Warum schüttelte sie sich plötzlich? Das Blut der Mutter kam nun auch zu seinem Recht. – Ohne Liebe sich verkaufen – das war noch härter wie die Fron des Alltags.

Auch nicht um der Kunst willen? Sie fühlte, daß es ihr ans Leben gehen wollte.

Wenn sie vor jedem entscheidenden Schritt erst zu Ralf Kurtzig, dem alten Meister, gehen würde? Vielleicht wußte er ihr einen Gönner, der aus Freude an ihrem Talent freigebig war. Vielleicht riet er ihr aber auch, daß sie lieber hungern und verzichten solle, als ihre Kunst aufzugeben. Ja – es war sogar sicher, daß er diesen Rat erteilte. –

Befolgen hätte sie ihn nicht können. Nach dem Tode ihres ersten Gönners hatte sie damit einen kurzen Versuch gemacht. –

Die alte Pauline klopfte leise und trug ein vollbesetztes Tablett herein. „Jetzt müssen Sie etwas genießen, Fräuleinchen.“

Eva von Ostried wollte fest bleiben. Es gehörte ja alles der Frau, die wohl doch im letzten Augenblick ihr feierliches Versprechen bereut hatte. Aber das Hungergefühl schmerzte beim Anblick der guten Sachen. Sie überlegte nicht länger.

Erst, als sie völlig gesättigt war, verachtete sie sich deswegen. Jäh packte sie die Angst, daß sie sich letzten Endes auch zu dem andern zwingen lassen könnte.

Stumpf legte sie das kostbare Kleid wieder ab und schlüpfte in das schmucklose Trauerfähnchen. Dann ging sie langsam den Weg, der zur Eisenacherstraße führte.

Irgendwo auf dem Wege dorthin zu ihrer Linken lag ein weinumwachsenes Haus. Der goldgelbe Kies war stumpf und bleich geworden, weil ihn die Sonne nicht mehr beschien. Es war eben acht Uhr. Sie wußte die Zeit nicht. Mit schleppenden Schritten ging sie an dem Hause im Schatten vorüber. Ein paar volle Akkorde schlugen von dem tönenden Reichtum drinnen, an ihr Ohr. Sie wollte nichts hören. Eine Stimme erhob sich:

Geschmolzen ist der Winter Schnee