Neben uns sinkt die gewölbte Schale eines anderen Bergs aus Föhren. Dunkle Silhouetten der Skier furchen seine Seite. Morgen werden wir skiern. Wir haben unmäßigen Hunger. Vor dem Holzhaus am Auslauf an gedeckten Tischen bringen Mädchen die Speisen. Plötzlich entsteht eine Bewegung und pflanzt sich fort. Fripouille, einen Kanarienvogel im Maul, den Schwanzbusch aufwärts, schreitet durch die bunte Menge, in stillem Adel, ohne Menschen zu achten, wie durch eine Gasse auf die Eisbahn zu.
Juju kann, wie wir in der Klamm sind, den Kopf nicht heben, der Himmel unendlich hoch ist zu dünn, die Sonne schießt herein. Hier ist ein Riß durch den Berg gegangen, die Wände zittern noch, es schneit. Eishauch schlägt entgegen. Ganz aus unsichtbarer Höhe stürzen Eiszapfen herunter, verwachsen sich wie starres Schlinggewächs und prallen bis an den Wildbach, der Wasserrollen zersplitternd gegen den Stein aufwirft. Der Grat ist schmal und schüssig und taucht in Tunnels. Geschwader von Eis strotzt von oben herunter. Die Sonne in dunklem Rot hängt einen Fackelbogen über den Riß. „Grand Boche“, sagt Juju und gräbt den Daumen in seinen Arm. Er, toll, nimmt Steine und schmeißt sie gegen den Eissturm, der heruntertobt. Doch es gibt wie einen Ball den Stein zurück. Da reißt er einen Eisspeer heraus und läßt die Wärme seiner Hände sich hineinfressen, bis sie ihn zersägt haben. Solange steht er unbeweglich. Juju zieht, während aus der Höhe ein geschmolzener Quader herunterkracht, die gelben Handschuhe aus und biegt ihren Mund in seinen. Aus den Seiten des Bergs wächst Eis wie wucherndes Fleisch in Wunden. Es frißt sich durch die Wände, Knorpel wuchern. Granulationen schießen empor. Auswüchse sperren den Pfad. Berge aus einzelnen Bowisten stülpen sich unzüchtig und schleimblaß, brennend kühl heraus. Quader und Türme formen sich zu massivem Gewächs. Wasserdampf schlägt sich frierend an die Schläfe, heulend wühlt in grünlichen Wirbeln giftig zu Füßen der Bach. Die Sonne kreist bös wie ein Geier, Juju zieht Schuhe und Strümpfe aus und weint vor Tollheit . . . Abends flammt eine Lampe auf, braun verhüllt, und greift vier Gesichter aus dem verschatteten Raum, rötlich, starr, geschliffen — pokernd.
Es schneit drei Tage. Wie ein Leib wälzt sich die Bergseite vor meinem Haus wollüstig aus dem Schneefall. Schneegitter sinkt hüllend zurück. Der spitze Kirchturm quert manchmal die quadratische Fläche eines Hangs. Dann steht der Schneetag unbeweglich wie eine Wand. Der Horizont ist Schneefall und grauweiß. Die einzelnen Häuser bleigegossen hocken steif davor. Wir fahren nach Innsbruck.
Die Bahn klettert greisenhaft, erreicht die Höhe und läßt sich wie eine Taube in schönen Serpentinen die Wände abstreichend gelassenen Zugs ins Tal, das unbeschreiblich voll wallender Sonne liegt. Unsere Herzen lauschen und schlagen in die Südlichkeit betäubend hinein. Hier könnten Olivenbäume stehen.
Wachsgelbes Licht flutet warm wie Meran. Wir zittern. Wir dehnen uns, voll Rausch. Aus allen Fenstern leuchten die guten gelben Äpfel, still und groß. Wir kaufen viele, schmeicheln sie an die Wange und beißen in das süße Fleisch. Wie glücklich wir sind auf der Mitte der Straße. Szlivovicza gießen wir in die Brust, Feuer aus serbischen Pflaumen. Das ist die Stadt greifbarer Sonne, Seligkeit der mittäglichen Straße. Wir sind an den Süden herangerückt, wie alle Fenster leuchten, die Gitter und die Ecken. Wir knien uns mitten auf die Straße und beten die Ruhe an, die Wärme, die gelben Calvilles, den Brunnen, die Verzierung des Likörladens und die unbegreiflich gleich Schneebogen über die Stadt ziehenden Höhen. Demütig stehen wir auf und gehen in die Domkirche zu den bronzenen Königen.
