart und süß, aber immer zerfahrene impressionistische Gefühle. Stehr, der tatsächlich manchmal wahrhaft Durchleuchtendes hat, ist einer der schlechtesten Könner, obwohl’s bei ihm aufs große Maß hinausgeht, und kann Naturalistisches und Visionäres nie zusammenbringen. Er hat stets zittrige Hände, es wird nie was draus. Schaffner zöge gern reflektierend den Gedankenkreis der Epoche ins Rollende der Handlung, allein er bleibt im Schatten, breit, langweilig, schwerblütig und Desperado seiner Impotenz. Der stärkste, männlichste unter ihnen ersteht in Wilhelm Schäfer. Hier staut sich das Kellerische noch einmal in einer dunklen maskulinen Glut und sucht Generation und Ewiges zu Architektur und jener Allgemeingültigkeit des Übernationalen zu formen. Dennoch steht es neben der Zeit, es ist zu unnatürlich beruhigt in einer Zeit der ekstatischen Suche. Es ist gute Tradition, jedoch nicht die des suchenden Geistes, sondern einer Lebensform, die heute vom satanischen Brodeln des Entwickelns nicht durchleuchtet ist, und später, wenn Klassisches, das heißt Klar-Gewordenes, wieder die Allgemeinschicht der Kultur sein wird, auch nicht typisch sein wird. Denn ruhig kann nur werden, was bewegt war. Und das andere wird kalkig sein, weil es stets besänftigt war, und nur in alten Venen ein feuriges Atmen noch einmal aufging. Das alles sind Künstler von manchen, manche von hohen Rängen des Könnens, aber nicht in jenen mystischen Konnexen vereinigt mit Weltgewissen und Weltdrehung, die irgendwie erst das Repräsentative schaffen.
Dazu gehört eine tiefere, saftvollere Verwurzelung. Nicht eine Fortzeugung der Form, sondern ein Wurzel-Haben im Wesenhaften, im Völkischen, im Bodenwasser, im Ideensaft der Volksschicht. Dazu gehört eine Kultur, nicht nur Tragfähigkeit und gummihafte Dehnung einer Schreib- und Anschauungsweise.
Mit der wachsenden Skepsis und inneren Hohlheit, mit dem Bewußtsein der negativen Gehalte der vergangenen Epoche begannen Zerstörungen an dem sinnigen Erzählungsaufbau der süddeutschen Klassiker. Die Skandinaven beeinflußten. Hamsuns Größe verstand man nicht, und wie van Gogh die Maler, hielten die Literaten ihn für einen Impressionisten, genau wie die fadenfeinen Dänen Bang und Jacobsen. Aus all dem gab es ein impressionistisches Gemisch mit Klugheit wie Bahr, mit Virtuosität wie Kellermann, mit Aperçus wie Altenberg. Mit den überraschend und überschätzt aufgenommenen Naturwissenschaften wurden die Seelen zu Präparaten geschlagen. Die Dichtung ging in Dienst, hatte chemische Aufgaben der Auflösung, medizinische der Diagnose. Krankheitsfälle wurden tatsächlich Thema der Darstellung. Von Ibsen zu Hans Heinz Ewers ist der Weg nicht weit. Wassermann rettete sein sehr großes Talent, das auch aus solcher geistigen Niederung vogelhaft hervorbrach.
Schnitzler rettete Wien, machte ihn repräsentativ.