Was war uns das: steinerne Straßen, durch die Gefährte jagen, grelle Lichter, die den Himmel auslöschen, deren Sehnsucht gesäugt ist am Löwenton stürzender Lawinen. O unsere Flucht zum englischen Garten, Herden von Schwänen ins Grün gelagert, Mövenschwärme über beschneiten Ufern, Rollen weißen Wassers an den Kanälen. Bäurische Pracht Nymphenburgs, eingeschneit in Safransonne, Tanz von Figuren und Licht an vereisten Wasserstraßen, süße Brust der scheuenden Venus Ganovas.
Dann erst faßte uns die Buntheit der Menschen und der Säle. Wir hörten aus den gemilderten Höllen Advents die noch zu feine süße Stimme Lucy von Jakobis singen. Unda gleißt auf, kaleidoskopischen Blutes, das Weibchen. Paul Marx stößt seinem Partner widerhakende Worte in den Leib, heiser schreiend daran reißend. Es erscheint Kalsers schmale, nur geistige Linie, von Vangogh’schen Verzückungen verklärt, nicht für andere spielend, nicht den Menschen, Gott vielleicht oder dem Mond. Wir sahen den großen Schauspieler Albert Steinrück, Kapitän des Totentanzes, den wir nie vergessen. Als Albert den Säbel auf den Tisch hieb, schlug er die Mitspielenden aus unserem Hirn, sie klebten an der Wand, irr, ausgelöscht. Als er mit nackter Klinge den Bojarentanz sprang, glaubte das Herz, hier sei die obere Grenze des Wilden, nichts könne furchtbarer sein, und erschrak in Zorn. Wenn er schrie, brüllten unsere Zungen stumm mit vor Wonne. Als er aber schweigend die Lichter zündete, wie sein Hirn büffelhaft am Metaphysischen riß, als er stumm nach dem Anfall sich ins Leben mit wüstem Ruck hinaufzwang, da brausten aus der Stille der Bühne reißende Ströme unbegreiflicher Kraft, daß wir geschüttelt uns in ihnen bewegten, entsetzt und niedergeschmissen, und die Herzen der Frauen auf die Knie stürzten.
Aber unsere übergroße Sehnsucht hat uns über azurnen See, aus dem Dampferschaufeln silberne Strahlen wühlten, in das Blau zurückgezogen. In roter Lawine saust unsere furchtbare Sonne durch den geruhigen Himmel. Berge wachsen aus der breiten Erde und liegen weiß an der glänzenden Brust des Horizonts. Luft der großen Dinge weht durch unser Tal. Hier ist nicht Kampf, keine Bedrückung. Hier ist Ruhe und Andacht im wilden Widerhall des Blutes. Hinausströmend uns in das Leben, bleibt keine Besinnung, nur Erwarten, Sehnsucht und Wiedererfassen des Daseins.
Ich habe das Tal verlassen. Herz wuchs sich groß und krampfte unter zu großer Klarheit. Wir sind nicht gemacht, nur um zu leben.
Ich habe die schmetternde Sonne verlassen, freiwillig mich wendend, entsagend, in die arbeitsschwere Einsamkeit der Stadt. Stadt bestürzender Enge, niederen Behagens, wohl genährt, aber ohne Wollust, Stadt Georg Büchners, der ein Schicksal Prüfungen nie gab, klein, feist und bürgerlich und selbst zu feig zur Sünde. Ich hasse ihre Trottoirs, ihre Häuser, Gesichter, ihre Bäume. Doch ich fühle, wie im Zurückströmen der Welt, der ich mich hingab an den Bergen, eine Glut aufwächst im Zorn, die ich schwer entflammt in Arbeit verbrenne. Möge Gott mich an seinen Fingern hinaufreißen an der Welle dieses Gefühls, daß ich, zu den letzten ekstatischen Höllen des Kraters aufsteigend, unser dichterisches Schicksal erfüllend, blutige Worte im Mund den Haß der Vaterstädte aufrufe.
Wie Sie, so sehr liebe Frau, vom Langbalkon Ihres Hauses die hohe Südkette weißer Berge sahen, den glühenden Horizont am Mittag umfassend und das Glas über den Augen unseren Herausbruch aus den Hängen erkennen konnten: Suzannes springende Gerecktheit, Amelies helle Hüftenschleife, Jujus süße Angst, Schülein, den rasenden Skier . . . und leicht vor dem Abend stehend dies tolle Dasein vor sich zerfließen sahen — — so reckt sich manchmal in unbändigerer Vision eine Ebene zu mir herauf in mein fensterloses Zimmer, auf der Figuren starr stehen: Albert wie ein Boxer in schneeiger Straße malend, Lucy von Jakobi blauschwarzen Haares dunkel im Liegestuhl unter rotbraun fallender Sonne, der Schauspieler Marx, die Rätsel erratend, Erna Morenas schönes Lächeln, Schmidtbonn Lola führend, Herzog seltsam sprechend, Alfred Meyers gütiges Gesicht, . . . bis sie beginnen, bewegt in unerhörten Tempen sich zu verwirren und verblassend zu verschwinden. Dann rauscht das Zimmer, und donnernde Musik vom Menschen umschlägt den Entfernten, dem schon der Garten hereinwächst mit März, Tulpe und Gebüsch.
Anmerkung zur Transkription
Quelle: Die weißen Blätter, Rascher & Cie., Zürich, Leipzig, 1916, pp. 162-173.