»Ach, geben Sie schon her! Ich kann nicht mehr warten!« Und er setzte die volle Flasche an den Mund und leerte sie gleich bis zur Hälfte.
Aus einem Winkel des Stalles kam jetzt ein niedliches Meckern. Dort stand ein kleiner schwarzer Ziegenbock mit weißen Beinen und weißer Kehle, den John für fünfzig Pfennige von einem Bauern gekauft hatte. Das Tierchen wollte zu ihm, als es seine Stimme erkannt hatte. Rodenberg mußte es losmachen.
Wie der Wind stürzte es nun zu seinem Herrn, legte die Vorderhufe auf seine Knie und sah ihm lieb und einfältig ins Gesicht. Von Rodenberg unterstützt, zog John es auf den Schoß. »Mein trautster Junge,« sagte er zärtlich, das Böckchen an sich drückend.
In John war trotz aller Verkommenheit der Vater erwacht, ein sehr zärtlicher, sehr fürsorglicher, verliebter junger Vater. Den Frauen gegenüber war er zurückhaltend und jungenhaft geblieben. Er mied sie nicht gerade, aber er suchte sie auch nicht; sie flößten ihm zuviel Scheu ein. »Es geht ja auch ohne Weiber,« erzählte er Rodenberg. Und doch war trotz seiner Verdorbenheit der Vater in ihm erwacht, er hatte sich mit Inbrunst ein Söhnchen erkoren, und das war Peter, der kleine Ziegenbock. John hegte Zuneigung zu allem, was Tier war, und Abneigung vor den meisten Menschen. Man muß sehr hoch oder sehr tief stehen, um das zu empfinden. John stand recht tief, und das Laster machte ihn scheu, darum waren ihm die Tiere lieber als die Menschen. Er nannte ein Tier »mein Söhnchen«. Und der kleine Ziegenbock hatte einen guten Pflegevater in ihm gefunden. John fütterte ihn mit Leckerbissen, er machte ihm ein weiches Bettchen, er kämmte ihn, er bürstete ihn und hielt ihn wie ein Kind auf dem Schoß.
Rodenberg hatte die nächste von der Decke herabhängende alte Stallaterne angezündet und brachte nun eine zweite Flasche zum Vorschein. »Prosit!« sagte das Väterchen auf dem Futterkasten, und Herr und Kutscher taten einen tiefen Zug, jeder aus seiner Flasche. »Se müssen auch mal absetzen, jung' Herr,« bemerkte Rodenberg väterlich, da John dies zu vergessen schien.
John hielt die geleerte Flasche gegen das Licht. Es war auch nicht ein Tropfen mehr darin. John ließ die Unterlippe hängen und sah Rodenberg wie ein bittendes Kind an. »Holen Sie mir mehr!« stotterte er.
»Ich trau mir nich,« wandte der Kutscher ein, die hingehaltene Flasche aus seiner nachfüllend.
»Sie haben wohl Angst vor den beiden am Fenster, vor Paul und Leo, was?«
»Na ja, die petzen doch immer jleich.«
»Ich hasse sie,« stammelte John mit zuckendem Gesicht. »Ich hasse sie! Weißt du, Rodenberg,« fuhr er fort, »sie würden sich freun, wenn ich stürbe – morgen – heute. Was dieser Leo für Augen hat! Hast du schon mal solch gräßliche Augen gesehen, Rodenberg? Ich könnte sie ihm ausreißen, denn sie jagen mich von überall fort. Ich soll machen, daß ich vom Erdboden verschwinde. Ich soll krepieren. Gleich auf der Stelle.« Er weinte.