DAISY: Was müssen Sie gelitten haben.

KEAN: Ich?

DAISY: Nichts von alledem kann an Ihnen vorübergehn.

KEAN: Ich bin ein Mann.

DAISY: Ich bedaure Sie. Daß eine gerechte Sache soviel kostet ist teuflisch.

KEAN: Was kümmert mich der Kleinkram? Habe ich nicht eine Leistung in der Hand wie wenige im Jahrhundert? Kümmern mich die Schreiber, Spione, Paraden des Schmutzes? Oh. Wissen Sie, daß ich ein gutgewachsener Mann bin und zu lachen weiß? Wer kann an mich heran? O, das ist alles nichts, wo die tragische Lüge unserer Berufung uns immer viel tiefer sekündlich verhöhnt.

DAISY: Wer solche Tränen geweckt, solche Leidenschaften gelöst und solche Liebe gerufen hat, kann nur glücklich sein.

KEAN: Ich zöge es auch vor, lieber als Publikum vor meinen Talenten zu grinsen, statt die teuflische Meute selbst im Bauch zu haben. Bin ich denn nicht auch alles das, was ich spiele, und reißt es mein Leben nicht in sechs Teile auseinander? Seltsame Späße reißen mein Dasein ein; sapristi, wenn Sie die Späße kennten, die durch einen Tag meines Verstandes durchrollen! Ich will auf dem Rücken liegen und Wolken ansehn immerzu, Gnädige, am Wasser über Bergzacken hin. So bin ich einer. Ich will ein Heer kommandieren, so bin ich in einer Stunde. Ich will einen Mord begehen zum Mittag, so bin ich einer. Ich will im grünen Wagen hinausfahren durch Feuer und Dörfer und Kinder hinter mir her haben, die meinen Namen schreien, so bin ich einer später. Das alles drängt und stößt durch meine Brust und wechselt einander ab wie die Schildwachen, straff und mit Gewalt, gespannt und auf Letztes bereit. Ahnen Sie, an welchen Abgründen ein Tag vorbeiführt? Vermögen Sie zu verstehen, welche Höllen neben welchen Seligkeiten liegen? Und doch im Grunde bin ich nichts, was bin ich? Werde ich Wolken ansehn, werde ich Soldaten haben, welche Späße, Gnädigste, werde ich niemals mit dem grünen Wagen fahren? Ich werde keine von den Späßen leben, die mir ins Hirn gerollt sind. Es bleibt nur der fahle Schatten, der abends von Applaus umbellt ist, wenn er die Lüge dieser oder jener Existenz heruntergespielt hat. Es bleibt die Übelkeit, in Wahrheit nichts gelebt zu haben und sich und anderen für Stunden ein Betrug gewesen zu sein. Bleibt eine Tat, eine Handlung, etwas mehr als drei Tage Geschrei, wenn ich diese Sümpfe mit den seligen vertausche? Und wen soll ich gerührt, wen erschüttert, wen, mein Gott, für sein Leben gezeichnet sehen, wenn nach dem Abklatschen des Vorhangs und dem Erlöschen der Lichter ich alle Menschen die Gesichter wechseln und mit gewohnten Fratzen in den Karneval ihrer Erbärmlichkeit zurückkehren sehe?

DAISY: Wer mit solcher Kraft in einer Hölle steht, muß ein gerechter Mensch sein. Warum haben Sie die Hölle sonst nicht verlassen?

KEAN: Weil ich sie liebe.