Wir waren stolz diesen Tag, wir hatten Cadix und Limoges im Herzen. Wir gaben Preise aus: Teodorick, kuning der Goot, sanft in die Hüfte geknickter Streiter, schmerzlich ein duldender Engel über das Schwert hingelehnt . . . und Teopertus, kuning zu Provanz, herzog zu Burgundi, der die Fäuste geballt vor sich hin hielt, dessen übermäßige gerüstete Brust die Miniaturen unzähliger Kinder überspielten, der ohne Gesicht den Schnabel des Visiers Gott frech in das milde Antlitz hinaufhielt. Durch Gottes großes Auge fiel Zinnoberlicht. Dem Abend gaben wir uns hin, der verzauberte und verführte, weich und duftend und honigfarbnes Geleucht durch alte Gassen ziehend. O Brunnen, die in den Abend fielen. O Geräusche. Wie nahm unsere Inbrunst die Madonnen über Türen, tanzende Sonne auf dem goldenen Gitter, starre Riesen in gotischer Fassade und die unendliche Tiefe blauwarmer Schatten in den Laubengängen. Wir weinten in den Abend.
Dann fuhren wir zurück in das Land, und es kamen die Berge. Einige standen wie Kegel schwarzseidig allein. Wildere warfen sich entgegen, verwüstet die Rücken, die Brüste zerfleischt. Dann sammelte die Dämmerung sie in Rot, in dem sie unwirklich verschwammen, als wie große Symbole harter Sehnsucht in die Landschaft hinausgeboren von unseren Augen, die noch trauernd im Süden hingen. „Boches mythische Sehnsucht in die Sonne“, lachte die Magyarin. Aber als Schneefall und Dunkel die Berge hinwegnahm und entrückte, da wuchs zu der Trauer eine noch unbändigere Verzweiflung: wir könnten auch das Entsetzlichere, wir könnten auch keine Berge mehr sehen, und steigerte sich tödlich, wie an jenem furchtbaren Abend, als zwischen Colmar und Straßburg auf meiner letzten Fahrt die stahlblauen Rücken der Vogesen wie Tiger von mir weg in die Hölle des feurigen Abends hineinsausten, bis nichts mehr war, als Angst, Verlorenhaben und Einsamkeit.
In der Nacht fuhr ich aus dem Bett. Das Zimmer gleißte. Draußen stemmen sich metallen leuchtend die Berge in das Fensterbild. Der Mond warf feurige Brände herein und heulte Glühflammen durch die eisige Nacht.
Eine schöne Frau ist angekommen mit einem lachsroten großen Mund. Wir haben sie angestaunt und ihr die Hände geküßt. Wie kann man so schön sein, solche Pflege und die Linie solcher Bewegung. Uns donnert nur die Sonne in das Gesicht.
Unser Haaransatz ist silbern gebleicht. Das bronzene Braun der Gesichter hat einen weißen silbernen Unterglanz. Die schöne schmale Frau floß mit einer Rinne dünnen Geruchs nach sich über die Rodelbahn. Sie hatte einen dicken, ganz seltsam einfachen Stock in der Hand. Sie war wie ein Wunder. Die Schlitten sprangen höher vor ihr. Der Wind wehte entgegen, doch die tausend Fahnen drehten sich gegen ihn und flogen auf sie zu. Abends haben wir sie in den seidenen Schuhen zur Bahn im Pferdeschlitten gefahren. Fripouille biß in der Nacht einen Dachshund tot. Ihr Kopf ist gewaltig angeschwollen vor Stolz, halb so groß wie der riesige Albert Steinrücks. Das Leben wäre eine einzige berstende Wildheit, wäre nicht die Stunde des Tees bei der lieben Frau, ihre aus gelben Shawls herauskommende weiße Hand. Mit Stöcken gehen wir den Abend noch spazieren in die Ebene hinter den Häusern.